Man kann nicht mit ihm, aber auch nicht ohne ihn. Der Eurovision Song Contest gehört zu den Fernsehereignissen des Jahres, die man keinesfalls verpassen darf - und das seit achtundvierzig Jahren. Um den Abend durchzustehen, braucht man gute Nerven und schlechten Geschmack, denn was die teilnehmenden Bewerber zwischen Nordkap und Nikosia im Kampf um die Krone des Europop vorführen, verschlägt dem Zuschauer immer wieder die Sprache.


Andererseits ist der "Grand Prix Eurovision de la Chanson" die einzige Chance insbesondere für die kleineren Länder des Kontinents, den Stars ihrer Musikszene ein internationales Forum zu bieten.
Musikalische Entdeckungen sind dennoch rar bei dieser Veranstaltung. Zuletzt gab es sie im Jahr 2000 beim Grandprix in Stockholm, als die lettische Popband Brainstorm um Sänger Reynar Kaupers mit einer beherzten Mischung aus Songwriting und Britpop für Furore sorgte. Um zu gewinnen, war ihr Beitrag natürlich zu gut, aber Brainstorm wurden Dritte - ein Achtungserfolg. Zum Ausgleich durfte Kaupers den Wettbewerb in diesem Jahr immerhin moderieren und gemeinsam mit lettischen Musikerkollegen die Pause zwischen den Wettbewerbsbeiträgen und der Punktewertung füllen.


Brainstorm-Sänger
Renars Kaupers (li.)
mit Co-Moderation und Vorjahressiegerin Anne Marie



Die türkische Antwort auf Shakira und Madonna: Sertab Erener (Mi., mit Tänzerinnen)


Überraschend: Die Zahl der Lichtblicke bei diesem Grandprix war insgesamt deutlich höher als in der Vergangenheit. Erstmals seit vielen Jahren konnte die traditionelle Regel, wonach der beste Beitrag nie gewinnt, durchbrochen werden. Der Sieg der türkischen Sängerin Sertab Erener geht voll in Ordnung und ist besonders bemerkenswert, weil ihr rasanter Ethnopop-Sound nicht unbedingt zum länderübergreifenden Mainstream gerechnet werden kann.

Ebenso gerechtfertigt ist der letzte Platz für den britischen Beitrag. Nicht einmal einen Gnadenpunkt gab es für den Song des Duos Jemini, grottenschlecht und auch noch falsch gesungen. Dass das Duo ausgerechnet aus Liverpool kommt, also der Stadt John Lennons und Paul McCartneys, macht alles nur noch schlimmer. Ähnlich peinlich geriet auch der Auftritt des Sängers von der Nachbarinsel. Der Ire Mickey Harte präsentierte einen Beitrag von geradezu unverschämter Ähnlichkeit mit dem Siegersong der dänischen Olsen Brothers 2000. Eigentlich hätte Harte disqualifiziert werden müssen.

Weitaus bemerkenswerter dagegen der Auftritt des Norwegers Jostein Hasselgård, der mit markanter Stimme und in der Pose eines jungen Elton John am Klavier immerhin Vierter wurde und mit dem Auftritt den Grundstein für seine Karriere gelegt haben dürfte: Sein Name ist von den Chefs internationaler Plattenlabels sicherlich gut lesbar notiert worden.


Name notiert und dick unterstrichen: Jostein Hasselgård (Norwegen)


Kein Problem mehr mit dem Text lernen: "Urban Trad" singt Phantasiesprache (Belgien)



Wenn schon bekloppt, dann aber richtig: Der Österreicher Alf Poier erstaunte mit Gaga-Pop


Natürlich ist der Grandprix immer auch ein Politikum. Nicht nur, weil man immer schon vorher weiß, dass Griechenland und Zypern sich gegenseitig mit Höchstwertungen bedenken werden. Der belgische Beitrag löste den ständigen Konflikt zwischen französisch- und flämischsprachigen Landesteil, indem die Folkpop-Band "Urban Trad" einfach in einer Phantasiesprache sang. Das klang schön und war außerdem, wie Hape Kerkeling in einem Kommentar bemerkte, "praktisch, weil sie sich keinen Text merken müssen", und wurde überraschend mit dem zweiten Platz belohnt. Damit landeten die Belgier noch vor den russischen Trümmertauben von "tatu", die sich nun folgenden Spruch übers (gemeinsame ?) Bett hängen können: Ein inszenierter Skandal macht noch keinen Sieger.

Und auch die Bilanz der traditionellen deutsch-österreichischen Rivalität geht voll in Ordnung. Wohl nach dem Motto "Wenn schon bekloppt, dann aber richtig" stellte Kabarettist Alf Poier den Gaga-Pop eines Guildo Horn weit in den Schatten und hängte auch den diesjährigen Beitrag Deutschlands "Lou" mit ihrem einfältigen Pop von der Stange mehr als deutlich ab: Er wurde sensationell Sechster, sie endete schmeichelhaft im Mittelmaß.



In Würde untergehen:
Rita Guerra (Portugal) ...


Dann schon lieber wie Portugal und Frankreich. Rita Guerra (Portugal) und Louisa Baileche (Frankreich) können für sich nämlich in Anspruch nehmen, die niveauvollsten Titel des Abends in bester Chanson-Tradition vorgetragen zu haben. Freilich landeten sie damit abgeschlagen im hinteren Drittel, aber es war ein Untergang mit Würde.

Michael Frost, 25.Mai 2003



... und Louisa Baileche
(Frankreich)

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