.

 

 

Suchen nach:
In Partnerschaft mit Amazon.de

Die JAMIE-Story
von Hans Happel


Easy listening pur: das ist der erste Eindruck. Da bewegt sich ein Youngster zwischen Jazz-Standards und Pop-Klassikern, locker, leicht, gefällig, gut für den CD-Player im Auto. Er heißt Jamie Cullum, und dank einer aufwändigen Promotionkampagne geht ihm der Ruf voraus, Großbritanniens jüngster Shootingstar zu sein, der "youngest swinger in town", dessen Goldkehle die Qualitäten von Sinatra, Radiohead und Coldplay vereinige.

Die "Jamie-Bio" des 23-Jährigen wird in Hochglanzbroschüren vertrieben, in Kurzform: Papa, Hobbymusiker, erfolgreicher Geschäftsmann, Sohn schlechter Klavierschüler, entdeckt irgendwann Papas coole alte Jazz-LPs, mischt in der lokalen Jazz-Szene von Wiltshire mit, schreibt sich an der Uni für Film und Englische Literatur ein, nimmt privat sein erstes Album auf, das zweite erscheint auf einem kleinen Label und erntet Jubelkritiken. Nach seinem Auftritt in einer populären Samstagabend-TV-Sendung wird der Junge zum Star, der Prince of Wales bittet ihn als musikalischen Gast zum Geburtstag der Königin.

Diese JAMIE-Story ist nicht nur eine Bilderbuch-Karriere, es ist eine Bildergeschichte. Denn das muß man ihm lassen: Jamie Cullum sieht gut aus. Er könnte der Leonardo DiCaprio der Popmusik werden, sein schönes Gesicht hat diesen gewissen, frechen Kick.

Cullum tritt in aufgerissener Jeans, ollem T-Shirt und knittriger Lederjacke auf, oder in dunklem Anzug, blauen Turnschuhen, offenem Hemdkragen und lose gebundenem, rosagemusterten Schlips. Die Fotos zeigen einen Jungen, der Eleganz und Lässigkeit bruchlos verbindet.

"TWENTYSOMETHING" heißt das Album, das sich in England schon eine halbe Million mal verkauft hat, und in der Tat: Dieser Junge hat eine starke Stimme. Sie ist jugendlich-erotisch, klingt stets etwas belegt und nasal, leicht rau und dunkel, gelegentlich kratzig, und immer unangestrengt. Da klingt ein bischen der coole Silberton von Sinatra durch, aber Jamie Cullum ist keine Neuauflage des abgeklärten Edel-Swingers, seine Stimme ist viel weniger kräftig und vor allem ist sie nicht nur gepflegt, sondern mit einer leichten Schmutzspur gegen allzu viel Bravheit immunisiert.

Mit dem Album TWENTYSOMETHING setzt Cullum auf Mainstream, auf ohrwürmige Melodien und rhythmisch bewegte Arrangements. Er geht keine Risiken ein, er macht Musik für die Charts, mehrere Titel haben er und sein Bruder Ben Cullum beigesteuert: schlichte, klare Pop-Melodien.

Der Cole-Porter-Klassiker I GET A KICK OUT OF YOU wird mit jugendlichem Tempo genommen und rhythmisch leicht gegen den Strich gebürstet, das melancholisch leise BLAME IT ON MY YOUTH duftet wie eine Liebesnacht im Frühling. Dieser Song, in dem sich Jamie Cullum am Piano begleitet, deutet an, dass er viel mehr kann als hübsche Preziosen backen.

Dass er viel mehr will, zeigen seine Versionen von Jimmi Hendrix´ WIND CRIES MARY und vor allem Jeff Buckleys LOVER,YOU SHOULD HAVE COME OVER. Jamie Cullum hat einen der schönsten Songs dieses früh gestorbenen Romantikers unter den amerikanischen Songwritern der 90-er Jahre ausgegraben. Er rettet ihn damit vor dem Vergessen und er singt ihn mit soviel Seele in der Stimme, als wolle er sagen: "ich bin nicht nur der kleine Junge, der mit Papas alten Jazznummern kokettiert und viel Wind um den swingenden Kick in seiner Stimme macht". Mit einem Wort: Aus dem Jungen kann was werden.

© Hans Happel, 8. April 2004

 

Weitere Beiträge von Hans Happel


[Archiv] [Up]