.

 

 

 

Suchen nach:
In Partnerschaft mit Amazon.de

Schwer zu fassen


Weltmusik blickt meist Richtung Süden. Nach Afrika oder Lateinamerika. Im Osten verharrt sie bei der Musik der Roma auf dem Balkan. Oder sie landet ganz fern, in Indien oder China. Dazwischen liegt ein ganzer Kontinent, weithin unentdeckt. Eine der ganz wenigen Stimmen, die es dort in den letzten Jahren schaffte, sich bei uns Gehör zu verschaffen, gehört Zulya Kamalova. Mit ihrer aus verschiedenen Regionen der Welt inspirierten Klängen hat sie uns den Zugang erleichtert, doch wirklich Ausschlag gebend ist ihr herausragendes Talent, das selbst den größten Ignoranten weich werden lassen dürfte.

Zulya singt Tatarisch, die Sprache einer kleinen Republik in Russland, westlich des Uralgebirges, also geografisch noch zu Europa gehörend, doch ebenso singt Russisch, und Englisch, und zwar jeweils mit großer Hingabe. Mit ihrer Mischung aus Jazz, Singer/Songwriter und traditioneller Folklore ist sie das östliche Pendant zu der im Januar 2010 verstorbenen kanadisch-mexikanischen Songwriterin Lhasa de Sela.

Beiden gemeinsam ist die visionäre Herangehensweise. Wie Lhasa will auch Zulya die Musik ihrer Heimat nicht konservieren, sie ist keine Botschafterin in Sachen der eigenen Folklore, aber sie benutzt die Tradition als Rahmen für ein modernes, sprich: internationales Klangbild.

Dafür war ein Reifeprozess notwendig, den man den Coverfotos ihrer Alben ablesen kann: Von "Aloukie" (2002), auf dem sie uns mit traditioneller Kopfbedeckung entgegen lächelt, über "Elusive (2004) mit reduzierter Schwarzweiß-Optik bis zu "The Waltz of Emptiness", das eine selbstbewusste junge Frau in Lederjacke vor der hektischen Kulisse einer Moskauer U-Bahn-Station zeigt, dürfte sie einen langen Weg zurückgelegt haben. "Tales of subliming", dessen Titel und Booklet Zeichnungen zieren, die Zulya der Erstausgabe der Märchen von Hans Christian Andersen entnahm, entzieht sich der Fortsetzung der Vergleiche, wie sich auch ihre Musik der stereotypen Betrachtung entzieht:

Ein derart experimentelles, höchst ambitioniertes und anspruchsvolles Album haben wohl nur die Wenigsten vermutet. Doch Zulya scheint sagen zu wollen, dass der Prozess des Werdens abgeschlossen sei: Es präsentiert sich eine großartige Künstlerin auf dem Höhepunkt ihrer Entwicklung, die souverän, verliebt und selbstbewusst mit den Elementen ihrer Inspirationen umzugehen weiß.

Leise Serenaden, schwelgende Liebeslieder, feurige Leidenschaften - all das steckt in den "Tales of subliming", ebenso aber die poetische Auseinandersetzung mit gesellschaftlichen Zuständen. "A girl named Free" erzählt metaphorisch die Geschichte der Freiheit, deren Spielräume immer weiter eingeschränkt werden, bis sie schließlich "arm und müde" durch die Straßen irrt - eine Kritik sicherlich nicht nur an den Verhältnissen in Russland.

Videolink: Zulya "A tale of love and death" / youtube  

Großflächige Bläserarrangements, Percussions und Schlagzeug dehnen die leisen Geschichten auf Leinwandgröße aus; Zulyas schwelgender, würdevoll-eleganter Gesang erzählt Geschichten, die auf den Sagen und Märchen ihrer Heimat beruhen - doch die Texte stammen fast ausnahmslos von ihr selbst. Die Musik, ihre Stimmung, die Künstlerin, all das zu fassen fällt schwer, weil man so sehr gefangen wird von der traumhaften Stimmung dieser Lieder, die auch dann wirkt, wenn man weder Tatarisch noch Russisch oder Englisch versteht - wie die Märchen selbst ist auch die Musik von Zulya verständlich - über alle kulturellen, geografischen und sonstigen Grenzen hinweg.

© Michael Frost, 29.08.2010

 

[Archiv] [Up]