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Neues aus Frankreich:
Kreativer Schub für die innovative Szene

Das Interesse an französischer Musik hat in den letzten Jahren wieder deutlich zugenommen, wofür nicht zuletzt Compilation-Serien wie die die "Le Pop"- und "Le Tour"-Reihen verantwortlich sind. Deren Verantwortliche haben viele bis dato unbekannte Chanson-, Rock- und Elektro-Interpreten entdeckt und dem deutschen Publikum vorgestellt. Doch damit ist die französische Szene noch längst nicht erschöpft. Immer wieder machen junge Nachwuchsbands und Interpreten mit spannenden und innovativen Produktionen auf sich aufmerksam. Einige dieser Veröffentlichungen stellen wir in einer losen Reihe vor.


DUB INC.
Aktuelles Album:
Afrikya
next www.dubinc.org

Spätestens Ende der 1980er Jahre begann in Frankreich der Boom der Multikulti-Bands. In Paris, aber auch in der Provinz begannen junge Musiker unterschiedlicher Herkunft, mit dem Sound verschiedener Kulturen zu experimentieren. Raï, Hiphop, Reggae, Gypsy-Pop, Punk, Musette und Chanson flossen ineinander. Die 1997 in St. Etienne gegründete, achtköpfige Formation Dub Inc. gehört also bereits zur "2. Generation" dieser Bewegung, deren kreativer Output nach wie vor ungebrochen ist.

Die Musik von Dub Inc. wird in der Regel als "French Reggae" beschrieben. Das Französische an ihrer Variante des Reggae ist jedoch nicht nur die Sprache, sondern die Vermischung jamaikanischen Rhythmus- und Lebensgefühl mit nordafrikanischem Sound und dem Hiphop der Banlieus, der Anprangerung gesellschaftlicher Missstände und sozialer Ungleichheit - stets verpackt in einen pulsierenden Dance-Rhythmus. Das Ergebnis ist vor allem live ein besonderes Ereignis. "Afrikya" ist nun das dritte Studioalbum des Soundkollektivs, das im vergangenen Herbst auch in Deutschland live vorgestellt wurde.


LES GROSSES PAPILLES
Aktuelles Album:
Dans la langue
next lesgrossespapilles.com

Man hört ihnen die Pionierleistung von Bands wie "Les Négresses Vertes" an, und doch haben "Les grosses papilles" ("Die fetten Geschmacksknospen"!) einen eigenen Weg eingeschlagen. Das Quartett, das bei seinen Studioaufnahmen von einer unüberschaubaren Anzahl von Gästen unterstützt wird, hat seine Wurzeln in Jazz, Musette, Polka, Gypsypop, Rock und Ragtime, aber auch - Vorsicht - im Punk.

Musikalisch und sprachlich gleichermaßen Schwindel erregend virtuos entwickelt die Band mit erstaunlicher Stilsicherheit einen Sound, der schließlich klingt wie der sprichwörtliche Schmelztiegel, in den alle Zutaten zu einer nicht mehr aufzulösenden Einheit zueinander gefunden haben.

In Frankreich, wo "Les Grosses Papilles" fast pausenlos auf Tour sind, arbeiten die Musiker nicht nur mit anderen Bands, sondern auch mit Theatergruppen zusammen. "Das Quartett", schreibt ihre Konzertagentur, "lebt zwar in seiner eigenen verrückten Welt, aber die Tür steht weit offen." Entrez alors!


KARPATT
Aktuelles Album:
Dans d'beaux draps
next www.karpatt.com

"Fast ausverkaufte Säle und Clubs", freut sich KARPATTs deutsche Konzertagentur, "sind nun wirklich nicht normal bei einer Band, die bis heute keine CD in Deutschland veröffentlich hat". Wohl wahr, doch vermutlich hat sich unter dem frankophilen Publikum schnell herumgesprochen, wie charmant und sympathisch das Trio aus Paris seinen akustischen Sound aus zeitlosem Swing und Chanson interpretiert.

Fred, Gaetan und Hervé ("RV") agieren quer zu musikalischen Moden. Man würde ihr aktuelles Album "Dans d'beaux draps" wohl weder dem Neo-Chanson noch der alten Schule zuordnen. Und doch steckt die CD voller origineller Ideen, witzigen, z.T. auch bissigen Texten, Esprit und Spielfreude. Das Ergebnis ist ein überaus eingängiger Sound, darüber hinaus très français, auch, weil mit erkennbarer Begeisterung aus dem Topf der Klischees geschöpft wird - so deutlich, dass die Grenzen zwischen der Adaption einer Tradition und ihrer ironischen Überzeichnung.

