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Ein großer Spaß

 

Zugegeben: Sergio Cammariere ist außerhalb seiner Heimat ein relativ unbeschriebenes Blatt. Ein Geheimtipp, der wohl nur Italien-Kennern geläufig ist. 2003, damals noch in den besseren Tagen des San Remo-Festivals, wurde er Dritter des Hauptwettbewerbs und konnte sich den Preis der Kritiker sichern. Sieben Jahre später hat seine Karriere ihn mehr und mehr weg von den Popbühnen geführt. Ein Livemitschnitt entstand im legendären Teatro Strehler von Mailand, und zuletzt konnte das internationale Publikum ihn auf dem Jazz-Festival von Den Haag erleben.

"Carovane", sein neues Album, ist die konsequente Fortsetzung der musikalischen Entwicklung des aus Kalabrien stammenden Musikers. Einerseits steht es in der besten Tradition der großen Cantautori Italiens, doch andererseits ist "Carovane" zweifellos ein Jazz-Album - und Aufsehen erregend in beiden Genres.

Cammariere ist Komponist und Pianist. Die Texte überlässt er am liebsten seinem langjährigen musikalischen Weggefährten Roberto Kunstler, dem es immer wieder gelingt, die Atmosphäre der Lieder stimmige Bilder umzusetzen. "Senza fermarsi mai" beschreibt in melancholischen Worten das Leben als niemals endendes ("Senza fermarsi mai") Streben nach Sinn und Erfüllung. Cammariere entwirft für diesen Gedanken einen druckvollen Rhythmus, der vom Schlagzeug getragen und später von Klavier und Trompete beschleunigt wird.

Andererseits ist er genau so in der Lage, die assoziativen, bisweilen fast meditativen Grundmuster der Texte durch ungewöhnliche Instrumente, darunter indische Tablas und eine Sitar, zu verstärken. Mit ihnen entfaltet er keine aufgesetzte Exotik, sondern erweitert seine Ausdrucksmöglichkeiten. So spricht schließlich das gesamte Album - Worte, Stimme, Melodie, Arrangement - die selbe Sprache und erreicht damit auch das Publikum, das Italienisch nicht versteht.

An einer Stelle allerdings würde man dann doch von ihm getäuscht: Wenn er nämlich mit Big Band-Sound und beherztem Crooner-Schmelz in der Stimme "Il paese di finti" anstimmt. Der Sound klingt gut gelaunt und nach purem Entertainment, doch tatsächlich geht es zur Sache: "Man wählt den Wandel - doch es ändert sich gar nichts", heißt es dort, und: "Niemand hat etwas dafür getan, dass die Dinge sich ändern // Es regiert nur Heuchelei // Kultur ist abwesend // im Wettstreit gewinnt nur der, der am meisten stiehlt."

Es gehörte schon immer zu den herausragenden Qualitäten italienischer Cantautori, raffinierte Musik und geistreiche Texte miteinander zu verbinden. Sergio Cammariere zeigt, dass dieses Genre keineswegs tot ist - und bei aller Ernsthaftigkeit großen Spaß machen kann. Sehr großen Spaß sogar.

 

© Michael Frost, 02.04.2010


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