Wie lange trägt die Frankreich-Welle noch?
Interview mit Thomas Bohnet - Fortsetzung

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Inzwischen sind ja auch einige Major-Labels auf die Frankreich-Welle aufgesprungen, die Zahl der Veröffentlichung französischer Alben in Deutschland ist gestiegen. Wie ernst ist das Interesse an einer dauerhaften Sparte "Französische Musik" dort wirklich?

Thomas Bohnet: Du hast Recht, es werden zusehends mehr Platten französischer Acts in Deutschland veröffentlicht und auch einige der Künstler auf LeTour 3 haben inzwischen eine deutsche Veröffentlichung. Allerdings fragt sich doch auch wie diese Alben hier veröffentlicht werden. “The Cheap Show” von Anais zum Beispiel wurde von V2 Deutschland doch eher unter Ausschluss der Öffentlichkeit herausgebracht, oder? Oder hast Du grosse Anzeigen gesehen? Wurde da grössere Promo gemacht? -

Stimmt. An uns ist das Album komplett vorbei gegangen.

Thomas Bohnet: Eben. Und ähnlich war es bei den Veröffentlichungen von Sinsemilia oder La Position Du Tireur Couche, wenn die überhaupt hier rausgekommen sind. Eine richtige, grössere VÖ gab es im Falle der Acts, die auf LeTour 3 sind nur bei Emilie Simon und Sandrine Kiberlain! Das sind grade mal 2 von 19! Nach LeTour ist nun auch noch das schöne Album der Dobacaracol veröffentlicht worden.

Man fragt sich sowieso, nach welchen Kriterien französische Platten von den deutschen Majors veröffentlicht werden? Warum wurde bislang keine der grandiosen beiden Platten von Cali in Deutschland veröffentlicht? - Meiner Meinung nach ist er einer der zugänglichsten französischen Popsängern mit wunderbaren lebensfreudigen, uplifting Popsongs. Einer, den deutsche Fans auch mögen können, ohne die Texte zu verstehen. Und Cali ist, obwohl in Frankreich bekannt, in Deutschland ein unbeschriebenes Blatt....

Und, bitte auch nicht vergessen. Ein Sampler wie LeTour richtet sich nicht an die 100 Spezialisten französischer Musik hier in Deutschland, die vermutlich 12 der 18 Songs von LeTour 3 kennen sondern an ein breiteres interessiertes Publikum, das vielleicht Olivia Ruiz, Anais und Sinsemilia nur vom Namen her kennt. Und für die nehm ich dann das schönste Stück von den Alben der Genannten plus schöne Tracks von “bekannteren” Acts wie Emilie Simon, Babylon Circus, Marc Lavoine, Florent Pagny oder Dionysos. .Und Acts wie die bezaubernde Pauline Croze, der grossartige Ridan, die kanadischen Dobacaracol, die skurrilen The Lovers, die fantastischen La Rue Ketanou sind eben echte Entdeckungen!

Mal in die Zukunft geschaut: Wie wird der Stellenwert französischer Musik bei uns in zehn Jahren sein?

Thomas Bohnet: Es wird nach wie vor Interesse bei einem gewissen Prozentsatz der Hörer da sein. Das Interesse schlummerte ja auch lange Jahre im Verborgenen, ehe im Gefolge von “Amelie” der kurze Hype einsetzte. Dieser vor fünf, sechs Jahren ausgelöste Hype verfliegt ja auch jetzt schon ein bisschen. Trotzdem gibt es immer noch ein Publikum für französisches/frankophones. Es werden in 10 Jahren sicherlich nicht mehr so viele Platten wie jetzt gerade veröffentlicht. Aber es kümmern sich dann noch einige kleine Labels um Frankreich (die Majors wird es in der heutigen Form ja wohl nicht mehr geben). 2017 kommt dann vermutlich LeTour 10 raus. Das Interesse lässt leicht nach, ist aber noch da.

Bei meiner Tour de France warte ich ja eigentlich auch schon jedesmal, dass das Interesse nachlässt, der Besuch der Parties zurückgeht. Ist aber nicht. Wobei in meinen beiden “Haupt”-Städten München und Berlin, wo ich das nun seit 7 respektive 4 Jahren monatlich mache, auch keine grossen Steigerungen mehr drin sind! Dazu boomte das in den letzten Jahren zu sehr. Inzwischen stagnieren die Besucherzahlen auf hohem Niveau. In München kommen durchschnittlich 400, in Berlin 250 Leute. Nicht schlecht für eine monatliche Party. Wobei bei der 7 Jahres-Jubiläumsparty in München sogar 1000 Leute waren.

Andererseits kommen kleinere Städte jetzt erst richtig dazu. Zuletzt hatte ich etwa in Regensburg 450 Besucher. Und auch Saarbrücken, Konstanz, Zürich sind ausbaufähig, Hannover, Freiburg kommen dazu, und nach langer Zeit wieder mal Leipzig. Wobei ich mit den Parties hier ein ganz unverkrampftes Verhältnis dazu habe: wenn das niemand mehr hören will, dann höre ich halt auf. Es ist aber auch immer wieder schön zu sehen, dass neue Leute dazukommen, jüngere Fans “nachwachsen”...

Als Frankreich-Experte hast du vielleicht auch einen Eindruck von der Rezeption deutscher Musik in Frankreich. Gibt es in Frankreich ein ähnlich aufgeschlossenes Publikum für die Musik der Nachbarn wie umgekehrt bei uns?

Thomas Bohnet: Bei aller Liebe zu Frankreich, muss ich das schon sagen: das französische Publikum ist leider deutscher Musik längst nicht so aufgeschlossen gegenüber wie umgekehrt, abgesehen von klassischer Musik natürlich!

Wobei teilweise Bands, die hierzulande kaum bekannt sind, in Frankreich hochgeschätzt werden, zum Beispiel die 17 Hippies aus Berlin oder Mardi Gras BB. Sonst kennt man halt die üblichen Verdächtigen in Frankreich: Scorpions, Kraftwerk, Rammstein und neuerdings Tokio Hotel. Die kennt wirklich jeder dort! Geschätzt wird auch deutsche elektronische Musik. Und auch die eine oder andere Indie-Band wie die englisch singenden The Notwist und Lali Puna aus München werden dort rezipiert und in einer Zeitschrift wie “Les Inrockuptibles” zum Beispiel ausführlich gewürdigt. Deutschsprachige Indie-Bands sind so gut wie kaum bekannt und auch Herbert Grönemeyer oder Westernhagen kennt dort keine Sau. Umgekehrt kennt ja aber auch kaum jemand in Deutschland Renaud, Bashung oder Higelin.

Die Sprachbarriere ist sehr groß. Ich denke auch, dass mehr Deutsche Französisch sprechen als umgekehrt. Vermute ich – ich hab da keine Statistik. Wobei ich selbst ja einst auch zur französischen Musik nur über die Musik kam (ich konnte damals ja kein Wort französisch).

Und: Wir haben leider auch kein so gut funktionierendes Exportbüro wie die Franzosen, das sich in anderen Ländern um die Verbreitung französicher/frankophoner Musik kümmert. Würde man so etwas in Paris installieren, würde das schon was bringen, glaube ich.

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