Waschechte Schotten auf Italien-Trip
FRATELLIS machen Musik zum Schunkeln und Mitsingen
"Rock im Park"-Interview von Stephan Stöckel


Jon Lawler alias "Jon Fratelli" steckt noch der Auftritt vom Vortag bei Rock am Ring in den Gliedern und die lange, durchzechte Nacht im Magen. Nachdem sich der Sänger der schottischen Band "Fratellis" seines Mageninhalts entledigt hat, fühlt er sich wieder besser. Das ist Rock'n'Roll, wie er leibt und lebt.

Die "Fratellis", Jon (Gesang und Gitarre), Mince (Schlagzeug) und Barry (Bass), gehören zu jener Sorte von Rockbands, die das alte Spiel aus fidelen Gute-Laune-Rock-Krachern garniert mit einem Hauch Liederlichkeit, auch wenn das die Band nicht so gerne hört, bestens beherrschen. Konzerte der schottischen Band werden regelmäßig zu Mitsing- und Tanzorgien.

Auch "Rock im Park" machte da keine Ausnahme: Der jungfräuliche Rock'n'Roll der Möchtegern-Italiener aus Glasgow - allesamt sind waschechte Schotten und weder verwandt noch verschwägert miteinander - weckte schon am frühen Nachmittag die Lebensgeister vieler Fans. Bevor die "Fratellis" auf der Bühne so richtig abrockten, plauderte Sänger Jon, wieder einigermaßen erholt, mit unserem Mitarbeiter Stephan Stöckel im Tourbus über das Debütalbum "Costello Music", das angeblich ganz besondere Töne von sich gibt, wenn man es rückwärts abspielt…



Euer Rock- und Popsound ist wie gemacht zum Schunkeln und zum Spaß haben. Wie spiegelt sich die fröhliche Musik in Deiner Persönlichkeit wieder?

Jon: Ich denke überhaupt nicht. Wir sind nicht fröhlicher wie viele andere Gruppen auch. Wir sind nicht die superlustigen Typen, die manche Leute, so wie Du, hinter unserer melodiösen Musik vermuten, die musikalische Elemente aus den 50er, 60er und 70er Jahren miteinander verbindet. Viele Leute setzen Melodie mit Fröhlichkeit gleich, was ich in unserem Falle für nicht ganz zutreffend erachte.

Woher kommt es, dass Eure Musik voller Silben wie "La, la, la" oder "Ba, ra bap" steckt?

Jon: Wie viele "Beatles" oder "Kinks"-Songs haben "La, la, las"? Solche Silben erleichtern es dem Publikum, vor allem in nicht englischsprachigen Ländern, mitzusingen. Vielleicht wachsen wir ja eines Tages aus der ganzen Silbensache heraus, wer weiß? Auf unserem ersten Album hat es gut funktioniert. Jede Menge Texte gab es obendrein auch noch.

Eure Texte, wie zum Beispiel "Cuntry Boys & City Girls" oder "Henrietta" sind etwas schlüpfrig geraten. Wie kommt's?

Jon: Als frivol würde ich die Lieder nicht gerade bezeichnen. In dem Lied "Cuntry Boys & City Girls" geht es um eine gewisse Furcht vor Frauen, die in Städten leben. Ich wuchs auf dem Lande auf und dachte immer, dass die Cityladies einem Landburschen wie mir, mehr voraushätten. In dem Lied "Henrietta" wiederum geht es um eine verheiratete Frau, deren Mann ein Scheißkerl ist. Eine andere Person versucht, sie aus seinen Klauen zu befreien. In meinen Liedern erzähle ich die unterschiedlichsten Geschichten. Sicher kann man manchen Song etwas missverstehen, aber als frivol würde ich meine Stücke nicht einstufen. Man müsste schon sehr tief graben und bestimmte Dinge besonders hervorheben, wollte man mir unterstellen, ich würde Texte voller Frivolität schreiben.

Aber, wie kommt es dann, dass auf der amerikanischen Version von "Costello Music" der Song "Cuntry Boys And City Girls" durch das Stück "Gutteratti" ersetzt wurde? War das Lied den prüden Amis etwa zu heiß?