Wie auch immer: KARPATT macht Spaß, und nur zu gerne lässt man sich für einen Konzertabend oder eine Albumlänge auf diese drei sympathischen Franzosen ein.


LE MAXIMUM KOUETTE
Aktuelles Album:
Moi j'aime ça
next maximumkouette.com

Vier Frauen, drei Männer. Schon das Lineup von "Le Maximum Kouette" ist ungewöhnlich, und ihre Musik ist es erst recht. Die Band bezeichnet sich als Skaband aus Paris, aber tatsächlich ist Ska nur eine der Richtungen, welche Le Maximum Kouette verfolgt. Andere sind psychedelische Rocksounds, Punk, Garage, Pop, Reggae, Ethno - folglich alles, was nicht bei drei auf den Bäumen ist.

Die vier Frauen waren Mitte der 90er Jahrer zunächst als Quartett gestartet und machten sich in der Independentszene schnell einen Namen. Mit ihrem Debütalbum "Lundi, je m'y mets" (2000) empfahlen sie sich bereits für ein Projekt, das im Jahr darauf als Hommage an die Pariser Indie-Könige "Mano Negra" um Frontmann Manu Chao veröffentlicht wurde. Auf dem Tribute-Album "Mano Negra Illegal" sind neben Le Maximum Kouette die wichtigsten Bands der Ethnorock-Szene vertreten, u.a. Louise Attaque und Les Hurlements d'Leo.

Ihr jetzt auch in Deutschland veröffentlichtes Album "Moi j'aime ça" ist übrigens bereits fünf Jahre alt. In Frankreich ist Le Maximum Kouette inzwischen schon einen Schritt weiter: Ihr aktuelles Album "Et alors" erschien beim Major-Label Universal.



Vincent Cros
VINCENT CROS
Aktuelles Album:
L'homme integrale
next vcros.free.fr

Seine Stimme ist so, wie man sie hierzulande von einem Franzosen erwarten würde - und wohl auch nur einem Franzosen durchgehen lässt: samtweich und sensibel, einfühlsam und leise säuselnd. Vincent Cros kontrastiert seine zerbrechliche, bisweilen hohe Stimme dabei mit allerlei elektronischen Spielereien, die im ersten Moment verstörend wirken, weil sie die introspektive Stimmung brechen, doch gerade hierin liegt der besondere Reiz des Albums "L'homme integrale". Das beginnt bereits mit dem zweiten Song "Les hommes qui dorment", in dem Cros sein Faible für schlafende Menschen bekundet.

Entsprechend seines leisen Gesangs benötigt Vincent Cros auch keine aufwändigen Arrangements. Neben den elektronischen Elementen besteht sein Sound manchmal nur aus Daumenklavier und Akkordeon ("Les filles de l'air"), elektronischem Bossanova ("Coimbra") und Rock-Ballade ("Vif et lent").

Erstmals stellte Vincent Cros seine Chansons 1996 im Théâtre de l'Oseraie von Lyon öffentlich vor. Seither arbeitet er an seiner Idee von der Verbindung zwischen klassischem Chanson und Elektronica. Internationaler Pop spielt dabei als Inspirationsquelle immer eine große Rolle, doch Cros findet dabei erkennbar eine eigene Linie, die sein Album zu einer interessanten Entdeckung macht.

 


Thierry Cadet (mi.)
THIERRY CADET
Aktuelles Album:
Popscriptum
next www.thierrycadet.com

Er ist eher ein Vertreter des klassischen Chansons - und doch ein ganz junger Nachwuchskünstler: Thierry Cadet. Auch in Deutschland gastierte er bereits und zeigte sich dabei erfreut über die positive Aufnahme. Hierzulande, so Cadet, der inzwischen sogar in München lebt, sei man dem französischen Chanson überraschend zugetan.

Inzwischen hat er sein Debüt-Album "Popscriptum" veröffentlicht. Darauf präsentiert er - abgesehen von zwei Coverversionen, die im Original von Jean-Jacques Goldman stammen - eigene Titel, leise mit akustischer Gitarre arrangiert. Elektronische Elemente werden nur im Ausnahmefall eingefügt ("Adelaide") - Cadet liebt die Zeitlosigkeit.

