Am Ende des Festival-Sommers:
WIR SIND HELDEN über Rock im Park,
Live 8 und das Sternenfestival

von Stephan Stöckel


Das "Wir" steckt nicht nur in ihrem Bandnamen. Auch in ihren Texten und bei ihren Konzerten fühlen sich "Wir sind Helden" oftmals dem solidarischen Gedanken verpflichtet. Lieder wie "Guten Tag" oder "Heldenzeiten" erscheinen wie ein gesellschaftspolitischer Diskurs vor dem Hintergrund einer Konsum- und Ellenbogengesellschaft.

Zur Teilnahme am weltweiten Live 8 Konzertreigen, der die Führer der acht reichsten Industrienationen zu einem Schuldenerlass für Länder der Dritten Welt bewegen soll, musste man sie nicht lange bitte. Auch die Beteiligung am "Sternenfestival" in Burgebrach bei Bamberg am 17. Juli - die Reinerlöse kommen der Deutschen Knochenmarkspenderdatei zugute - war für die Gruppe ein Herzensanliegen.

Stephan Stöckel sprach mit Schlagzeuger Pola Roy über das soziale Engagement der Gruppe und die neue CD "Von hier an blind", mit der Judith Holofernes (Gesang, Gitarre), Mark Tavassol (Bass), Jean-Michel Tourette (Keyboards, Gitarre) und Pola Roy (Schlagzeug) den Titel eines Liedes Wirklichkeit werden ließen: "Wir sind gekommen um zu bleiben."

 

Wie war's beim Live 8 Konzert in Berlin mitspielen zu dürfen?

Pola: Es war eine aufregende Erfahrung für uns, vor mehr als 150.000 Besuchern zu spielen. Zudem war es nicht ganz einfach, da wir keinen Soundcheck hatten. Wir mussten hoch und loslegen.

Noel Gallagher von "Oasis" hat es abgelehnt bei Live 8 mitzuspielen, da er sich nicht als Samariter fühlt. Was hat Euch dazu bewogen, teilzunehmen?

Pola: Wir setzten uns schon seit längerem mit der Thematik des Schuldenerlasses für die Länder der Dritten Welt auseinander. Deshalb war es uns ein Herzensanliegen, bei dem Konzert mit dabei zu sein. Durch das Konzert wurde die Aufmerksamkeit der Öffentlichkeit auf das Thema gelenkt. Erst seit dem Live-8-Konzert wissen viele Leute, was es mit der G8 und dem Schuldenerlass für die ärmsten Länder dieser Welt auf sich hat. Ich glaube schon, dass man mit solch einer Veranstaltung etwas bewirken kann. Meiner Ansicht nach ist es bei Benefizveranstaltungen wichtig, dass sie gut geplant sind. Mit purem Aktionismus kann man nämlich viel Schaden anrichten. Leider gibt es immer wieder Veranstaltungen, bei denen man nicht so recht weiß, ob es den Veranstaltern und Künstlern nur darum geht, das eigene Ego zu polieren oder anderen Leuten zu helfen. Wir wählen deshalb gründlich aus, auf welchen Wohltätigkeitsveranstaltungen wir spielen und auf welchen nicht.

Ihr habt Euch für das Sternenfestival in Burgebrach bei Bamberg entschieden: Der Reinerlös geht an die DKMS, die Deutsche Knochenmarkspenderdatei. Unter dem Motto "Bamberg spendet Leben" können sich Interessierte an Infoständen informieren und als Knochenmarkspender registrieren lassen. Durch euren Auftritt können Leben gerettet werden. Hast Du dich selbst schon einmal als Knochenmarkspender registrieren lassen?

Pola: Leider kam ich noch nicht dazu. Ich habe mir aber bereits Infomaterial angefordert. In aller Öffentlichkeit auf dem Konzert werde ich mir wohl kein Blut abzapfen lassen. Ich denke, das werde ich lieber zu Hause machen. Im näheren Bandumfeld kam ich übrigens sehr eng in Berührung mit diesem Thema.

 
 
 
 

 


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Wie wichtig ist es Euch, sich sozial zu engagieren?

Pola: Es gibt nur wenige Dinge, die so befriedigend sind, als sich für andere Menschen einzusetzen und nützlich zu machen. In unseren Texten äußern wir uns immer wieder zu bestimmten sozialen und gesellschaftlichen Themen. Es ist unsere Motivation, anderen Leuten bestimmte Dinge bewusst mitzuteilen. Es gibt einige Organisationen, die wir gerne unterstützen. Dazu gehören beispielsweise die DKMS, über die wir gerade sprachen, aber auch die Tibetinitiative und Ärzte ohne Grenzen. Es ist uns wichtig mit solchen Organisationen länger zusammen zu arbeiten. Wenn man mitverfolgen kann und weiß, worum es geht, dann macht es am meisten Spaß.

Lass uns jetzt über Euer neues Album sprechen. "Gekommen, um zu bleiben", hieß die erste Single daraus. Wie fühlt man sich, nachdem der in dem Song geäußerte Wunsch in Erfüllung gegangen ist?

