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Überwältigende Wucht


Sie war als hoffnungsvollsten Interpretin des Neochansons bereits fest etabliert, als sie 2003 plötzlich einen neuen Weg einschlug: Keren Ann Zeidel. Gemeinsam mit Benjamin Biolay hatte sie sowohl an ihren ersten beiden Alben gefeilt, daneben für Altmeister Henri Salvador komponiert und außerdem noch das Debütalbum von Biolays Schwester Coralie Clément produziert. Die Trennung des Künstler-Gespanns Zeidel/Biolay war nach dieser intensiven und kreativen Phase zunächst ein Schock, doch Keren Ann präsentierte direkt anschließend mit "Not going anywhere" ihr englischsprachiges Debüt. Das Album nennt erstmals auch Bardi Johannsson als Kooperationspartner. Der Isländer wird zu diesem Zeitpunkt dank seines Bandprojekts "Bang Gang" und dem Triphop-inspirierten Album "Something wrong" ebenfalls ein Begriff, und Keren Ann taucht als Name nicht nur auch in seinen Linernotes auf, sondern auch als Duettpartnerin.

Gemeinsam basteln beide parallel an dem wohl eigenwilligsten Konzeptalbum des Jahres: "Lady & Bird" nennen sie ihr Seitenprojekt. Das Album erzählt die Geschichte zweier Kinder, die in Körpern Erwachsener gefangen wurden, eingerahmt von starken 60er-Jahre-Retro-Einflüssen, Coversongs von Velvet Underground und einer gespenstischen Grundstimmung.

Lange Zeit schien es, als würde das Projekt "Lady & Bird" eine einmalige Angelegenheit bleiben, obwohl Keren Ann und Bardi Johannsson weiterhin zusammen arbeiteten und sich bei ihren jeweiligen Alben gegenseitig unterstützen. Doch 2008 kam es anlässlich eines Kunstfestivals in Island zu einem gemeinsamen Auftritt: Zusammen mit dem Isländischen Sinfonieorchster bestritt das Duo das Abschlusskonzert, dessen Mitschnitt nun auf CD veröffentlicht wurde.

Eigentlich hatten Keren Ann und Bardi Johannsson im Anschluss an das Konzert an einem neuen Album arbeiten wollen, doch die Wucht des Mitschnitts muss für sie ähnlich überwältigend gewesen sein wie nun für ihre Zuhörer, weshalb sie sich entschieden, zunächst dessen Veröffentlichung zu organisieren.

"La ballade of Lady & Bird" ist schon klangtechnisch ein absoluter Hochgenuss. Das majestetisch aufspielende Orchester zieht bereits mit der Ouvertüre "Malmo livs" alles in seinen Bann, und wenn Keren Ann anschließend "For you and I" anstimmt (das Stück stammt von ihrem Album "Nolita"), wird man sich der Magie des Moments vollends bewusst. Ihre wunderbar ruhige, zurückhaltende und melancholische Stimme brilliert vor dem opulent inszenierten Orchester ebenso wie anschließend Bardi Johannsson mit Titeln, die er von den Bang Gang-Alben "Something wrong" und "Ghosts from the past" (2008) auswählte.

Immer wieder bäumen sich Orchester und Chor zu dramatischen Wällen aus Klängen auf, die bisweilen an große Filmmusiken Morricones oder Nino Rotas, aber auch an die Sinfonien Griegs oder die Klanglandschaften von Sigur Rós erinnern, doch zwischendurch entfalten sich immer wieder die kleinen, feinen und leisen Details aus Harfe, Flöten, Celli, Violinen und dem wunderbar harmonierenden Gesang der beiden Interpreten.

Nur ein Lied, das Abschlussstück "Run in the morning sun" stammt von dem Originalalbum "Lady & Bird". Die übrigen Titel dokumentieren die Arbeit von Keren Ann und Bardi Johannsson seit Beginn ihrer Zusammenarbeit auf unterschiedlichen Arbeiten. Erfreulicherweise ist das Ende dieser außergewöhnlichen Kooperation nicht in Sicht: Auch im nächsten Jahr werden "Lady & Bird" wieder beim Reykjaviker Kunstfest auftreten. Wer weiß: Vielleicht dann schon mit neuem Material!

 

© Michael Frost, 29. November 2009

 

 


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