Foto: Polydor

ALL IS FULL OF ... MUSIC
Björk veröffentlicht
gleich mehrere CDs und DVDs

So mancher Björk-Fan wurde zum Jahresende 2002 vielleicht ein Fall für die Schuldnerberatung. Selten zuvor hatte nämlich ein Musikstar eine solch große Anzahl neuer Produkte in ähnlich kurzem Abstand veröffentlicht wie die isländische Pop-Sirene: Vier (!) verschiedene Live-DVDs, eine Greatest Hits-DVD, die dazu gehörige CD, außerdem noch "Cocoon" und "It's in our hands", zwei CD-Singles (jeweils in zweifacher Ausführung mit unterschiedlichen B-Tracks plus DVD). Im Januar 2003 schließlich folgt die DVD-Version der bereits länger erhältlichen Live-VHS Kassette "Vessel" - ein Mitschnitt der "Debut"-Tour von 1993.

Und wem das alles noch nicht reicht, für den hält Björk ihr privates Schatzkästchen bereit. Es heißt "Family tree" und beinhaltet neben der Zusammenstellung ihrer persönlichen Lieblingssongs aus eigener Feder noch fünf Mini-CDs, die unterschiedlichen Stationen ihrer unvergleichlichen Karriere gewidmet sind. Höhepunkt dieser kuriosen Zusammenstellung dürften wohl die neun Titel sein, die Björk im Dezember 2000 in einer Londoner Kirche allein mit den Streichern des "Brodsky Quartet" einspielte. So atmosphärisch dicht und voller ergreifender Spannung kann Live-Musik sein.


VESPERTINE LIVE
AT THE ROYAL OPERA HOUSE

(Universal DVD)

Doch zurück zum Anfang. Bereits zum Jahresbeginn 2002 veröffentlichte Björk die ersten drei DVDs mit Aufnahmen verschiedener Konzerte, darunter ihr Maßstäbe setzendes "MTV-unplugged"-Konzert von 1994, ein Auftritt im Londoner Shepards Bush Empire von 1997, bei dem sie Titel ihrer ersten beiden Alben vorstellte, sowie ein Auftritt in Cambridge 1998 im Rahmen der "Homogenic"-Tour.

Die im November 2002 nachgelieferte vierte DVD zeigt - lang erwartet - Björk bei ihrem Auftritt im Royal Opera House von London. Dort war sie knapp ein Jahr zuvor, nämlich im Dezember 2001, im Rahmen ihrer "Vespertine"-Tour als erster Popstar überhaupt aufgetreten. Björk präsentierte dem hingerissenen Publikum Titel aller vier bisher veröffentlichten Studioalben.

DVD-Cover / Universal


© bjork.com

© Fotos: bjork.com

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Schon der Auftakt fesselt: Björk sitzt allein auf der Bühne. Auf dem Schoß hält sie eine große Spieluhr, aus der ein verträumter Glockenklang ertönt, während kleine Papierstücke auf sie niederregnen, die im Scheinwerferlicht wie Schneekristalle glänzen. Björk ist verschiedentlich für die fehlende Publikumsansprache während ihrer Auftritte kritisiert worden, und tatsächlich lässt sie sich außer einem verschüchterten "Thank you" oder "takk" zu keinen weiteren Äußerungen hinreißen. Aber bereits der Anfang macht klar, dass die Bühnenshow nicht als "Konzert" im üblichen Sinne konzipiert wurde, sondern als Reise in Björks private Gefühlswelt, in verwunschene Klang(t)räume voller phantastischer Gestalten und Emotionen.

Auf diese Reise wird sie von einer ungewöhnlichen Musikerschar begleitet, darunter ein komplettes Symphonieorchester, dirigiert von dem Briten Simon Lee, der im Interview zugibt, er habe Björk lange unterschätzt: "Als sie sagte, sie wolle, dass es klingt wie die Kirchenmusik von Benjamin Britten, habe ich gedacht: Was weiß schon ein Pop-Sängerin über Britten, und dann auch noch eine aus Island !" Lee ist nicht der erste, der seine Vorurteile über Bord werfen musste. Schnell begriff er die Chance der kongenialen Verbindung Björks exzentrischer Visionen mit symphonischen Harmonien, arrangierte einige ihrer Titel eigens für die Liveshow neu und übernahm die Leitung der Tour-Orchester, die aus finanziellen Gründen von Ort zu Ort wechselten.


Auch das Duo Matmos aus San Francisco, das vor allem dadurch bekannt wurde, dass es allerlei Alltagsgegenstände wie beispielsweise die Gitterstäbe von Vogelkäfigen zu Klangkörpern umfunktionierte, willigte ein, Björk auf ihrer Tournee zu begleiten. Ihre sowohl akustisch als auch digital generierten Töne bilden den Pulsschlag der Sounds.
Eine nicht minder wichtige Funktion hat auch Zeena Parkins inne. Die Harfenistin erwies sich für Björk ein Glücksfall, denn sie ist nicht nur eine Meisterin ihres Instruments, sondern ebenso wie Björk voller Neugier, welche Wirkung die Harfe im Zusammenspiel mit den Electronica-Sounds von Matmos entfalten kann. Eine Hand am Akkordeon, die andere in den Saiten der Harfe - Zeena Parkins steht ihrer "Chefin" in Puncto Virtuosität nichts nach.
Als größte Überraschung muss aber wohl der ungefähr ein Dutzend grönländischer Inuit-Frauen umfassende Chor gelten, von dem Björk sich auf der Tournee begleiten ließ. Auf die Idee sei sie zufällig während eines Kurzurlaubs in Grönland gekommen, erzählt Björk, und die Frauen - die meisten von ihnen waren bis dahin übrigens Gesangslaien - habe sie dann per Supermarktanzeige gesucht und ausgewählt.

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"Live at the Royal Opera House" ist, vielleicht sogar noch eher als die CD-Box "Family tree", ein über die Maßen beeindruckender Beleg und mitreißender Überblick der außergewöhnlichen Kreatitvität Björks und ihrer bisweilen bizarren, doch wirkungsvollen Art, unterschiedlichste Stile zu einem homogenen Klangkörper zu vereinen und für die persönliche Aussage nutzbar zu machen.
Ein übriges tut der exzellente Klang der Aufnahme, und das halbstündige Bonusmaterial der DVD, das Interviews sowohl mit Björk selber als auch mit Zeena Parkins, Simon Lee und einigen der Inuit-Frauen enthält, vermittelt einen fundierten Einblick in Björks Denk- und Arbeitsweise und öffnet Blick und Gehör für die Feinheiten der Einspielung.

 

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