Jon: Keine Ahnung, warum sie ihn ausgetauscht haben. Von einem Album werden manchmal unterschiedliche Versionen herausgebracht. Das war schon immer so in der Geschichte der Popmusik. Da findet sich dann auf der amerikanischen Version ein ganz anderer Song als auf der japanischen.

© Foto: Stephan Stöckel
Ein Hoch auf die "La, La, Las": Jon Lawler von den "Fratellis". Foto: Stephan Stöckel.


Es gibt Gerüchte, dass, wenn man Eure Scheibe rückwärts abspielt, man die Musik von Elvis Costello hören kann…

Jon (lacht): Wir haben unser Album, was die einzelnen Töne anbetrifft, so sorgfältig zusammengestellt, dass es zu diesem ungewöhnlichen Nebeneffekt kam.

Aber woher stammt dann der Albumname?

Jon: Frank Costello, ein Freund von uns, der einen Fisch- und Chips-Laden sowie ein Eiscafé führt, inspirierte uns zu dem CD-Titel. Ebenso wie unser Bandname verleiht er uns einen Hauch von Italien und Mafia Glamour.

Bist Du ein Fan italienischer Lebensart?

Jon: Klar doch. Ich liebe das italienische Essen. Pasta gibt's bei mir schon zum Frühstück (lächelt).

In welcher Stimmung müsstest Du sein, um ein Album mit Liedern von Elvis Costello einzuspielen, dass man wirklich als "Costello Music" bezeichnen könnte?

Jon: Wenn mir keine eigenen Weisen mehr einfallen würden, dann würde ich mich vielleicht an Songs vom guten Herrn Costello heranmachen.

Ein musikalischer Einfluss von vielen ist bei Euch der Glam-Rock. War es da nicht logisch, die T. Rex Songs "Solid Gold Easy Action" und "Hot Love" zu covern?

Jon: Das ganze war wohl eher Zufall. Ein Freund von uns fragte, ob wir nicht "Solid Gold Easy Action" für den Schluss seines Filmes einspielen würden, was wir gerne taten. Der BBC wiederum bat uns, ein Lied für eine Live-Session nachzuspielen. Er legte uns eine Liste mit wirklich schrecklichen Liedern vor, aus denen wir schließlich "Ooh la la" von der Electropopband "Goldfrapp" auswählten. Da das Lied meiner Ansicht nach wie "Hot Love" von T. Rex klingt, mischten wir die beiden Songs einfach miteinander. So was nennt man ein zufälliges Aufeinandertreffen.

Was bedeutet die Glam-Rock-Ära für Dich?

Jon: In einer relativ kurzen Zeit in den 70er Jahren entstanden einige wirklich gute Songs, zum Beispiel von David Bowie, "T. Rex" oder Lou Reed. Andere Sachen, wie zum Beispiel die Songs von "Sweet" sagen mir nicht so zu.

Eure Konzerte sind wie große Partys für die Fans. Wie feierst Du zu Hause?

Jon: Gar nicht. Wenn ich nach Hause komme, schließe ich die Tür ab, ziehe die Vorhänge zu und stelle das Telefon ab. Zuvor habe ich mir eine große Schachtel voller Kräcker gekauft, die ich dann beim Fernsehschauen vernasche.

Welche lustigen Dinge können wir auf Eurem neuen Album erwarten?

Jon: Ich weiß noch nicht einmal, ob sich auf unserem alten lustigen Sachen befinden. Das nächste Album wird definitiv noch besser, da es uns noch mehr repräsentieren wird. Stilistisch wird das Werk wieder sehr vielfältig sein. Wenn uns ein Country-Song in den Sinn kommt, dann machen wir eben einen solchen. So einfach ist das.

Werden wir Euch im Herbst wieder live auf Tournee sehen können?

Jon: Leider nein. Zwei Jahre durch die Welt zu touren ist erstmal genug. Im Herbst konzentrieren wir uns auf unser zweites Album. Deutschland war übrigens ein gutes Pflaster für uns. Gestern zum Beispiel, bei Rock am Ring, war die Stimmung phantastisch. Die Leute gingen vom ersten bis zum letzten Ton mit. Aus dem Nichts waren da plötzlich 20000 Leute gekommen, wo es vorher noch 2000 gewesen waren. Das war unglaublich.

© Stephan Stöckel, Juni 2007



 

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