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Tanz auf dem Vulkan


"Die Gesellschaft", so ein zentraler Satz im Manifest des Peyoti, "ist entmenschlicht". Kein Denken, keine Debatte, kein wirklicher Einfluss auf das Weltgeschehen. Das klingt desparart und nihilistisch, man erwartet existenzialistischen Trauergesang, eigentlich einen Abgesang auf die Welt. Doch weit gefehlt.

Denn Peyoti, das anarchische Bandkollektiv um Pietro DiMascio, der eine Art britischer Manu Chao ist, wendet die Krise gegen das System. "Wake up", lautet das Fanal, und mit dem Albumtitel "Rising tide of Conformity" erinnert er an zwei der wichtigsten Pioniere des musikalischen Protests: Joan Baez und Bob Dylan, die 1964 während einer Kundgebung vor einem Plakat exakt mit dieser Aufschrift fotografiert worden waren.

Die musikalischen Ahnen sind damit beschrieben, in der Gegenwart ist es vor allem der bereits erwähnte Manu Chao, der Pate für den "Peyoti"-Sound gestanden haben dürfte. Was Chao in den 1980er Jahren in Paris mit seiner Band Mano Negra begann und später ausgehend von Madrid und Barcelona schließlich in Südamerika fortsetzte, daran knüpfen "Peyoti for President" nun in Großbritannien an.

Dabei steht "Rising tide of conformity" durchaus ebenbürtig neben den Alben des Franzosen: Eine wilde, undurchdringliche Mischung aus Samba, Raï, Flamenco, arabischer und indischer Meditation, Hiphop, Rock und Punk, dazu Soundbites des schnell vergessenen Ex-US-Präsidenten Bush zum Irak-Krieg - ebenso lautstark wie temporeich zusammengemixt, dem sprichwörtlichen Tanz auf dem Vulkan gleichend, den Untergang stets vor Augen, aber mit kaum zu bändigender Energie dagegen ankämpfend - bzw. musizierend.

 Videolink: Peyoti for President / Quelle: youtube

Peyoti for President liefern mit diesem Debüt ein fulminantes Beispiel positiv gewendeter Globalisierung. Mit rund zwanzig Musikern aus allen Teilen der Erde wächst ihre Musik als Gegenmodell von unten, das sich mit der Politik der Regierenden gar nicht mehr auseinander setzt, sondern direkt an den Einzelnen appelliert. Aufforderungen wie "Wake up, rise up, Listen to your conscience!" knüpfen direkt an einen anderen Vorkämpfer dieser Bewegungen an: Bob Marley. Dessen legendäres "Get up, stand up, stand up for your rights" hat, das beweist letztlich auch Peyoti for President, nichts von seiner Aktualität eingebüßt.

Einzig muss man über den Widerspruch hinwegsehen, dass Peyoti, der musikalische Anarchist, am Ende sich selbst zum Präsidenten gewählt sehen möchte ("Vote Peyoti, the only vote that counts"), doch im Überschwang des mitreißenden Rhythmus' von "Rising tide of conformity" wird man nachsichtig sein - und: "We the people", die grandiose Album-Single mit raffiniert gesampelter "Mas que nada"-Melodie prompt zur Hymne einer neuen Welt ausrufen.

© Michael Frost, 31.03.2009


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