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Eine Art von Weisheit


"Misias Stimme ist mehr als nur eine Stimme. Sie ist ein wunderbares Instrument, mit dem sie dem Zuhörer alle Gefühlsnuancen auf einem unsichtbaren Fluss zutreiben lässt. Sie vermittelt nicht nur Liebe und Leidenschaft, sondern auch Melancholie. Diese Melancholie drückt aber keine Traurigkeit aus, sondern vielmehr das Bewusstsein der Vergänglichkeit, also eine Art von Weisheit. Neben ihrem Talent als Sängerin besitzt sie die Gabe, uns mit ihrem Wesen zu bereichern."

Der das sagte, ist kein geringerer als der portugiesische Literatur-Nobelpreisträger von 1998 José Saramago, und er ist mit seiner Meinung längst nicht allein. Schon seit Jahren steht Mísia in dem Ruf, eine der bedeutendsten Fado-Sängerinnen der Gegenwart zu sein.

Alles in allem stellt ihre Karriere so ziemlich alles in den Schatten, was für portugiesische Künstler bis dato erreichbar schien, und gemeinsam mit Madredeus und Dulce Pontes sowie den berühmtesten Schriftstellern des Landes, Antonio Lobo Antunes und eben José Saramago, gehört sie zu einer beeindruckenden Gruppe von Künstlern, die als eine Art "kulturelle Botschafter" Portugals gelten können und die das Ansehen des kleinen Landes am großen Ozean in den letzten Jahren ungemein gesteigert haben.

Als Tochter eines portugiesischen Vaters und einer spanischen Mutter wuchs die in Oporto geborene Mísia in Spanien auf, bis sie als junge Erwachsene nach Portugal zurückkehrte. Ihre künstlerisch ambitionierte Familie wird die musikalische Entwicklung der jungen Mísia maßgeblich beeinflusst haben. Schon früh entdeckte sie ihre Liebe zum Fado, dieser ureigenen Liedtradition Portugals und Lissabons, in der sparsamst instrumentierte Gesänge die "Saudade" der Portugiesen, einer Mischung von Trauer, Sehnsucht und Wehmut, beschwören. Mísia erkannte die Möglichkeiten, die ihr der Fado bot, und sie sah die Gefahr, dass dieses kulturelle Erbe Portugals unterzugehen drohte:

Mísia: "Fado ist ein Relikt der älteren Generationen, er schien langsam zu vergammeln und wurde meist nur für den Tourismus restauriert. Aber mit diesem Image möchte ich nichts zu tun haben. Es war ein Wagnis, diese Musik zu modernisieren, ihr neue, literarische Inhalte zu geben. Fado hat in Portugal nicht gerade den besten Ruf und dagegen kämpfe ich an, indem ich nicht immer nur von "saudade", von Abschied, Melancholie und Weltschmerz singe."

Seither versammelt sie die Elite des Landes um sich mit der Bitte: Schreibt für mich und musiziert mit mir ! Sie entdeckte die Gedichte des großen Fernando Pessoa für sich und den Fado, bat u.a. Saramago, Lobo Antunes und Lidia Jorge darum, ihr Texte zu schreiben, und nicht zuletzt lud sie die berühmte Pianistin Maria João Pires ein, ihre Lieder musikalisch zu begleiten. Und alle folgten ihrem Ruf.

Mísias gefühlvolle und ausdruckstarke Stimme intoniert den Fado mit sicherem Gespür für Melodie und Text. Sie zelebriert den Fado, sie zelebriert die Kultur ihrer Heimat, und die Authentizität ihres Vortrags ist ein Schlüssel ihres Erfolges: Ihr Wagemut hat sich ausgezahlt.

Der Fado, als traditioneller Musikstil eigentlich konservativ und unverrückbar, ist hörbar erneuert worden, ohne dass seine Identität dabei verletzt oder gar verloren gegangen wäre. Im Gegenteil.

Die Renovierung ist in Wirklichkeit Restaurierung. Mísia führt den Fado zu seinen Ursprüngen zurück, entstaubt ihn von touristischer Portwein-Seeligkeit und befreit ihn aus der künstlerischen Isolation, indem sie die Verwurzelung des Fado in der portugiesischen Folklore, wie sie so erfolgreich von Madredeus verkörpert wird, ebenso freilegt wie die Verbindungen zur klassischen Musik.

Ihren Höhepunkt findet die Auseinandersetzung Mísias mit dem Fado in dem Album "Ritual" (2001). Mísia nutzte dafür ihre Erfahrungen der vorangegangenen Produktionen und zog alle Register, um dem Fado die Aura und die Stimme zu verleihen, unter deren Einfluss er zur vollen Blüte gelangt.

Während zwischenzeitlich viele andere talentierte Portugiesinnen versuchen, ihrem Beispiel zu folgen und den Fado für sich zu entdecken, ist Mísia jedoch schon wieder einen Schritt weiter. Auf "Canto", ihrem neuen Album, interpretiert sie Lieder, die der berühmte Komponist Carlos Paredes ursprünglich für portugiesische und klassische Gitarre geschrieben hatte. Mísia übernimmt deren Melodieläufe und singt Texte, die eigens für sie von dem Dichter Graça Moura geschrieben wurden.

Für "Canto" verlässt sie den Fado und bewegt sich in die Richtung der klassischen Ballade, der klingenden Landschaftsmalerei, dem kunstvollen Verschmelzen von Vokal- und Instrumentalmusik. Die rauschhafte Schönheit ihres Gesangs setzt dabei nicht nur den Kompositionen Paredes' ein Denkmal, sondern macht auch Mísia zu einer der bedeutendsten Interpretinnen europäischer Musik unserer Zeit.

Michael Frost / 01. November 2000
Update: 12.Oktober 2003
Fotos: Augusto Brazio / www.misia-online.com
Zitate: bonner-illu.de

 

 

 

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