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Salonmusik
im besten Sinne

von Hans Happel


"Public Jazz Lounge" ist ein Programm, und da ist Vorsicht geboten: Das klingt zu schnell nach dem populären Ruf "raus aus der Nische", easy-listening, Jazz als Barmusik, als Hintergrundgetingel für Salongeplauder. Joo Kraus, einer der wichtigen jüngeren Jazzmusiker der deutschen Szene, hat jahrelang in der Hip-Hop-Formation Tab Two gespielt, war vorher in die Jazz-Rockgruppe Kraan eingestiegen, ist gelegentlich bei De Phazz als Gasttrompeter aufgetreten und hat zuletzt mit Altmeister Wolfgang Schmid (Special Kick) gearbeitet.

Bei soviel Erfahrung mit der Fusion von Jazz, Rap, Funk und Rock darf erwartet werden, dass der programmatische Titel "Public Jazz Lounge", den Joo Kraus seinem jetzt erschienenen Album gegeben hat, nicht auf konventionelle und flache Wohlfühlsounds zielt.

Zwar ist die Grenze durchlässig und mindestens in einer der 13 Tracks - "Love is all we need" als süffiger DiscoJazz - überschritten, aber im Kern geht Joo Kraus eine andere Richtung: Er verbindet den geschmeidigen, brillianten und gelegentlich geradezu innigen Ton seiner Trompetensoli mit großflächig und farbig-differenziert arrangierten Bläsersätzen, die Ralf Schmid der SWR Bigband auf den Leib geschrieben hat.

Das beginnt mit einer Hommage an den Trompeter Freddie Hubbard, mit Hubbards Titel "Red Clay", in dem nicht nur Soli und Band kunstvoll verschränkt werden, sondern der Musik ein Rap-Gesang (Lyrics: Ian Cumming) unterlegt wird, eine raue, treibende Stimme, die den Bogen schlägt zwischen Jazz-Standards und ganz aktuellen Sounds. Und so sehr darin auch die Salonmusik mitklingt (es darf geredet werden), diese Mischung ist nicht nur angenehm hörenswert, sie ist raffiniert.

Joo Kraus mixt wenige Eigenkompositionen mit klassischen Titeln aus der Jazz und Rock-Geschichte, darunter so bekannte Nummern wie das Traditional "Scarborough Fair", Joe Zawinuls "Birdland" oder Björks "Venus as a boy". Björks sprödes Eingangsthema wird in eine Cool-Jazz-Sequenz verwandelt, schon das eine raffinierte Metamorphose. In "Scarborough Fair" singt Joo Kraus zuerst rappend die Strophen herunter, um dann mit einem Trompetensolo zu starten, in das sich die Big Band bis zum großen Finale furios einmischt.

Mitreißend groovende Funk-Rhythmen kennzeichnen viele der Nummern, insbesondere den Earth, Wind&Fire-Hit "Getaway" oder die Eigenkomposition "back to the basics", ein Titel, mit dem Joo Kraus auch verrät, wohin es ihn zieht: Denn seine Basics sind die klassischen Trompetensoli von Freddie Hubbard und Miles Davis, es ist die Verbindung von virtuosem Glanz und Wärme, aber Basics heißt auch jene "kontrollierte Freiheit", von der Miles Davis gesprochen hat, die sich in den traditionellen Bahnen des tonalen Jazz bewegt.

Joo Kraus entwickelt hier einen kräftigen, tänzerischen, swingenden Sound, der gut unterhalten will, der in die Beine fährt, und der mit seinem fast durchgehend unterlegten Rap eine überraschende Frische erhält. "Public Jazz Lounge" ist Salonmusik im besten Sinn, populär ja, aber in den vorzüglichen Arrangements nicht süffig oder verklebt, sondern stets durchsichtig und klar. Die letzte Nummer "one moment in time" könnte ein Versprechen sein: Es ist ein leises Wiegenlied, es ist Joo Krauses "round midnight", es ist relaxed und angespannt zugleich, zwar ist der Musiker noch nicht bei Miles Davis angekommen, aber die Richtung stimmt.

© Hans Happel, 22. November 2003


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