The Cure 2008: Porl Thompson, Robert Smith, Jason Cooper, Simon Gallup (v.l.)

DIE FREMDEN

The Cure

Auch nach dreißig Jahren noch nicht angekommen

Konzert-Eindrücke vom Bandauftritt in Hamburg im Februar 2008

von Michael Frost


So paradox es auch klingen mag: Robert Smith, als Mastermind der Düster-Rock-Band The Cure eigentlich Berufs-Melancholiker, muss einer der glücklichsten Musiker überhaupt sein. Seit fast dreißig Jahren macht der fast 50-jährige Brite so ziemlich, was er will, schwimmt dabei regelmäßig gegen jeden Strom und bewahrte sich so – trotz Major-Vertrag – sein Independent-Image. Die Fangemeinde ist der Band seit Jahren treu ergeben und mit ihr älter geworden. Die Veröffentlichung eines neuen Albums ist seit jeher ein fast rituelles Ereignis, dem auch Download-Portale und Raubkopierer nichts anhaben können: Die heimische CD-Sammlung wird gehegt, gepflegt und ständig komplettiert, die Zahl nicht-autorisierter Bootlegs ist rekordverdächtig.

Dabei ist die Medienpräsenz der Band noch nicht einmal besonders hoch. Man kennt „Friday I'm in Love“, „Boys don't cry“ und „Lovecats“, man erinnert sich mit wohligen Schauern an den verrückten Spinnen-Videoclip zu „Lullaby“, doch ansonsten sind Cure-Songs eine Angelegenheit für Eingeweihte.

Die jedoch kennen die Songs umso genauer und lieben insbesondere die schwermütigen, düsteren und abgründigen Titel, die The Cure auf ihren Konzerten oft in epischen Formaten zelebrieren: „A forest“, „Faith“, „One hundred years“, „The figurehead“, „The Kiss“, sie alle sind Hymnen eines Teils der "Um die 40"-Generation, die in den frühen 1980er Jahren aufwuchs, von einer latenten Weltuntergangsvision durch Wettrüsten, Waldsterben und Atomkraft geprägt wurde und im Gefolge der Punkbewegung mit Verweigerung reagierte: „No future“.

The Cure waren nie eine politische Band, aber sie spiegelten das Lebensgefühl dieser Zeit mehr als jede andere Band, und sie antworteten auf die Bedrohung mit einer existenzialistischen, zuweilen nihilistischen Grundhaltung, die auch ihre Anhänger teilten. „It doesn't matter if we all die“, die erste Zeile des Songs „One hundred Years“, drückt diese Haltung ebenso aus wie die allererste Single: „Killing an Arab“. Robert Smith verdichtete darin Albert Camus' existenzialistisches Meisterwerk „L'Etranger“ (Der Fremde) zu den Textzeilen: „I'm Alive // I'm Dead // I am The Stranger“ - (Ich bin lebendig // Ich bin tot // Ich bin der Fremde).

Die Fremden, das sind The Cure und ihre Fans selber. Und einen Rest Distanz und Fremdheit haben sie sich bewahrt, egal in welcher Position sie sich heute befinden. Sie mögen beruflich und privat etabliert sein, doch ihre Skepsis gegenüber der Welt bleibt. Alle paar Jahre kommen sie wieder zusammen, wenn die Band auf Tour geht, so wie vor wenigen Tagen bei ihrem Konzert in der nahezu ausverkauften Color Line Arena von Hamburg, tags darauf in Berlin. „Hello again“ werden die knapp 15.000 Zuschauer von Robert Smith in einer seiner spärlichen und kaum verständlichen Ansprachen begrüßt. Die Band gastierte in den vergangenen dreißig Jahren regelmäßig in der Hansestadt, und Smith weiß um die Beständigkeit seiner Anhängerschaft: Die meisten waren schon häufiger dabei.

Und so ist jedes Konzert gleichermaßen das Treffen einer überraschend großen Familie, die sich, aller Anpassung und Etablierung zum Trotze, dieses Quäntchen Fremdheit im eigenen Leben bewahrt hat, den Zweifel und das Misstrauen. Die wenigsten Zuschauer tragen noch das Gruftie- oder Gothik-Outfit, mit dem The Cure bis heute von oberflächlich hinsehenden Rezensenten verbunden werden, statt dessen überwiegen „Normalos“ um die 40, Männer häufiger als Frauen, oft in Begleitung ihrer Kumpel von einst. Nur wenn man genau hinsieht, wird man feststellen, dass es einen unausgesprochenen Dresscode gibt, der verrät, welcher Act gleich die Bühne betreten wird. Schwarz ist die beherrschende Farbe, ob als Jeans, Bluse, Sweatshirt oder Jacke, oft ganz unauffällig, beiläufig und zeitlos, mal als Second Hand-Ware, mal als exklusives Designerstück – doch insgesamt kann kein Zweifel daran bestehen, dass der Griff in den Kleiderschrank an diesem Abend kein zufälliger war.

