Freemuse.org

Absurd und paranoid:
MUSIKVERBOTE
RUND UM DEN GLOBUS

Wer glaubt, Zensur und Verbot von Musik seien Erfindungen der Taliban, irrt gewaltig. Überall auf der Welt, auch im vermeintlich "zivilisierten" Westen, werden missliebige Künstler und ihre Songs immer wieder auf den Index gesetzt. Mit Unterstützung der UNESCO formiert sich mittlerweile eine internationale Kampagne für die Durchsetzung der Freiheit der Künste: "Freedom for the musical expression", kurz FREEMUSE.

Die scheinbare Beliebigkeit, mit der in den westlichen Ländern Musik produziert und veröffentlicht wird, täuscht oft darüber hinweg, dass Musik nicht nur eine unterhaltende, sondern eine gesellschaftliche und politische Dimension hat. Um diese Dimensionen zu begreifen, muss man nicht bis nach Afghanistan blicken, wo unter dem Taliban-Regime jegliche Form der Musik streng verboten war.

Den Taliban ging es vordergründig um die Verhinderung jeglicher "Modernität" (mit Ausnahme der Waffen, die natürlich möglichst modern sein sollten), doch tatsächlich fürchteten sie genau wie die meisten despotischen Herrscher und autoritären Regimes die subversive Kraft, die Musik als Artikulationsinstrument einer unterdrückten Bevölkerung leisten kann. Oft hat die Musik bei der Entstehung von politischem Widerstand eine viel größere Bedeutung und Verbreitung als Literatur oder andere Formen der Kunst, zudem können Lieder auch dann noch "von Mund zu Mund" weiter gegeben werden, wenn Zeitungen, Bücher, Radio und Fernsehen der Zensur unterliegen oder längst verboten sind.

Doch Vorsicht: Musikzensur und -verbot ist kein islamistisches Spezifikum. Es waren christliche Eroberer, die den indigenen Kulturen Afrikas, Amerikas, Asiens und Australiens im Zuge der Kolonialisierung die eigenen Kulturen verboten, um ihnen unter brutalster christlicher Missionierung die eigene (Un-)Kultur aufzuzwingen.

Aung San Suu Kyi

Aung San Suu Kyi, Symbolfigur der demokratischen Opposition in Birma und Trägerin des Friedensnobelpreises von 1991. Seit Jahren steht sie fast ohne Unterbrechung unter Hausarrest. Ihr ist die U2-Single "Walk on" gewidmet, die in Birma erwartungsgemäß verboten wurde.

 

Und auch die neuere Geschichte - selbst die Gegenwart ist voll von Musikern, die zu Sprachrohren der demokratischen Opposition wurden und dafür von den jeweiligen Machthabern in unterschiedlicher Weise bestraft wurden: Mercedes Sosa, die jahrelang gegen die argentinische Junta ansang und bis heute als Symbol der lateinamerikanischen Demokratiebewegung gilt; Wolf Biermann, dessen Texte von der DDR-Regierung für so gefährlich gehalten wurde, dass sie ihn einfach ausbürgerte; Khaled und all die anderen Vertreter des Raï, die im französischen Exil zu Mega-Stars wurden, in ihrer algerischen Heimat aber nicht mehr auftreten dürfen; der Komponist Mikis Theodorakis ("Zorba"), der in den 1960er Jahren zum Symbol des Widerstands gegen die Militärdiktatur in Griechenland wurde; U2, deren Single "Walk on" der birmesischen Demokratin und Friedensnobelpreisträgerin Aung San Suu Kyi gewidmet war und von den Machthabern in ihrer Heimat umgehend auf den Index gesetzt wurde

Aber auch die westlichen Demokratien sind bis heute nicht frei von Zensur. Die Beatles, Jimi Hendrix, Sex Pistols, sie alle kamen irgendwann in ihrer Karriere in Kontakt mit der Zensur. John Lennon wurde noch in den 70er Jahren unter bürokratischen Vorwänden jahrelang von der Abschiebung aus den USA bedroht; in den 80ern führte das von selbst ernannten Sittenwächtern als schwul und pornographisch verstandene "Relax" von Frankie goes to Hollywood zum Radioverbot der Band.

Während des Golfkriegs 1991 wurden zahlreiche Lieder nicht mehr in den Radios gespielt. Die BBC veröffentlichte eine ebenso absurde wie paranoide Liste von Liedern, die für "kontrovers" gehalten wurden - und im Rahmen des vorauseilenden Gehorsams aus den Programmen verbannt wurden. Man glaubt es kaum, aber unter den indizierten Songs befanden sich u.a. Chers schon damals ziemlich angestaubtes "Bang Bang, my baby shot me down", Roberta Flacks Klassiker "Killing me softly", Eric Claptons berühmte Version von Bob Marleys "I shot the sheriff" und schließlich sogar der Beatles-Hit "Back in the USSR". Wohlgemerkt: Die Rede ist nicht von Pinochets Chile, Birma oder Kandahar - sondern von Großbritannien 1991.

