Es sind sein "Gespür" und seine "geniale Leidenschaft", die Isabelle Boulay an Benjamin Biolay so schätzt. Die frankokanadische Pop-Chanteuse arbeitete im Jahr 2000 mit dem jungen Franzosen zusammen, als sie ihr Album "Mieux qu'ici-bas" aufnahm. Inzwischen gilt Biolay als größter Stern am Himmel der "Nouvelle Scène", in der sich zahllose Künstler aus Pop, Rock, Jazz, Elektro und Chanson tummeln.

Das Album von Isabelle Boulay, das zeitlich vor seinen ersten eigenen Erfolgen liegt, enthält bereits Zutaten, die inzwischen als unverwechselbare Handschrift Biolays gelten können: treibende, im Verlauf der Titel immer stärkeren Druck entfaltende Pianoläufe, mächtige, virtuos inszenierte Streichersätze und dramatische Spannungsbögen.


Im selben Jahr wie die CD von Isabelle Boulay entstand auch "Chambre avec vue". Das Album, mit dem Alt-Star Henri Salvador sein sensationelles Comeback feierte, lenkte in Frankreich erstmals größere Aufmerksamkeit auf Benjamin Biolay, den hoffnungsvollen Nachwuchs-Songwriter mit offenkundigem Hitpotenzial - und seine kongeniale Co-Autorin Keren Ann Zeidel, mit der Biolay an "Chambre avec vue" gearbeitet hatte.

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

Biolay und Keren Ann galten sehr schnell als unzertrennlich. Erste Vergleiche mit Serge Gainsbourg und Jane Birkin wurden laut, zumal Biolay Gainsbourg immer als sein eigentliches Vorbild nennt, doch in Wahrheit sind die Ähnlichkeiten eher gering. Weder Biolay noch Keren Ann verfügen über ein vergleichbares Skandal-Potenzial, und für wilde Eskapaden wirken sie zu gut erzogen - und vermutlich fehlt ihnen auch die Zeit.

Denn neben der Arbeit für Boulay und Salvador begannen Benjamin Biolay und Keren Ann auch noch die Arbeit an "La biographie de Luka Philipsen", Keren Anns erster CD, bevor dann im Folgejahr 2001 endlich Biolays Solo-Debüt stattfand, das prompt mit dem französischen Schallplattenpreis ausgezeichnet wurde.


BENJAMIN BIOLAY
Rose Kennedy
(2001)
CD-Kritik

Er betitelte es "Rose Kennedy", nach der Matriarchin des Kennedy-Clans, deren Geschichte er auf seinem Album nachzeichnet, nicht historisch-chronologisch, sondern schlaglichtartig, wiederum mit großem Orchester und Cinemascope-Sound, voller Dramatik und seiner längst charakteristischen, leise dahingehauchten Stimme, die das Blut in den Adern gefrieren lassen kann.

Seit "Rose Kennedy" ist er der Tausendsassa, der auf allen Hochzeiten gleichzeitig tanzt. Das Attribut "Chanson" wehrt er ab, doch oftmals mit augenzwinkernder Koketterie, wie sein bislang vielleicht größter Coup beweist: Seine Kooperation mit keiner Geringeren als Juliette Gréco, der Grande Dame des existenzialistischen Chansons. Für ihr Album "Aimez-vous les uns ou bien disparaissez" schrieb Biolay fünf Titel, und zwar wiederum im gleichen Jahr, in dem auch sein zweites Album "Négatif", eine Doppel-CD, erschien.


BENJAMIN BIOLAY
Négatif
(2003)
CD-Kritik

Parallel hatte er noch für den Schweizer Rock-Poeten Stephan Eicher zwei Songs für dessen Album "Taxi Europa" produziert, eine französische Fassung von "Dancing in the dark" für Julien Clercs Cover-Album "Studio" überarbeitet - und nicht zuletzt mit Valerie Lagrange, einer weiteren Chanson-Heroin vergangener Tage, ein gefeiertes neues Album aufgenommen ("Fleuve Congo").
Künster Porträts
Kongeniale Partnerin:
Keren Ann

 

Künster Porträts
Rückkehr einer Legende:
Henri Salvador

 

Sie liebt seinen "Goût":
Isabelle Boulay


Eine Ikone des Chansons:
Juliette Gréco

 

 


Künster Porträts
Mit Biolay im " Taxi Europa":
Stephan Eicher


Große kleine Schwester:
Coralie Clement


Künster Porträts
Linda und Paul?
MASTROIANNI
& BIOLAY

 