Auf den zweiten Blick ist denn auch erkennbar, dass die eine oder andere – männliche wie weibliche - Augenpartie gekonnt mit Kajal konturiert wurde: Diese Gemeinschaft ist keine erklärte, keine mit Botschaft oder religiösem Sendungseifer, sie ist sich selbst genug, sie teilt ein Lebensgefühl, keine wirre Dogmatik. Und so feiert sie an diesem Abend in Hamburg ihren Meister nicht als Helden oder Lichtgestalt, sondern lediglich als einen, der ist, wie sie selbst, der fühlt, wie sie selbst, der es vielleicht einfach nur besser und lauter ausdrücken kann. Robert Smith seinerseits sieht seine Rolle offenbar ähnlich, denn er gibt sich nie als Rockstar, er feuert das Publikum nicht an, im eigentlichen Sinne findet so etwas wie eine „Bühnenshow“ überhaupt nicht statt.

Nur zwei-, dreimal verlässt er seinen Mikrofonständer in der Mitte der Bühne, um gemächlich zu beiden Rändern der Bühne zu schlendern, doch auch in diesen Momenten posiert er nicht, er fordert keine Ovationen, er animiert nicht zum Mitsingen oder rhythmischen Klatschen, nicht ein einziges Mal. Darin offenbart er ein brechtsches Publikumsverständnis, das in der Rockmusik vollkommen ungewöhnlich ist, um nicht zu sagen: fremd.
Selbst einstige Weggefährten wie Depeche Mode sind inzwischen zu abgeklärten Stadion-Rockern mutiert – The Cure jedoch nicht. Sie verweigern sich der erwarteten Haltung und den Gesetzen des Rock-Zirkus dabei weniger aus proklamierter Kritik, sondern einfach deshalb, weil dies nicht „ihre Welt“ ist. Nach elf Studioalben haben sie ihre angestammte Plattenfirma verlassen, weil sie sich nicht mehr an deren Bedingungen binden wollten. Also diktierten sie einer neuen Firma ihre eigenen Bedingungen. Und so gehen sie jetzt nicht auf Tour, um ein neues Album zu promoten, sondern weil sie die Zeit für Live-Auftritte gekommen sehen. Die Platte, dem Vernehmen nach sogar ein Doppel-Album, kommt dann später in den Laden – die Fans kaufen sie sowieso.

Die Setlist für die Tour stellen sie ebenso nach eigenem Gusto zusammen, insgesamt einhundert (!) Stücke umfasste das spielbare Repertoire ihrer letzten Tour, wie eifrige Fans zusammenrechneten. Die bekannten Hits waren meist nicht darunter, nicht selten zur Verwunderung ungeübter Konzertbesucher. Die echten Fans lieben sie dafür, aber ebenso begeisterungsfähig reagierten sie auf ein Set wie das von Hamburg, bei dem sich Hits und Lieblingssongs der Fans wie Perlen aneinander reihen: 37 Songs in drei Stunden.

Auf ihrer „4 Tour“, bei der die Band sich erstmals seit vielen Jahren wieder als Quartett präsentiert, nutzen The Cure das Fehlen eines Keyboarders und spielen ihre Songs in klassischer Gitarren-Rockband-Besetzung. Diesmal spielen sie auch viele ihrer großen Hits, und erstmals gelingt ihnen durch den ruppigen Rocksound eine Art Symbiose zwischen psychedelisch-witzigen Popsongs und dem epischen Tiefgang so düsterer Meisterwerke wie „The drowning man“, „M“, „Disintegration“ oder „From the edge of the deep green sea“. Gerade dieses Stück ist typisch für die Beziehung zwischen Band und Zuhörern: Es liegt jenseits des üblichen Single-Formats (schon die Studioversion ist über fünf Minuten lang), es hat keinen Refrain, noch nicht einmal deutlich erkennbare Strophen, die Melodie ist gleichförmig, die Arrangements sind überraschungsarm, und doch entwickelt der Song eine hypnotische Kraft. Die Zuhörer sind gefesselt, kennen den Song in- und auswendig, und bei der Textzeile „...put your hands in the sky“ recken sich wie auf ein unsichtbares Kommando tausende Arme in die Höhe. Aufgefordert werden muss niemand: Alle wissen, was zu tun ist.

Zusammen mit Robert Smith, stimmlich auf der Höhe wie lange nicht, entwickelt der Sound eine unvermutete Dynamik, druckvoll und temporeich, die schließlich auch das Publikum auf den Rängen aus den Sitzen reißt. In dieser Atmosphäre ist man sich keineswegs mehr fremd, sondern endlich wieder unter seinesgleichen, man versteht sich und die gemeinsame Haltung zum Leben, indem man gemeinsam die selben Texte singt. In wenigen Jahren wird man sich an selber Stelle wiedertreffen, wiederum ein wenig älter. Und wer weiß, welches frühere Bandmitglied dann plötzlich wieder dabei sein wird. Denn der Band geht es genauso wie ihren Fans: Gründungsmitglied Porl Thompson hat The Cure bereits zweimal verlassen, nun ist er ein weiteres Mal zurück gekehrt. Auch er konnte ohne The Cure wohl nicht so richtig glücklich werden.

© Michael Frost, 22. Februar 2008

 



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