Jazz Piano Works:
Drei aus 2006


Zu den CD-Produktionen, die uns im Laufe des vergangenen Jahres aus dem Blick geraten waren, obwohl sie unbedingt Beachtung verdienen, gehören drei Jazz-Alben, die unterschiedlicher
nicht sein können, sich aber allesamt um neue Wege bemühen, das Piano in Trioformationen zu präsentieren, ohne auf die klassischen Standards des Great American Songbook zurückzugreifen.




Im Januar 2006 erschien "floating", eine Produktion des norwegischen Pianisten Ketil Bjørnstad, der nach dem Solo-Projekt "The Rainbow Sessions", mit dem er sich von dem nach über 20 Jahren dicht gemachten Rainbow-Studio in Oslo verabschiedet hatte, das neue Studio gleichen Namens - mit neuem Steinway-Flügel - eröffnete.

Ketil Bjørnstad
FLOATING

Emarcy/ Universal
, 2006

Die 16 Trio-Aufnahmen - mit zwei legendären Begleitern, Palle Danielsson am Kontrabass und Marilyn Mazur (drums) - leben einerseits von den liedhaften, geradezu berauschend eingängigen und elegischen Melodien in den Farben der skandinavischen Heimat des Pianisten, andererseits vom meisterhaft engen Zusammenspiel der drei Musiker, wozu der warme, singende und extrem bewegliche Bass Danielssons ebenso beiträgt wie das dichte und zugleich zarte Percussion-Gewebe von Marilyn Mazur, die schon mit Miles Davie, Gil Evans oder Wayne Shorter zusammen gearbeitet hat. Ihre Glocken und Becken helfen mit, jenes "floating", ein gravitätisches und lässiges Dahingleiten zu erzeugen, das dem Album seinen charakterisierenden Titel nach seiner Eingangs- wie Schlussnummer gibt. Das folkloristisch gebundene melodische Material wird kaum bearbeitet, Ketil Bjørnstad verzichtet nicht nur auf alle ornamentalen Beigaben, auch auf jede improvisierende Verarbeitung, er sucht offenbar ein Klangbild, das jenseits aller Kitschformeln ein Lob der Einfachheit anstimmt. Das erhöht den schönen Wärmestrom dieses Trios am Ende so sehr, dass nichts gegen eine Abkühlung spricht.



Die bieten drei farbige Pianisten aus dem Heimatland des Jazz, die im Juli 2006 unter dem Titel "Three Pianos For Jimi" eine außergewöhnlich originelle Hommage an den größten aller Rock-Gitarristen vorgelegt haben. Die klassisch ausgebildete Pianistin Geri Allen und die Gebrüder Mark und Scott Batson (The Batson Brothers) interpretieren und variieren sieben Songs des amerikanischen 60-er-Jahre-Wunderkindes nicht nur mit viel europäischem Klaviergewitter - mit Tremoli und perlenden Läufen -, sie changieren zwischen traditionellen Blues-Formeln und Free-Jazz-Elementen, sie machen die Hendrix-Melodien kenntlich, um sie zugleich aufzubrechen, sie wechseln Rhythmen und Klangfarben, sie schlagen eine Brücke zwischen den "schwarzen" Wurzeln des Jazz und den europäischen Traditionen ihres Instruments.

Geri Allen
The Batson Brothers

THREE PIANOS
FOR JIMI

DOUGLAS/H'ART, 2006

 

Dabei werden eingefleischte Hendrix-Puristen auf die Probe gestellt, denn wo bleibt der rebellische Impetus ohne die kaputte, krächzende Stimme, ohne den düsteren Grundton seiner Songs? Die drei Pianisten sind um eine Antwort nicht verlegen. Sie finden sie in den tiefen Klavier-Lagen, sie greifen voll in die Tasten, um die basslastigen Hendrix-Riffs kräftig zum Tönen zu bringen, und sie können schlagartig die Stimmung ändern: So werden die Melodien hörbar gemacht, wie in "The Wind Cries Mary" oder im 12-minütigen Schlussstück "1983 (A Merman I Shall Be)", indem sie zart und lyrisch, leise und meditativ entrückt, die andere Seite dieses verzweifelten Sängers der allertiefsten und niemals zu befriedigenden Sehnsucht hörbar machen.



Auch die Szene der jüngeren deutschen Jazz-Pianisten befindet sich im Aufbruch. Neben Michael Wollny darf der 1977 in Detmold geborene Florian Weber mit seiner im Oktober 2006 erschienenen CD "Minsarah" zu den großen Talenten gezählt werden, die in der klassischen Trio-Formation nach neuen Wegen suchen. Schon der Titel des Albums spielt darauf an: "Minsarah" kommt aus dem Hebräischen und bedeutet übersetzt "Prisma", was die drei Musiker FlorianWeber, der amerikanische Bassist Jeff Denson und der in Israel geborene Drummer Ziv Ravitz ausdrücklich - im Booklet wird es verraten - auf ihre gemeinsame Suche nach neuen Klangfarben und Formideen beziehen.


Florian Weber
Jeff Denson
Ziv Ravitz

MINSARAH
Enja Records, 2006

Sie verstehen sich als gleichrangige Instrumentalisten wie Komponisten, alle tragen zu den 9 Eigenkonpositionen bei, das Mittelstück "E.S.P." ist von Wayne Shorter, der kurze Song "New World" ist ein Filmtitel von Björk (aus einem Film, bei dem alle drei geweint hätten, wie im Presse-Info berichtet). Ihre Musik ist eine hochintelligente und vielfältige Collage aus unerschiedlichsten musikalischen Elementen, da wechseln die Farben so schnell wie die Rhythmen, da werden Rythm&Blues-Riffs, hochkomplexe Strukturelemente mit Balladenstimmungen verwoben. Florian Weber, der seine Mitstreiter am Berklee College of Music in Boston kennen gelernt hat, gibt sich - im Auftakt eines seiner schönsten Stücke, "Nuage" - als Schüler von Brad Mehldau zu erkennen, ohne jedoch als Epigone aufzutreten. Er arbeitet weniger streng kontrapunktisch, er setzt auf große romantische Gesten und auf RocknRoll-Riffs, auf kräftige Akkord-Folgen, die die Musik dieses Trios weniger einheitlich und schmerzhaft melancholisch wirken lassen, als das Mehldau-Trio. "Minsarah" ist das äußerst verspielte Konglomerat musikalischer Erfahrungen der amerikanischen Westküste (Jeff Denson), der Ostküste (Ziv Ravitz) und Europas (Florian Weber). "Wir haben in ganz unterschiedlichen Teilen dieser Welt Konzerte gegeben", sagt Florian Weber im Presse-Info. Improvisierte Musik begreift er als einen Dialog mit dem Zuhörer, als Begegnung mit anderen "Hörkulturen". Er betont den radikalen Bruch mit seinen Hörgewohnheiten und weiß doch zugleich auch, wie sehr ihm die Sozialisation in der Familie - die Mutter Opernsängerin, der Vater Universitätslehrer mit dem Schwerpunkt Kunstlied - geformt hat. Man wünscht diesem Trio, dass es zusammen bleibt, um ihre aufregende Mischung aus Free Jazz, neuer Musik, spielerischer Leichtigkeit und hohem Anspruch weiter zu entfalten.

© Hans Happel, Februar 2007



 


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