vorschau  BERGITTA VICTOR
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Ein Gefühl von Heimat

 

In Deutschland, so erzählt Bergitta Victor, gelte sie aufgrund ihres Geburtsorts als "Die von den Seychellen". In der Schweiz, wo sie aufwuchs, sei sie dagegen "Die Deutsche", weil sie seit längerem in Berlin wohne. Sie selbst hat sich daraufhin für eine eigene Identität entschieden: Bergitta Victor, "die Sängerin". Heimat, das sind für sie kulturelles Umfeld und künstlerischer Ausdruck, nicht geografischer Ort, und entsprechend viel Wert legt sie auf die facettenreiche Ausgestaltung ihrer eigenen Welt.

Nach den Seychellen ("Sesel" in der Landessprache) ist das Album benannt, und es beginnt mit dem gleichnamigen Auftaktsong, der sofort sämtliche Aufmerksamkeit bindet: ein fantastischer Einstieg. Die Sprache ähnelt dem Französischen, wirkt dadurch fremd und vertraut zugleich, der Rhythmus ist tropisch; einen Moment lang denkt man an Cesaria Evora und andere Sängerinnen von den Kapverdischen Inseln. Auch die liegen vor der afrikanischen Küste, allerdings in einem anderen Ozean, auch die Sprache der Kapverden wird als Kreolisch bezeichnet: genau wie "Seselwa", die Sprache der Seychellen.

Videolink: Bergitta Victor / youtube

 
Bergitta Victor bedient sich tatsächlich vielfältiger Stilmittel aus verschiedenen Regionen der Welt. Doch gerecht wird man dem Album nur, wenn man es als als R&B beschreibt. Denn der Auftakt führt in die Irre: Anschließend geht es - nach einem Kurztrip in die Karibik ("If I should go") - nämlich überwiegend auf Deutsch und Englisch weiter. Mit einfühlsamem Timbre, melancholischen Beats, lautmalerischer Sprache, lässig-verhaltenem Rhythmus und jazz-typischer Neugier geraten ihr die Songs zur größten deutschsprachigen Soul-Entdeckung seit Joy Denalane - und einer musikalischen Bandbreite zwischen Mayra Andrade und Soul/Funk-Diva Macy Gray.

Zu keinem Zeitpunkt rutschen ihr gerade die deutschsprachigen Songs ins Peinliche ab - im Gegenteil zeigen Lieder wie "Sinn des Lebens" und insbesondere "Je mehr" eine ungemein stimmige Symbiose zwischen (musikalischer) Form und (textlichem) Inhalt, wie man sie sonst nur von den großen US-amerikanischen Soul-Interpreten kennt.

"Ich kann und ich will mich nicht festlegen", sagt Bergitta Victor dennoch und deutet an, dass sie auf künftigen Alben andere Schwerpunkte setzen könnte. Keine Frage, dass ihr dies gelingen würde, verfügt sie doch über die seltene Fähigkeit verfügt, die verschiedenen Richtungen ihrer eigenen Vielseitigkeit immer wieder zusammenzuführen. Auf diese Weise, so klingt "Sesel", erschließt sich die Sängerin ihre eigene Identität, ihr festes "Dach über dem Kopf"; ihre Vision von Heimat auf einer CD.

 

© Michael Frost, 30.08.2009


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