ARTE
Mehr als tausend Worte

BJÖRK: KURZAUFTRITT
FÜR ARTE IN HAMBURG

von Michael Frost
Man nehme einen Szene-Veranstaltungsort, dekoriere die Bühne mit weißen Laken, stelle ein paar Blumenvasen auf und lade prominente Künstler nebst "Special Guest" zu einem privaten Konzert. So einfach und doch wirkungsvoll ist das Konzept der Reihe "Music Planet 2Nite", die seit Herbst 2001 alle 14 Tage auf ARTE ausgestrahlt und von MTV-Veteran Ray Cokes moderiert wird. Aufnahmeorte sind im Wechsel das Pariser "Reservoir" und eine Location in Hamburg wie z.B. das "Grünspan" mitten auf St. Pauli. Dort konnten am 4. März ca. 250 geladene und geloste Gäste einen kurzfristig angekündigten Miniauftritt von Björk erleben, der im Mai 2002, ergänzt um ein ausführliches Interview, auf ARTE ausgestrahlt wurde.
In diesem Kleid trat Björk in Hamburg auf. Foto: bjork.com


In Begleitung u.a. der Elektronik-Pioniere Matmos aus San Francisco sang Björk vier Titel: "Unravel" und "All is full of love" vom 1997er Album "Homogenic" sowie "Cocoon" und "Pagan Poetry", beides Single-Auskopplungen ihrer aktuellen CD "Vespertine".

Soweit der äußere Rahmen.

Tatsächlich erleben die hingerissenen Gäste eine widersprüchliche Persönlichkeit, deren ungemeiner Faszination sich niemand wirklich zu entziehen vermag, obwohl nicht eindeutig beschrieben werden kann, worin das Charisma der außergewöhnlichen Isländerin genau besteht, denn einen direkten Kontakt zum Publikum stellt sie, so meint man, zu keinem Zeitpunkt her, trotz des familiären Rahmens wirkt Björk seltsam distanziert und abwesend - und dennoch aufwühlend und mitreißend.

 

Kaum beginnen die ersten Takte des Abends, scheint Björk völlig in die Tiefen ihrer Musik abzutauchen. Sie sieht durch das Publikum hindurch, scheint dessen Reaktionen nicht wahrzunehmen, und der Applaus, der sie nach Liedende in die Wirklichkeit zurückholt, scheint sie zu irritieren und zu überraschen, um ihn dann doch mit einem schüchternem Lächeln zu quittieren, in welchem wir für einen kurzen Moment die Selma aus "Dancer in the dark" wiedererkennen, dann schüttelt sie ihre Hände aus, als müsse sie irgendwelche Verkrampfungen lösen, bis sie schließlich im nächsten Lied verschwindet.

Man sieht sie, wie sie sich entrückt fast linkisch zum Rhythmus der eigenen Musik bewegt, man hält sie für zart, weich und verletztlich, doch ihre Stimme ist vom ersten Moment an intensiv, lebendig und ausdrucksstark. Ihr Gesang ist voller Kraft und Energie und wird kongenial begleitet von den Computerklängen des Matmos-Duos und der Harfe.

Foto: Mert Alas / Marcus Piggot (Polydor)

BJÖRK BEI
CD-KRITIK.DE

Vespertine Cover

Künster Porträts Porträt
CD-REVIEWS:

Vespertine
Selmasongs
Homogenic

rückblick Interview mit THOMAS KNAK

(Co-Autor der Björk-Single "Cocoon")

Matmos erzeugen Geräusche, indem der eine mit seiner Hand, in der er ein winziges Mikrofon führt, sanft über den Rücken, den Nacken und die Haare des anderen streicht; die fast zärtlichen Berührungen der beiden Klangkünstler werden als akustische Impulse Teil der Musik und verstärken die intime Spannung des leisen "Cocoon".

Weshalb Björk ihren begeisterten Zuhörern an diesem Abend die eingefordete Zugabe verweigert, bleibt unverständlich. Andere Mega-Stars, die sonst nur noch in großen Hallen und Stadien spielen, nutzen die Gelegenheit der intimen Club-Atmosphäre ausgesprochen gern zum direkten Kontakt mit dem Publikum, doch Björks Sache ist das scheinbar nicht. Bei ihr steht die Musik im Vordergrund, sonst nichts. Wort- und grußlos verlässt sie nach Ende des Kurz-Gigs die Bühne und kommt trotz nicht enden wollenden Jubels nicht mehr zurück.

Dennoch ist anschließend kein böses Wort über sie zu hören: Vier Titel haben gereicht, um das Publikum ganz und gar für sich einzunehmen und eine dichte Stimmung erzeugt, die nachwirkt, auch als sie schon längst nicht mehr da ist. Wie genau ihr das gelingt, weiß sie wahrscheinlich selbst nicht. Aber der Auftritt beweist, dass der Grund für Björks Erfolg eben nicht eine besonders ausgeklügelte Marketingstrategie ist, sondern die spürbar gelungene Symbiose von persönlicher Aura und ihrer musikalischen Umsetzung. Folglich braucht sie auch gar nichts zu sagen: Sie kommunziert mittels ihrer Musik. Und die sagt mehr als tausend Worte.

Michael Frost, 6. März 2002

P.S. Ach ja. Special Guest im "Grünspan" war Matthew Herbert, der "Radio Boy" genannt werden wollte. Herbert hat sich u.a. durch seinen Remix von Björks "Pagan Poetry" empfohlen. Im "Grünspan" zerlegt, zerbeißt und zerreißt er die Insignien des Spätkapitalismus, darunter die BILD-Zeitung, zwei "Bigmacs", ein Schwarzenegger-Video und eine CD der Retorten-Popband "Bro'sis" unter dem Jubel der Zuschauer in ihre Einzelteile und formt die dabei entstehenden Geräusche am Sequenzer zu traumatischen Turbo-Techno-Tönen neu zusammen.

Das gelungene Klangexperiment steht dabei im Widerspruch zur banalen Symbolik der von ihm verwerteten Gegenstände, die auch durch den Höhepunkt seiner Show, nämlich das Zertrümmern eines Fernsehgeräts mit dem Vorschlaghammer, nicht eben origineller wurde. Aber im Mai könnt ihr euch von beiden Auftritten selbst ein Bild machen. Wo ? Natürlich wiederum im Fernsehen. Manche nennen das Dialektik.

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