John Lennon
Seine Friedenshymne "Imagine" sollte nach dem 11. September als "unpassend" aus den US-Radioprogrammen verbannt werden: Wahl-New Yorker John Lennon


Von der eigenen Plattenfirma als nicht opportun aus den Listen gestrichen, nur weil seine Familie aus Algerien stammt: Raï-Rebell Rachid Taha


In Frankreich wurde zur selben Zeit die Veröffentlichung des ersten Albums des aus Algerien stammenden Rachid Taha kurzerhand als nicht opportun gestrichen - er konnte seine Karriere erst nach dem Ende des Golfkriegs beginnen. Dabei war die Nicht-Veröffentlichung nicht etwa von einer politischen oder anderen Institution gefordert worden, es handelte sich um ein Entscheidung der Plattenfirma !
Rachid Taha plädiert inzwischen für eine weitreichende Definition des Begriffs der Zensur und warnt vor allzu großer Überheblichkeit des Westens: "Man hört im europäischen Radio keine politischen Songs", sagt er, "nur Britney Spears und solche Sachen." In der Kommerzialisierung der Musikwelt sieht er denn auch eine Form der Zensur: "Die westlichen Führer machen uns glauben, wir besäßen die Freiheit unsere Meinungen und Ansichten zu äußern, doch in Wirklichkeit stimmt das nicht."

Vergleichbare Akte der Selbstzensur durch Verlage und Plattenfirmen, wie Taha sie erlebte, gibt es vermutlich weitaus häufiger als gesetzlich verhängte Verbote - doch das Ergebnis ist stets dasselbe. Nach den Terror-Anschlägen vom 11. September 2001 gaben zwei der größten US-amerikanischen Radiostationen eine 150 Songs umfassende Liste "unpassender" Lieder heraus, die als "Anspielung auf die Attentate" verstanden werden könnten. Auf der Liste befanden sich jedoch nicht nur missverständliche (obwohl selbstverständlich gänzlich anders gemeinte) Song-Titel wie "Crash and burn" (Savage Garden) oder AC/DCs "Shot down in flames",sondern auch Simon & Garfunkels "Bridge over troubled water", Elton Johns "Daniel", außerdem Nenas "99 Red Balloons" und "Walk like an Egyptian" von den Bangles.

Als Gipfel des Unsinns zierte "Imagine", die globale Friedenshymne des Wahl-New Yorkers John Lennon, die Auflistung. Zwar weigerten sich die Redaktionen empört, der "Bitte" der Senderleitungen zu entsprechen, dennoch: Im Bereich der Kriminalität ist oftmals schon der Versuch strafbar - und genauso haftet diesem Ernst zu nehmenden Versuch medialer Selbstzensur mehr als nur ein schaler Geschmack an. Die Berliner "taz", die die komplette Liste der unliebsamen Songs in Deutschland veröffentlichte, kommentierte: "Ist nicht John Lennons 'Imagine'ein angemessenes Lied zur Stunde ? Und Paul Simons 'Bridge Over Troubled Waters' ebenso? Aus US-Perspektive zersetzen versöhnliche Klänge wohl die Wehrkraft der Bevölkerung." (taz vom 26.09.2001)

In die gleiche Richtung zielen auch "Gespräche" zwischen den großen Filmstudios von Hollywood und der US-Regierung. Seit dem 11. September 2001 rechnen Medienbeobachter mit einer Welle patriotisch angehauchter Filmproduktionen. Folglich zensieren sich die Produktionsfirmen am Ende selbst, indem sie sich und ihre Filme in direkter Abstimmung mit dem Weißen Haus in den Dienst der "moralischen Ertüchtigung" der US-Amerikaner stellen und so, neben dem Versuch der Manipulation der Bevölkerung, indirekt auch für ein Berufsverbot von Schauspielern, Regisseuren, Filmkomponisten usw. sorgen, die sich dem Kotau der Filmbosse vor der politischen Führung in Washington nicht beugen wollen.

Bis heute macht auch MTV immer wieder mit der Indizierung eines Video-Clips von sich reden und sorgt dadurch für eine kontinuierliche Verwischung der Grenzen zwischen bloßer Verhinderung von Geschmacklosigkeit (wobei offen bleibt, wer "Geschmack" definiert und ob es zulässig ist, dass MTV dies für sich in Anspruch nimmt) und illegitimer, antidemokratischer Einschränkung der Freiheit der Kunst - zuletzt u.a. bei einem Clip der dänischen Dance-Percussion-Gruppe "Safri Duo", die eine von den MTV-Moralaposteln als zu "freizügig" erkannte Szene nachdrehen mussten, um es auf MTV senden zu können.

