Jazz Piano Works:
Drei aus 2007


Drei Pianisten und drei Wege, sich einen Raum zu schaffen, eine Nische, eine unverkennbare Note im Angebot des Jazz-Pianos fernab jedes seichten Lounge-Geklimpers. Das sind drei Neuerscheinungen, die aufmerken lassen und zeigen, dass die kleinen Ensembles, die Trio-oder Quartett-Formationen von heute - ganz gleich, wo sie beheimatet sind, ob in Europa oder Südamerika - mit höchster Neugier alle Stilrichtungen aufsaugen, zwischen Modern, Avantgarde und Pop verspielt und elegant vermitteln, und trotzdem eine eigene Charakteristik entwickeln.



Der Schweizer Stefan Rusconi - Jahrgang 1979 - ist einer dieser Newcomer, der konsequent seinen Weg geht. Zusammen mit Fabian Gisler (Bass) und Claudio Strübi (Drums) entwickelt sein Rusconi-Trio auf der CD Stop & Go einen lässigen, geradezu schlacksigen und erfrischend jugendlichen Sound, der mit minimalistischen Strukturen, mit simple melodies, mit extrem eleganten Rhythmuswechseln, mit Free-Jazz-Intermezzi so unverkrampft hantiert, als hätte er nie etwas anderes gemacht. Alle 11 Stücke sind selbst komponiert, sie verschweigen nicht ihre Herkunft aus Rock- und Elektropopeinflüssen.

Rusconi Trio
STOP & GO

Unit/SunnyMoon

Link
www.rusconitrio.ch

 

Stefan Rusconi scheint sein Instrument mit einem oder zwei Fingern zu bespielen, so einlinig sind die Melodielinien, die durch langgehaltene elektroinspirierte Riff-Strecken unterbrochen werden, durch gelegentliche, ganz freie Percussion-Soli, und in "World", einem der Songs, die am stärksten berühren, mit leicht verzerrten Flugfunkgeräuschen unterlegt werden. Der Anschlag des Pianisten kann ebenso weich wie hart und aggressiv sein, auf dem Cover-Foto zeigt sich der in Leder gekleidete Jazz-Youngster als wilder RocknRoller, auch scheint seine Musik ein wenig bei Bad Plus abgelauscht, aber diese drei Schweizer Jungs, allesamt studierte, Hochschulgeprüfte Musiker, sind weitaus konsequenter darin, ihren eigenen Ton zu finden. Und der besteht nicht im Nachspiel großer Pop-Nummern, sondern in der Erfindung einer eigenen Welt, die sehr leise, sehr intim und im nächsten Moment sehr kräftig, rau und vital sein kann.

 



Auf einer ganz anderen Welle reitet Alberto Conde. Der 1960 in Caracas geborene Pianist, der in Barcelona klassische Gitarre und in San Diego Jazz studiert hat, eignete sich das Klavierspiel als Autodidakt an. Zu hören ist ein glanzvoll virtuoses Spiel mit perlenden Läufen, ein Feuerwerk aus wechselnden Themen und Tempi, aus ornamentalen Figuren, die stets bezeugen, dass hier einer das Instrument zum opulenten Orchester umfunktionieren kann. "Andaina" heißt die zweite CD des Alberto Conde Trio mit dem aus Galizien stammenden Baldo Martinez (Kontrabass) und Nirankar Khalsa (drums). Komplementiert wird das Trio durch Gastsängerin Maite Dono, die mit dem Traditional "Amorinos Collin" eine volkstümliche Note ins Klangbild bringt, ohne dabei "tümelnd" zu werden. Das gilt auch für den Flamenco-Gitarristen Cuchus Pimentel, der im Track "Arepita con Jamon" zum kongenialen Begleiter des Pianisten wird.

Alberto Conde
ANDAINA
Karonte/Edel, 2007

Link
www.albertoconde.com

Neben mehreren Traditionals und einem herzerwärmend weichen Finale mit dem Bill-Evans-Titel "Time Remembered" stellt Alberto Conde ausschließlich Eigenkompositionen vor. Sein voller, runder Pianoton und die vorherrschenden Latino-Rhythmen sind das eine, das andere sind die überraschenden Nebenwege, die dieses Ensemble gehen kann: Überragender Höhepunkt ist der Titeltrack Andaina, der mit einer knapp angedeuteten Bach-Fuge beginnt, in der das Kontrabass zum Kontrapart des Pianisten wird. Auch im Folgestück "Astrolabio" übernimmt der Bassist eine Hauptrolle, indem er - mit singendem, gestrichenem Bass - die Melodielinie vorgibt, ein Stück zeitgenössischer Kammermusik, die sich jeder Genre-Zuordnung entzieht. Dass Alberto Conde - ganz nebenbei und auf höchstem Niveau - Brad Mehldau "imitieren" kann, zeigt er in der vorletzten Nummer "Teno Saudade". Diese Debüt-CD präsentiert einen Alleskönner, den seine Mitspieler zur Reduktion und Konzentration zwingen.

 




Mit der Reduktion hat Roberto Fonseca keinerlei Schwierigkeiten. Der 1975 geborene kubanische Pianist wird als neuer Superstar der Buena-Vista-Szene gefeiert. Er ist schon zusammen mit Größen wie Herbie Hancock, Michael Breker und Wayne Shorter aufgetreten und hat bei Europa-Reisen in der klassischen Kuba-Truppe um seinen Förderer und Lehrer Ibrahim Ferrer Furore gemacht. "Er tanzt die Stücke nicht nur auf den Tasten, sondern hinter seinem Flügel aus", schrieb eine deutsche Tageszeitung angesichts seines Auftritts in der Alten Oper in Frankfurt. Mit seinem neuen Soloalbum Zamazu zeigt er, dass er ein Komponist ist, der einfachste Liedformen, Pop-Musik, Afrokubanische Traditionen und klassische Jazz-Muster zu einem Mix von geradezu schmerzhafter Intensität verbindet.


Roberto Fonseca
Zamazu
Enja Records/Soulfood, 2007

Link
www.robertofonseca.com

 

Roberto Fonseca macht eine Musik für Jedermann, nicht weil sie billig, sondern weil sie einfach, weil sie im besten Sinne populär ist.
Die Aufnahmen dieses Albums, die innerhalb weniger Tage im Januar 2006 in Havanna entstanden sind, dürfen als Hommage auf den im August 2005 verstorbenen Meister Ibrahim Ferrer verstanden werden. Sie sind geprägt von einer tiefen Emotionalität, von einer schlichten Schönheit, von einer Kraft, die unter die Haut geht. Begleitet von seinem langjährigen Partner Javier Zalba (Klarinette, Sopran-, Alt-Saxophon, Flöte) und einer Gruppe kubanisch-brasilianischer Percussionisten entwickelt er eine musikalische Bandbreite zwischen Monks schrägen Akkordkaskaden, arabischen Anklängen und poetischen Tagträumen, deren Leichtigkeit und Eingängigkeit niemals in musikalisches Flachland abrutscht. Eine CD, die bei mehrfachen Hören nicht verliert, sondern immer mehr gewinnt, so gut sind diese extrem ohrwürmigen Songs des kubanischen Wunderkinds.

© Hans Happel, Mai 2007



 


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