Grande Dame:
FRANCOISE HARDY

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Zeitweise macht es den Eindruck, als erscheine in Frankreich kein Album mehr, an dem Biolay nicht beteiligt gewesen wäre. Inzwischen ist Biolay bereits wieder einen Schritt weiter: Sein kreativer Output ist Atem beraubend.
Vor den Aufnahmen zu "Négatif" kam es zur Trennung des künstlerischen Gespann Biolay/Zeidel, erfreulicherweise aber ohne negative Folgen für beide. Keren Ann arbeitete mit dem Isländer Bardi Johanson an eigenen Projekten und veröffentlichte ihr erstes internationales Album, und Biolay hatte inzwischen geheiratet. Seine Frau Chiara ist in Frankreich alles andere als unbekannt: Sie ist die Tochter von Marcello Mastroianni und Catherine Deneuve. Als Paar füllt das illustre Duo mit der prominenten Verwandtschaft die Seiten der Yellow-Press, doch auch musikalisch machten sie schnell von sich reden.

Biolay, der nie Bedenken hatte, Familie und Musik miteinander zu verbinden, holte seine Frau Chiara für die Aufnahmen zu "Négatif" ins Studio - auf dem Album ist sie als Background-Sängerin zu hören. Ähnlich war es bereits seiner Schwester Coralie Clément ergangen. Biolay hatte 2001 (damals noch gemeinsam mit Keren Ann) einige Bossanova-inspirierte Songs und Chansons geschrieben, für die sie eine passende Sängerin suchten. Biolay fragte seine Schwester, die zunächst einige Passagen, schließlich aber das ganze Album sang, mehr zufällig als gewollt - sie hatte eine musikalische Karriere wohl nicht angestrebt. Doch früher oder später "erwischt" es jeden in seinem Umfeld.

Auch Chiara Mastroianni kann sich inzwischen auf eine musikalische Karriere einstellen. Denn auf "Home", Biolays soeben veröffentlichtem neuen Album, steht sie nicht mehr in der zweiten Reihe, sondern firmiert als gleichberechtigte Partnerin im Duett mit ihrem Mann. Biolay & Mastroianni haben dabei das Zeug, zum Markenzeichen zu werden, wiederum nicht mit Gainsbourg & Birkin zu vergleichen, aber vielleicht mit Paul und Linda McCartney, oder wenigstens als deren zeitgemäße Entsprechung. "Home" hat für Biolay sicherlich wiederum eine programmatische Bedeutung. Die Lieder auf dem Album klingen vergleichsweise zurückhaltend und schlicht, sie kommen sowohl ohne elektronische Spielereien als auch ohne großen Orchestersound aus.

BENJAMIN BIOLAY
A l'origine
(2004)
CD-Kritik

Inspiriert u.a. vom stillen Sound der Kings of Convenience, so Biolay & Mastroianni, sollte "Home" ein Album werden, das man mit auf eine Autofahrt nehmen könne: nur leichtes Handgepäck sozusagen, nicht zu beladen, dafür umso unbeschwerter, fröhlich und harmonisch - kurzum: ein Zuhause für unterwegs, ein "mobile home".

Als "Rückzug" ins Privatleben jedenfalls sollte man "Home" keinesfalls missverstehen. Vielleicht um entsprechenden Befürchtungen seiner Anhänger zu begegnen, schiebt Biolay nur vierzehn Tage nach der Veröffentlichung von "Home" in Frankreich ein weiteres Album nach: "Clara et moi", Soundtrack zum gleichnamigen Film. Ein Ende seiner pausenlosen Arbeit ist also wohl nicht in Sicht, nicht solange ihn die "geniale Leidenschaft" weiter zu Höchstleistungen treibt.


© Michael Frost, 17.06.2004

Nachtrag (März 2005): Knapp zehn Monate später, im April 2005, schiebt Biolay bereits das nächste Album nach: "A l'origine". Erst kurz zuvor hatte er für Francoise Hardy einige Titel ihres Albums "Tant de belles choses" geschrieben - sowie erneut für seine Schwester Coralie Clément ("Bye-bye beauté"). "A l'origine" ist nun Biolays überraschendes Bekenntnis zum Post-Rock. Biolay verbindet darauf orchestrale Elemente mit einem Knabenchor à la "Les choristes" mit E-Gitarre, Computersamples und Drummachine.

BENJAMIN BIOLAY
A l'origine
(2005)
CD-Kritik

 


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