Seine intimen Balladen sind oft sentimental, bisweilen traurig, überschreiten manchmal die Grenze zum Melodramatischen, gleiten selten in allzu seichte Gewässer - Thierry Cadet verfügt über das nötige Potenzial, um mit der Zeit an sich, seiner Musik und seinen Träumen zu reifen. Einstweilen danken wir ihm für das ungewöhnliche Kompliment, einen seiner Chansons "Liebe" zu nennen. Denn dass ein gefühlsbetonter Franzose wie Cadet seine Emotionalität ausgerechnet in der als hart und kantig geltenden deutschen Sprache formuliert, ist ein Moment von größter Seltenheit.

 


ON S'FAIT UNE BOUFFE
Aktuelles Album:
Portraits crachés
next onsfaitunebouffe.free.fr
On s'fait une bouffe

Man weiß, dass die leckersten Gerichte oftmals nicht solche sind, deren Zubereitung besonders aufwändig ist, für die exotische und entsprechend teure Zutaten benötigt werden. Manchmal ist gerade die einfach Küche die schmackhafte. So sehen sich auch die vier Musiker der in Marseille beheimateten Band "On s'fait une Bouffe". Hier eine Prise Piano, dort Gesang und Percussions als Würze "und überpudere damit vorsichtig den Text, der nebenbei in einem brodelnden Kochtopf schmort ..." - und der, wie hinzu gefügt werden muss, bereits mit dem Leo Ferré-Chansonpreis ausgezeichnet wurde.

Möglichst heiß soll das Platten-Gericht mit dem Titel "Portraits crachés" serviert werden. "On s'fait une bouffe" tun dies am liebsten auf der Bühne, die sie regelmäßig wie ein Bistrot ausstatten, mit Tresen, Tischen und Barstühlen. Sofort verbreitet sich dann eine Atmosphäre, die nicht nur unter Ausländern als "typisch französisch" gilt: man trinkt einen Pastis, nimmt ein leichtes Mittagsgericht zu sich, begleitet von einer Karaffe Rotwein, man hinterlässt unanständig viele Baguettekrümel auf dem Papiertischtuch, liest die Tageszeitung, hält ein Schwätzchen mit dem Nachbartisch oder betrachtet die vorbei eilenden Passanten.

In dieser Situation entstehen die Texte und Melodien dieses gemütlich-sympathischen Quartetts mit der vertraut wirkenden Atmosphäre zwischen leiser Heiterkeit, Melancholie und Bebegenheiten des Alltags. Es wäre zu wünschen, dass Jean-Marie Bergey, Hervé Gasciolli, Eric Lemaire und Stéphane Pinna ihre Bar auch einmal auf deutschen Bühnen aufbauten. Gern würde man einmal wieder einen Pastis trinken, ein leichtes Mittagsgericht bei einer Karaffe Rotwein zu sich nehmen, mit dem Baguette krümeln ... kurz gesagt: "On s'fait une bouffe".

 


Watcha Clan
WATCHA CLAN
Aktuelles Album:
Le bastion
next www.watchaclan.com

Auch die Zutaten des Sounds des Watcha Clan sind betont einfach, aber schmackhaft und voller überraschender Geschmackserlebnisse. Ihr Sound erstreckt sich nach eigenem Bekunden vom Balkan über das Mittelmeer nach Nordafrika, von dort zurück ins heimatliche Marseille und nordwärts in die angesagten Clubs von London. Gypsybrass und Polka, Rai, Dub und Reggae, der Rap der Banlieus, Dance und House treffen in der Musik des "Clan" aufeinander und formieren sich zu einem Sound, den die Band selbst als Electro Hiphop beschreibt.

Man könnte weitere Stile, die sich in ihrem Album "Le bastion" wiederfinden lassen, beschreiben, ohne dem grandiosen Sound des Watchaclan damit wirklich näher zu kommen - ganz zu schweigen von dem babylonischen Sprachgewirr, das auf ihrem Album herrscht: Französisch, Hebräisch, Englisch und Spanisch sind erkennbar, weitere Fäden müssen noch entwirrt werden.

Was in der Beschreibung als anspruchsvoll, sogar überladen klingt, entpuppt sich in der Praxis als höchst unterhaltsam, in den besten Momenten überwältigend. Man legt die CD ein und verliert den sicher geglaubten Boden unter den Füßen und gleitet im Tiefflug entlang den Küsten des Mittelmeeres, seiner alten und neuen Kulturen, und versteht, dass all diese Einflüsse im heutigen Marseille zusammen fließen und sich in dem Energie geladenen Sound von Matt la basse (Bass),
Sista K (Gesang), Suprême Clem (Electro), Jah Rob (Percussions), Soupa Ju (vibes) begegnen.

 



© Michael Frost, April 2006 - Januar 2009



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