Pola: Da war schon viel Ironie und Humor dabei, diesen Song als erste Single auszukoppeln. Im Vorfeld der Platte wurden wir mit einem Erwartungsdruck konfrontiert. Wir fanden es lustig, diesen mit einem patzigen und ironischen Song zu kommentieren. Wir freuen uns natürlich sehr, dass das Album eine positive Aufnahme bei den Fans gefunden hat. Bei den Konzerten haben wir jetzt doppelt so viele Songs zur Auswahl als vorher.

Habt Ihr den Song bewusst geschrieben, um allen zu sagen: "Schaut her, wir sind keine Eintagsfliege!"?

Pola: Nein nicht deshalb. Als der Song entstand, hatten wir uns viel mit dem bereits erwähnten Erwartungsdruck auseinanderzusetzen. Der Song war für uns wie ein Befreiungsschlag. Wir haben uns damit lustig gemacht über das Phänomen, dass Bands hoch- und niedergeschrieben werden.

Weshalb habt Ihr ihn im Jazz-Stil geschrieben?

Pola: Judith und Jean haben sich getroffen und kamen mit einem Demo im Charleston-Jazz-Stil zurück. Im Studio haben wir dann einen Helden-Song daraus gemacht ohne auf die die Charleston-Anklänge ganz zu verzichten. Wir haben die Weise nicht bewusst im jazzigen Gewand eingespielt. Ich denke ein Großteil der Musik entsteht unbewusst, ganz einfach so.

Den Song Zuhälter empfinde ich als einen Protestsong gegen die Musikkonzerne, die als böser Zuhälter der Musiker dargestellt werden. Wie war die Reaktion Eurer Plattenfirma auf das Lied. Fühlte die sich etwa auf den Schlips getreten?

Pola: Als wir den Songs erstmals unserer Plattenfirma vorgespielt hatten, sagten wir gleich: "Ihr seid damit aber nicht gemeint". Aus meiner eigenen Beobachtung weiß ich aber, dass es viele Leute gibt, bei denen die ursprüngliche Motivation ihrer Arbeit, nämlich die Liebe zur Musik, verloren gegangen ist. Musik dient ihnen einzig und allein als Mittel zum Zweck. Ihnen geht es nur noch darum, Musik zu verkaufen. Aus unserer eigenen Beobachtung heraus ist dieser Song entstanden. Unsere Plattenfirma "Labels" geht sehr würde- und respektvoll mit ihren Bands um. Sie zwingen ihre Gruppen nicht zu etwas, was sie nicht machen möchten.

Die Idee zu eurem aktuellen Video "Nur ein Wort" ist zwar bei Bob Dylans "Subterranean Homesick Blues" abgekupfert, aber die Verbindung zwischen den Karten in der Hand mit Worten darauf und der Bedeutung, die hinter dem Lied steckt, ist nicht zu übersehen… Wie siehst Du diese gedankliche Verbindung?

Pola: Klar gibt es eine Paralelle. Mit dem Video kommentieren wir einen Song, in dem es um einen Protagonisten geht, der seinen Mund nicht aufkriegt. Genauso stumm agieren auch wir im dazugehörigen Video, in dem wir wie einst Dylan, die Karten mit Wörtern auf den Boden werfen. Unser Musikfilm ist als Hommage an Dylan gedacht. Sein Musikstreifen ist die Mutter aller Musikvideos. Wir fanden es total klasse diesen Musikfilm mit seiner genial einfachen Idee anzuzitieren und zu verändern.

Bei Rock im Park seid ihr kurzfristig für "Limp Bizkit" eingesprungen. Hattet Ihr im Vorfeld nicht ein bisschen Muffensausen, dass Euch die Heavy-Metal-Fans ausbuhen könnten oder dachtet Ihr Euch: "Wir nehmen es wie es kommt und machen das Beste daraus."?

Pola: Wir machten uns Gedanken darüber, mit welchen Songs wir die eine Stunde bei "Rock im Park" füllen sollten. Zu der Zeit, kurz nach Mitternacht, als wir die Bühne betraten, sollte man nicht zu viele Balladen spielen, sondern eher spritzigere Songs, die die Leute wacht halten. Außerdem handelte es sich größtenteils um ein Rockpublikum. Deshalb entschlossen wir uns, ein rocklastigeres Set zu spielen. Es unterschied sich allerdings nicht großartig von unserem normalen Programm.

Nach der Metal-Duft-Marke, die Velvet Revolver hinterlassen hatten, habt Ihr mit den Songs "Ist das so", "Zuhälter" und "Guten Tag" gleich drauf losgerockt. Habt Ihr die drei rockigen Lieder ganz bewusst an den Anfang gestellt, um allen im Publikum zu zeigen "Wir können auch heftig abrocken!"?

Pola: Beides war der Fall. Wir hatten ordentlich Muffensausen, nachdem Metal-Fans im Gästebuch auf unserer Homepage rumgepöbelt hatten und angekündigt hatten, uns mit Tomaten und Bierdosen zu bewerfen. Wir waren ganz schön aufgeregt, dachten uns dann aber: "Lass es uns einfach machen!". Wir waren geradezu glücklich und umso befriedigter, als uns die Leute warm aufnahmen, obgleich im Vorfeld viel über unseren Auftritt bei Rock im Park geunkt worden war.


© Stephan Stöckel, August 2005
Fotos: @ wirsindhelden.de

 

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