"ABBA MODA"
Schräger 70er Charme

So mancher Blick in ein Fotoalbum derjenigen, die ihre Jugend in den 70er Jahren erlebte, lässt einem kalte Schauer des Entsetzens über den Rücken laufen: Hosen mit Schlag von einem Umfang, unter denen die Schuhe verschwanden, andererseits Plateaustiefel, die einer ganzen Generation von Orthopäden und Krankengymnasten bis heute ein erträgliches Einkommen bescheren, schillernd bunte Kostüme mit absurden Mustern, Motiven und Rüschen ...



Kaum zu glauben, dass Menschen sich abseits des Faschings jemals irgendwo in Europa in solchem Outfit auf die Straße getraut haben sollen.
Haben sie aber. Und das es dazu kam, "verdankt" die Modewelt zu einem ganz erheblichen Anteil der Band, die wie vor ihr nur die Beatles, die Rolling Stones oder Elvis den Sound einer ganzen Generation bestimmten: ABBA.

Annifrid ("Frida"), Björn, Benny und Agnetha (für das Aufsagen ihrer Namen gäbe es bei "Wer wird Millionär" kaum mehr als 50 Euro, so sehr gehören sie zum Allgemeingut), legten von Anfang an größten Wert auf ihr äußeres Erscheinungsbild. Und als sie im April 1974 im englischen Brighton die Bühne betraten, um mit "Waterloo" sämtliche Gesetze des bis dahin schwarz-weißen, drögen und dem dramatischen Chanson verpflichteten "Eurovision Song Contest zu gewinnen, da war die schrille Bühnengarderobe bereits Teil der prägnanten ABBA-Show, mit der sie sich selbst unvergesslich machten.




Der Grand Prix-Auftritt der vier Schweden ist vielleicht das einzige wichtige Ereignis, das auf "The definitve collection", der DVD/VHS-Ausgabe der jüngsten Best-of-Compilation von ABBA nicht enthalten ist. Dafür gibt es den Video-Clip des Songs zu sehen, die erste Arbeit des Regisseurs Lasse Hallström mit ABBA.


Hallström produzierte fast alle Clips zwischen 1974 und 1982, außerdem führte er auch bei "ABBA - Der Film" Regie. Inzwischen ist er einer der bekanntesten Hollywood-Regisseure überhaupt ("Gilbert Grape", "Mein Leben als Hund", "Gottes Werk und Teufels Beitrag", "Chocolat", "Schiffsmeldungen" u.a.)

Dass es überhaupt dazu kam, bereits Anfang der 70er Jahre kleine Promotionfilme zu den Songs einer Popgruppe zu drehen (MTV ging erst in den 80ern an den Start), ist offenbar einem Spezifikum von ABBA geschuldet: Die Bandmitglieder reisten nicht gerne. Während ihrer mehr als achtjährigen Karriere veröffentlichten sie zwar im Durchschnitt jährlich ein Studioalbum, daneben diverse Compilations mit Hits, die sie wie am Fließband produzierten, doch ausgedehntere Tourneen unternahmen sie nur zweimal, vor allem aus Rücksicht auf die Kinder von Björn und Agnetha.

Aus der "Not" wurde schnell ein nicht zu unterschätzender strategischer Vorteil: Die Möglichkeit der Video-Clips bot der Band die willkommene Gelegenheit, mit dem jeweils neuesten Song zu jeder Zeit an jedem x-beliebigen Ort der Welt präsent sein zu können und in Fernsehsendungen aufzutreten, in denen sie normalerweise nie zu sehen gewesen wären.



Dies mag eine der Hauptursachen für den phänomenalen Erfolg von ABBA in Australien sein. ABBA konnte dort unter Umständen jeden Tag im Fernsehen zu sehen und zu hören sein, ohne Stockholm jemals verlassen zu haben. Und mit der Musik wurde auch gleichzeitig das entsprechende Band-Outfit via Film-Clip mit transportiert.

Die DVD "The definitive collection" mit allen dreißig ABBA-Clips zeigt dabei deutlich die Entwicklung des Video-Clips vom reinen Abfilmen der Bandmitglieder vor irgendeinem pittoresken Hintergrund beim Playback-Gesang über eine choreographierte Inszenierung bishin zum Kurzfilm, in dem vor dem Hintergrund des Songs eine Geschichte erzählt wird.



Frisch und unbekümmert: Fans lieben die perfekten Harmonien, Kritiker bekennen sich erst in letzter Zeit zu ihren ABBA-Platten.


Agnetha, Björn, Annifrid, Benny

 

Cover "Definitive Collection"
Ausnahmsweise einmal zeitlos: ABBA (1979)


In gewisser Weise wird daraus auch die Geschichte hinter der Bandgeschichte deutlich: Die Clips zu späten Hits wie "The winner takes it all" oder "One of us" sind auch Dokumente des Beziehungsbruchs der beiden Paare Björn/Agnetha und Benny/Annifrid. Im Nachhinein überrascht die Offenheit, mit der das Quartett seine privaten Konflikte zu verarbeiten suchte, mit der Erkenntnis des Rückblicks kann man hier bereits Indizien für die damals bevorstehende Auflösung der Band sehen.

Die offizielle Tracklist endet mit "Under attack", der letzten Single von 1982. Der Clip wurde in einem Lagerhaus in Stockholm aufgenommen und schließt, wie ABBA-Biograph Carl Magnus Palm wohl nicht ganz zu Unrecht vermutet, bereits mit einer Art vorweggenommenem Abschied: "Das Video endete mit den vier Bandmitgliedern, die in der Entfernung, der Kamera abgewandt, verschwinden. Doch mit dieser wehmütigen Einstellung mochte man die DVD dankenswerterweise nicht beschließen. Statt dessen beschließt der Video-Reigen mit einer Fernsehaufzeichnung von der Hochzeitsfeier des schwedischen Königs Carl Gustav und seiner Frau Silvia, der zu Ehren ABBA ihren wohl berühmtesten Hit "Dancing Queen" komponiert hatten und zu diesem Anlass erstmals präsentierten. Und dies taten sie standesgemäß in opulent-barocker Ball-Kostumierung.


Suchen nach:
In Partnerschaft mit Amazon.de

[Up]