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"PREPARE
FOR TEARS !" von Hans Happel "Prepare for tears" singt Martyn Jaques, Sänger der "Tiger Lillies", und das ist wörtlich zu nehmen. Denn der Lieder-Zyklus, den die englische Musiktheater-Band gemeinsam mit dem aus San Francisco stammenden Kronos Quartett jetzt unter dem Titel "The Gorey End" veröffentlicht, ist tränentreibend melodramatisch und melancholisch. |
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"The Gorey End" basiert auf Texten des amerikanischen Illustrators, Autors und Dramatikers Edward St. James Gorey (1925 - 2000), der dem Sänger und Gründer der Tiger Lillies kurz vor seinem Tod unveröffentlichte Werke zur Vertonung überließ. Die 13 Stücke sind Moritaten, makabre Schauergeschichten, wie sie im 19. Jahrhundert von Bänkelsängern auf Jahrmärkten zur Drehorgel feilgeboten wurden. Da nehmen sämtliche Mitglieder der "hipdeep family" ein schreckliches Ende, junge Frauen verschwinden spurlos oder sterben als Huren. Ein Ehepaar verwandelt die Gemeinsamkeit nach Jahren der "dreadful domesticity" mittels Hämmern und Zangen zum blutigen Haufen Brei. Ein "gelehrtes Schwein" zieht es vor mit anderen Schweinen in den Schweinehimmel einzukehren statt weiter auf dumme Fragen von Menschenkindern zu antworten. Ein "ABC" der Todesarten reicht von A ("A is for Arsenic") bis Z ("Z is for Zero, the hour of doom"). Omletta, ein junges verrücktes Mädchen, wird heilig gesprochen, weil sie behauptet, "Jesus auf der Windschutzscheibe" des Familienautos zu sehen. Um die "schreckliche Verhäuslichung", um Domestizierung geht es in vielen dieser blutigen Geschichten, die unter Nonsense-Versen und kunstvoll gewundenen Reimen kafkaeske und surreale Züge tragen. Pulp-Fiction im Genre der klassischen Moritat. |
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knüpfen die "Tiger Lillies" an ihr Erfolgsstück "Shockheaded
Peter" an. Aber hier gibt es keine durchgehende Geschichte und keine
Titelfigur, "The Gorey End" ist ein Sammelsurium von bissigen
Storys und gespenstischen Rührstücken. Martyn Jaques musikalische
Umsetzung mischt - wunderbar ironisch und humorvoll - die große Oper
mit der Volksmusik. Da gibt es Kaffeehaus- und Zirkusmusik, langsame und
schnelle Walzer, einen mitreißenden Tango, da gibt es große
Arien, Opernparodien, die mehr als Parodien sind, denn Martyn Jaques greift
mit seiner warmen und vollen Falsett-Stimme tief ins Gemüt.
So macht er aus den böse endenden Geschichten um eine unbegabte Balletttänzerin ("Histoire de Kay") und eine traurige Hure ("Trampled Lilly") Schmerzensgesänge voller Pathos und Traurigkeit, wie es sonst nur Tom Waits - mit ganz anderer Stimme - in seinen düstersten Songs fertig bringt. Die Instrumentation ist durchgehend transparent. Neben dem dominierenden Akkordeon (Martyn Jaques), von Adrian Stout am Bass und Adriane Huge am Schlagzeug begleitet, bringen die Streicher des Kronos Quartetts einen anderen Ton ins Spiel: klassisch-romantische Formen überlagern und unterlaufen die fast traditionelle Tanzmusik bruchlos und geschmeidig. Die ungewohnten Klangfarben unterstützen und bekräftigen die Spannung zwischen Sentiment und Komik, die diesen reizvollen Reigen aus 13 Liedern auszeichnet. Nr. 13, "hipdeep family", ein echter, ohrwürmiger Song, endet - wie jede gute Moritat - mit einer Lehre für die Zuhörer der Katastrophengeschichten: Bevor das Schicksal uns in den Griff nimmt, nehmen wir "unser Gorey end" vorweg. "Amen" ist Martyn Jaques letztes Wort. Das sorgfältig gestaltete Booklet enthält neben allen - von Jaques in freier Adaption der Gorey-Vorlagen verfassten - Texten auch Zeichnungen des verstorbenen Illustrators aus Chicago, die seine kindliche Verspieltheit und den Hang zum schwarzen Humor bezeugen. "The Gorey End" ist ein feines, verzweifelt komisches, anrührendes und kühnes Stück Musiktheater, das hoffentlich kein Geheimtipp bleibt. © Hans Happel, 06. Mai 2003
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