Der Anti-Sound
zum coolen Britannien

Auch in Deutschland
findet die Szene Anklang

Ein Bericht von Stephan Stöckel


Zehn Jahre nach dem "Summer Of Britpop" erblüht die britische Musikszene in neuem Glanz. Junge, frische, unverbrauchte Bands, wie die Rakes oder Kaiser Chiefs, werden zum Sprachrohr ihrer Generation und ernten auch in Deutschland positiven Widerhall.


Ein Jahrzehnt ist es her, dass die Britpopwelle ihren Höhepunkt erreicht hatte, Oasis und Blur um die Chartskrone im Vereinigten Königreich kämpften. Viele Gruppen von damals sind inzwischen in die ewigen Jagdgründe der Popmusik eingegangen (Wer erinnert sich noch an Menswear?) und auch die britische Musikpresse, allen voran der New Musical Express (NME), taumelte zwischenzeitlich orientierungslos vor sich hin ob der versiegenden Welle. Man warf den Blick über den großen Teich und nach Down Under, hypte Bands wie die Strokes oder The Vines, doch wie es mit der britischen Musikszene so richtig weitergehen sollte, wusste Anfang des neuen Jahrtausends niemand so recht.

Einige Formationen, wie die eingangs erwähnten "Oasis" und "Blur" hatten die Popwelle überlebt, während es im Underground bereits wieder zu rumoren begann. Coldplay schickten sich mit ihrem Melancholie-Pop an, die Welt zu erobern, Elbow betörten uns mit ihren faszinierenden Soundgemälden zwischen progressivem Rock und Weltschmerz, The Coral nahmen uns mit auf eine Zeitreise in die 60er Jahre, ehe dann mit Franz Ferdinand eine schnittige Wave-Rock-Kombo folgte, die das Bandkarussell so richtig in Schwung bringen sollte. Ihr neues Album, das die Musiker selbstbewusst "You Could Have It So Much Better With … Franz Ferdinand" tauften, ist im Herbst dieses Jahres erschienen.

Ob Punk, Pop, Garage oder Experiment - in der Szene Großbritanniens ist derzeit alles möglich. Ein Trend ist allerdings auszumachen: Britische Bands lassen derzeit offenbar nichts unversucht, irgendetwas Deutsches in ihre Musik einzubauen: Franz Ferdinand und The Libertines nennen Songs "Auf Achse" beziehungsweise "Arbeit macht frei", die Editors und Six By Seven besingen mit "Munich" und "Bochum" deutsche Metropolen, Coldplay bedienen sich bei Kraftwerk-Melodien, und Art Brut haben gleich einen bayerischen Schlagzeuger. Und - man glaubt es kaum - eine walisische Elektro-Pop-Kombo hört auf den Namen eines Fußballclubs aus der einstigen DDR: "Dynamo Dresden".

"German is hip and cool" - da ist es kein Wunder, daß Alan Donohoe von The Rakes auf deutsch einzählt. Der dazugehörige Punksong heißt "Strasbourg", eröffnet das Debütalbum des Londoner Quartetts, und erzählt uns von einem Pärchen aus der ehemaligen DDR, das dem repressiven Regime gen Westen flieht.
Warum ist Deutsch so "in" in einem Land, in dem Deutsche abfällig als "Krauts" bezeichnet werden? Für "Franz Ferdinand" war es die Alliteration im Bandnamen, die "so schön klang", für andere ist es der Exotenbonus und überhaupt stand und steht deutsche Musik seit Amon Düül, Kraftwerk und Can in Großbritannien für Avantgarde, Experiment, Fortschritt und Schöngeist. Solche Tugenden braucht man in einer Szene, in der der zackig-nervöse Beat des New Wave wieder den Ton angibt.

In den Songs dieser neuen Bands, musikalisch angesiedelt zwischen Punk, Pop und Wave, spiegeln sich die derzeitige Stimmungslage und die Empfindungen junger Menschen - aber nicht nur dieser - wieder. The Rakes liefern vor dem Hintergrund der Terroranschläge einen Londoner Stimmungsbericht mit dem passenden Titel "Terror!", in dem das Unbehagen vieler Menschen mit folgenden Worten treffend beschrieben wird: "Every plane is a missile, every suitcase is a bomb! - Jedes Flugzeug ist eine Rakete, jeder Koffer eine Bombe!"
Die "Kaiser Chiefs", die derzeit wohl coolste Party-Band Großbritanniens, zeichnen in ihrem Punkknaller "I Predict A Riot" ein düsteres Bild vom Leben in der Großstadt und "Hard Fi" besingen auf ihrer Erfolgs-CD "Stars On CCTV" die Überwachungskameras. 300 davon soll es allein in London geben. Orwell lässt grüßen!

"Uns wird erzählt, dass es uns derzeit so gut geht wie in den späten 70er Jahren. Aber wir fühlen uns nicht als Teil dieses ‚coolen Britannien', das uns die Medien zu verkaufen suchen. Viele Leute führen ihren eigenen Lebensstil", bringt es Hard-Fi-Frontmann Richard Archer in einem Interview mit dem "New Musical Express" auf den Punkt.

In Deutschland scheint eine ähnliche Grundstimmung aus Frustration und Zukunftsangst zu herrschen - wie anders ist es wohl zu erklären, dass abgesehen vom Partyfaktor, Bands wie "Hard Fi" mit ihrem wohlschmeckenden Cocktail aus Ska, Punk und Wave mal so dir nichts mir nichts in die Top 20 der Deutschen Album-Charts schießen?

Es gäbe noch so viele Combos zu erwähnen - sie alle zu analysieren würde den Rahmen dieses Artikels sprengen. Deshalb hier ein paar CD-Tipps aus UK, die wir allen Fans guter Musiker ans Herz legen:

"Bang Bang Rock'n'Roll" Art Brut
"Silent Alarm" Bloc Party
"The Back Room" Editors
"Franz Ferdinand" Franz Ferdinand
"Stars Of CCTV" Hard-Fi
"Employment" Kaiser Chiefs
"A Certain Trigger" Maximo Park
"Capture/Release" The Rakes

© Stephan Stöckel, Dezember 2005

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