Echo, Grammy, Britaward:
Wie die Musikindustrie sich selbst feiert - und warum Qualität in Deutschland keine Rolle spielt



Same procedure: Der deutsche Musikpreis "Echo" soll auch in diesem Jahr wieder die deutsche Musikbranche in hellem Glanz erstrahlen lassen. 1992 als Pendant zum amerikanischen "Grammy" und den englischen "Britawards" ins Leben gerufen, versteht sich der Echo als selbstbewusste Leistungsschau des nach den USA "zweitwichtigsten Musikmarkts der Welt" (Eigenlob).


Keine Musiker, nur Musiker-Darsteller

Tatsächlich enthüllt das grelle Scheinwerferlicht der jährlichen Preisverleihung jedoch nur den dramatischen Zustand des heimischen Plattenmarktes, denn in den wichtigsten Kategorien gilt nicht etwa die künstlerische Qualität, sondern nur die (schwindende) Zahl verkaufter Tonträger als Messlatte für die Nominierung. Das heißt: dieselbe Industrie, die gerade für die Anerkennung der CD als Kulturgut (mit ermäßigtem Mehrwertsteuersatz) streitet, führt beim Echo vor, dass es ihr in Wirklichkeit nur um den größtmöglichen Absatz geht. Geehrt wird nicht der innovativste Musiker, sondern der medienwirksamste Musiker-Darsteller.

Und so passiert es dann, dass unter den Nominierten in der Kategorie "Beste Künstlerin Rock/Pop National" schließlich nur noch eine Person zu finden ist, die den Namen "Künstlerin" überhaupt verdient: Joy Denalane. Erhalten wird sie den Preis freilich nicht. Das Rennen machen die mit ihr nominierten Karaoke-Sternchen "Jeanette", "Gracia" und "Yvonne Catterfeld" sowie Sarah Connor, die Nachtigall von Delmenhorst, unter sich aus. Echo sei Dank: Eine dieser vier wird die Trophäe abräumen, ihren Ruhm mehren und die Konten der Not leidenden Plattenindustrie füllen.


Einzige Hoffnung im Rennen gegen die Retorten-Acts: Deutsche Soul-Interpretin JOY DENALANE
Foto © fourmusic

 



Keine neuen Songs, und trotzdem für den Echo nominiert: ROBBIE WILLIAMS hat gut lachen. Foto © Capitol Records

Vom Dschungel auf die Bühne ?

Ähnlich verheerend ist auch das Aufgebot der männlichen Kollegen: Mit "Alexander" und der bayerischen Dschungel-Primadonna Daniel Küblböck verstopfen auch hier zwei "Superstars" die Nominierungsplätze - und die nächste Generation des Grauens befindet sich bereits im Anmarsch: Gestern noch im Dschungel, morgen schon auf der Echo-Showbühne ?

Doch auch auf den Blick ins internationale Repertoire hofft man beim Echo vergebens. Dort rangiert Sean Paul als einziger Newcomer neben ausgemusterten Ex-Stars wie Eros Ramazzotti und Seal sowie den derzeit unvermeidlichen Allround-Favoriten Justin Timberlake und Robbie Williams.
Grammy- bzw. Britaward-nominierte Größen wie David Bowie, Bob Dylan, Blur, Radiohead oder Goldfrapp sucht man hier vergebens.


Überhaupt der Grammy: In 105 Kategorien wird er vergeben, darunter auch in scheinbar abseitigen Bereichen wie "Beste Albumverpackung" (nominiert sind u.a. Sigur Rós und Ani Difranco), "Beste Box- oder Limited Edition Verpackung" (u.a. Björk, Miles Davis, Tori Amos) oder "Bestes klassisches Crossover-Album" (u.a. Kronos Quartet, Emmanuel Pahud & Jacky Terrasson). Doch gerade diese Kategorien haben den Vorteil, dass für die Entscheidung über den Gewinner vernünftige, d.h. künstlerische Kriterien angelegt werden müssen. Mit dem Ergebnis, dass die Leistung als solche honoriert wird - und nicht bloß ihr finanzieller Ertrag.

Und selbst wenn durchaus zu Recht der Meinung sein kann, dass es einer Grammy-Kategorie wie "Bestes Polka-Album" in Deutschland nicht bedarf, weshalb richtet man dann nicht wenigstens den Blick auf die heimischen Sub-Genres wie Reggae und Ska, oder auch Chanson und Electronica - ganz zu schweigen von den doch hoffentlich immer noch vielen Rock- und Hardrockbands in der Provinz, die einen Echo-Förderpreis als Karriereschub sicher nicht ausschlagen würden ?


Hier ist Musik drin:Grammy-nominiertes Package-Design (SIGUR RÓS, ANI DIFRANCO, BJÖRK)

 



7-fach für den Grammy nominiert, doch für den ECHO kein Thema: CESARIA EVORA, die kapverdische "Königin der Weltmusik" Foto © tropical music


Kein Interesse am Tellerrand

Und was spricht eigentlich gegen die Auszeichnung so klangvoller Namen wie Youssou N'Dour, Caetano Veloso, Orchestra Baobab, Bill Frisell oder Cesaria Evora ? Alle fünf sind in der Kategorie "Bestes zeitgenössisches Weltmusik-Album" nominiert, allerdings nicht in Deutschland für den Echo, sondern in den USA für den Grammy. Beim Echo könnte man die Genannten bestenfalls unter dem Titel "Volkstümliche Musik" führen - denn "Welt"-Musiker abseits des angloamerikanischen Casting-Mainstreams werden hier ebenso ignoriert wie Songwriter, Folk- oder Blues-Interpreten.

Doch die Würdigung anspruchsvoller Unterhaltung bleibt hierzulande dem Nischen-"Preis der deutschen Schallplattenkritik" vorbehalten.
Und mangels nachvollziehbarer Kategorien wird beim Echo zusammen gepackt, was nicht zusammen gehört: Unter "Pop National" firmieren sowohl die Berliner Shooting-Stars "Wir sind Helden" als auch die Langeweile-Schlagergrufties Pur, und im Feld "Pop/Rock International" konkurrieren die Schmusepopper Simply Red mit Metallica und Linkin Park.

 



Da passen dann so groteske Echo-Kategorien für den "besten Handelspartner" oder das beste "Marketing" schon besser ins Konzept. Dort bekommen wahrscheinlich zu allem Überfluss auch noch diejenigen einen Preis, deren Arbeit den Retorten-Sternchen-Overkill überhaupt erst verursacht hat. Und das, obwohl lediglich eine einzige Band aus der Casting-Abteilung den Echo in diesem Jahr wirklich verdient hätte: die "No Angels" - für ihre Auflösung.

© Michael Frost, Februar 2004

Link www.echo-deutscher-musikpreis.de Link www.grammy.com Link www.brits.co.uk

 

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