Dänemark ist auch der Sitz einer neuen internationalen Organisation, bei der die Informationen über die unterschiedlichen Maßnahmen und Folgen der Zensur überall auf der Welt zusammenlaufen. "FREEDOM FOR MUSICAL EXPRESSION", kurz "FREEMUSE", publiziert ähnlich wie die Menschenrechtsorganisation Amnesty International Fälle von Verfolgung und verhängten Auftrittsverboten und versucht, die verfolgten Künstler mit Hilfe der öffentlichen Verbreitung von Informationen zu schützen.
So erfuhr man durch FREEMUSE jüngst nicht nur von der erwähnte Zensur des Safri Duo, sondern auch vom Tod des malawischen Reggae-Sängers Evison Matafale, der in seiner Heimat in Polizeihaft starb.
Die Bandbreite der Zensurfälle, die von FREEMUSE aufgegriffen werden, ist immens.

Evison Matafale (Foto: BBC)
Evison Matafales Tod in Polizeihaft löste Proteste der Studenten in Malawis Hauptstadt aus, die brutal niedergeschlagen wurden und von der Regierung als Grund für die Schließung der Universität missbraucht wurden.


Die Unterstützung der sonst allen nur denkbaren Formen der Benefiz-Veranstaltungen so zugeneigten Musikbranche wächst allerdings nur langsam. Zwar gibt es bereits viele Musiker aus von Verboten und Zensur besonders betroffenen Ländern, doch aus der internationalen Szene beteiligen sich bislang lediglich Damon Albarn (Blur), Patti Smith, die Dissidenten, der inzwischen verstorbene Frank Zappa, die argentinische Band Karamelo Santo und The Cure an FREEMUSE. Letztere waren seit den 1980er Jahren selbst von Zensur betroffen, weil ihr erster Hit "Killing an Arab" immer wieder missverstanden wurde. Denn es handelt sich bei dem Stück selbstverständlich nicht um einen rassistischen Mordaufruf, sondern im Gegenteil um die musikalische Umsetzung eines der wichtigsten Werke der neueren französischen Literatur, der Erzählung "Der Fremde" des französischen Schriftstellers und Nobelpreisträgers Albert Camus.

Die zögernde Haltung der breiten Masse der Musiker-Zunft gegenüber der Anti-Zensur-Bewegung mag damit zu tun haben, dass Freemuse eben nicht nur die Zensur in despotischen Diktaturen am anderen Ende der Welt anprangert, sondern auch die Verletzung demokratischer Grundrechte vor der eigenen Haustür.

Robert Smith
Er unterstützt FREEMUSE:
Robert Smith (The Cure)

 

 

 

Motto von FREEMUSE.ORG

 

 



Die Kritik schließt folglich die genannten Fälle bei westlichen Sendern wie BBC und MTV bewusst mit ein - doch von ihnen leben die Bands, und die Verbannung ihrer Platten aus den Programmen hat in aller Regel automatisch spürbare Folgen für Absatz und Verbreitung, denn im Gegensatz zur gezielten und marketingstrategisch kalkulierten Verletzung sexueller Tabus, wie sie in den letzten Jahren vor allem von Madonna und neuerdings auch Robbie Williams zelebriert wurden, wird das unbequeme, weil allzu deutliche politische Statement auch bei uns noch immer gern unter den Teppich gekehrt, wie beispielsweise die Isolation belegt, in welche Rio Reiser nach seinem Eintritt in die PDS geriet.

Die erste internationale Konferenz von FREEMUSE fand im November 1998 in Kopenhagen statt. Die hochinteressanten und aufschlussreichen Beiträge der ersten Konferenz können allesamt im Internet abgerufen werden. Themen der Vorträge waren sowohl aktuelle Fälle von Zensur und Musikverboten (z.B. in Afghanistan, Zimbabwe, Somalia und Rumänien) als auch die Beschäftigung mit der Geschichte (z.B. während der deutschen Besetzung Dänemarks im 2. Weltkrieg, aber auch Musikzensur in Großbritannien während des Falkland- und des Golfkriegs). Daneben diskutiert FREEMUSE auch offen über die Schwierigkeiten des Umgangs mit sexistischer oder Gewalt verherrlichender Musik.

Im September 2002 ist eine zweite Internationale Konferenz geplant. Vielleicht finden sich bis dahin noch ein paar weitere Künstler, die sich dieser wichtigen Kampagne anschließen. Die Herstellung von internationaler Öffentlichkeit ist oft der einzig wirksame Schutz für unliebsame Oppositionelle. Diese Erkennntnis aus der Arbeit von Amnesty International gilt auch für FREEMUSE.

Man mag sich kaum vorstellen, wie viele Musiker in den letzten Jahren der Willkür politischer Machthaber zum Opfer gefallen sind, ohne dass ihr Schicksal der Öffentlichkeit bekannt wurde. Das Taliban-Regime in Afghanistan bildete in Bezug auf die weltweite Verfolgung von Künstlern tatsächlich nur die Spitze eines noch weitgehend unerforschten Eisbergs.

© Michael Frost, Januar 2002
Update: Mai 2005

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