„Feiner Wahnsinn“ bedeutet der Künstlername der 22-jährigen Alison Sudol. Eine gute
Betitelung, denn sie macht es selbst dem routiniertesten Musikjournalisten schwer, eine bessere
zu finden. Dabei sind die Feinheiten ihrer Musik offensichtlich. Ihre Stimme ist sanft und
zurückhaltend, ihr Klavierspiel gefühlvoll und die Texte zeigen sie verträumt und ein wenig
verspielt. Lediglich nach dem Wahnsinn muss der Hörer bisweilen ein wenig suchen.
Alison ist 5 Jahre alt, als sich ihre Eltern scheiden lassen. Ein Einschnitt in ihr Leben, der sie
später an das Ufer der Kreativität treiben soll. Bereits auf der Highschool singt sie in einer Band,
steigt jedoch später aus, um sich auf eigene Faust das Klavierspiel beizubringen und selbst Musik
zu machen. Das Schreiben der Texte stellt dank ihrer Leidenschaft für Literatur kein Problem dar
und so sind alle handwerklichen Voraussetzungen zum Musizieren gegeben. Doch nicht nur ihre
motorischen Fähigkeiten beweist Alison auf ihrem Debüt, denn die fantasievollen Texte und das
Gefühl in ihrer Stimme ergänzen das Hand- zum Kunstwerk. Dieser Ansicht war wohl auch ein
Manager des Majorlabels EMI, der sie kurzerhand unter Vertrag nahm. Er hatte sich Alisons
Musik in ihrer Wohnung angehört, wo sie selbstgebackene Kekse von ihrer Mutter anbot.
Die erste Singleauskopplung ihres Debüts ist der Song „Almost Lover“. Ein ruhiges Klavier,
Alisons feine Stimme und genau das richtige Maß an Produktion. Dies ist leider nicht bei allen
Songs der Fall, so kommt „Come on, come out“ zum Beispiel wesentlich poppiger daher und
klingt dabei zeitweise etwas überladen. Dieser Drang zur Marktfähigkeit tut den ruhigen und
natürlichen Songs auf dem Album nicht immer gut und entlarvt so die mittelmäßigen Lieder des
Albums, auch wenn sie naturbelassen ohne weiteres mehr Potential gehabt hätten. Ein anderes
Beispiel dafür ist der Track „Last Of Days“ der anfangs eher ruhig und introvertiert wirkt, zur
Mitte hin aber deutlich schmalziger klingt. Anderen Songs tut diese Produktionswut wiederum
gut, denn „Liar, Liar“ gewinnt durch das Schlagzeug und die begleitende Klavierspur ein wenig
an Fülle und kommt letztendlich auf das perfekte Maß an Popeinflüssen, während die
Folkelemente allein durch das französisch klingende Akkordeon zu Beginn des Liedes nicht zu
kurz kommen.
Abseits dieser ausgewählten Stücke ist „One cell in the sea“ eine vielseitige Platte für Romantiker.
Naturverbundene, gefühlvolle Texte, eine Stimme die zwar nicht immer ganz perfekt ist, aber
einen unvergleichlichen Charme besitzt und natürlich die wunderschönen Klaviermelodien.
Alison Sudol schafft sich mit ihrem Debüt eine eigene kleine Welt, in der Bilder zum Leben
erwachen, Kolibris mit Ameisen Kaffee trinken und Elefanten ihre Erdnüsse mit Ratten teilen.
Der einzige Störfaktor der CD ist die gelegentliche Überproduktion, doch hat man erst einen
richtigen Zugang zu Alisons Texten und ihrer Musik, blendet man alles Überflüssige automatisch
aus und träumt einfach mit ihr zusammen. Das einzige was dann noch bleibt sind die schüchterne
Fantasie und das kleine bisschen Wahnsinn.
©
Timon Menge, März 2009