Neue Platte war der Rettungsanker
"Keane" trennten sich nicht, sondern schufen dunkle Musik
"Rock im Park"-Interview von Stephan Stöckel



Neben "Coldplay" gibt es eine weitere Band, bei deren Namensnennung allen Melancholikern unter den Rock- und Popfans das Wasser im Munde zusammenläuft. Ihr Name: Keane. Mit ihrem hoch gelobten Debütalbum "Hopes & Fears" gelang Tom Chaplin (Gesang), Tim Rice-Oxley (Klavier, Bass und Gesang) und Richard Hughes (Schlagzeug) ein weltweiter Überraschungserfolg. Allein in Deutschland hielt sich das Album 38 Wochen in den Charts, wofür die Gruppe aus London, mit einer Goldenen Schallplatte ausgezeichnet wurde. Das Ganze ist umso erstaunlicher, kommt die Musik von "Keane" doch ohne einen einzigen Gitarrenriff aus. Der Sound ist geprägt von Tims Pianospiel. Bei den Aufnahmen zum neuen Album "Under The Iron Sea" kam es zu Spannungen zwischen den Akteuren, die fast zur Trennung der Gruppe geführt hätte.



Keane-Sänger Tom Chaplin
(Foto: Stephan Stöckel)


Ihr habt weltweit über fünf Millionen Exemplare von Eurem Debütalbum "Hopes & Fears" verkauft. Wie hat das Euer Leben verändert?

Richard: Das Leben wurde viel arbeitsreicher für uns. Wir konnten aber auch all die Dinge machen, von denen wir einst geträumt hatten, wie zum Beispiel auf Tournee gehen. Einerseits war das gut, andererseits haben wir ein bisschen zu viel gemacht. Das hat sich natürlich auf unseren Gemütszustand ausgewirkt. Wir wurden gereizter und verloren ein bisschen unsere Freundschaft aus den Augen. Es war eine schwierige Zeit für uns alle.

Wie zu lesen war, kam es dadurch zu Spannungen, die fast zur Trennung von Keane geführt hätten. Hat das dazu beigetragen, dass Euer neues Albums düsterer klingt?

Richard: Ich denke schon. Auch der Zustand, in dem sich die Welt momentan befindet, hat sein Scherflein dazu beigetragen. Die Welt präsentiert sich derzeit als ein ziemlich düsterer Ort. Es gibt Kriege, in vielen Staaten werden Menschenrechtsverletzungen begangen. Es gibt nicht sehr viele fröhliche Dinge auf der Platte. Sie ist ein Spiegelbild unserer Seelenlage. Wir haben uns schon immer den schwierigen Fragen gestellt, als uns auf unseren Lorbeeren auszuruhen.



Wie schafft man es, bei all dem Erfolg auf dem Teppich zu bleiben?

Richard: Indem wir die gleichen Leute geblieben sind, die wir zu Anfang unserer Karriere waren. Wir lieben noch immer die Musik. Die zweite Platte eröffnete uns die Möglichkeit, die bestehenden Probleme zwischen uns anzusprechen und zu lösen. In unserer Band gibt es keinen Führer, der über ein paar Sessionmusiker regiert. Wir sind nicht Lenny Kravitz, sondern drei ehemalige Schulfreunde, die gemeinsam eine Band ins Leben gerufen haben.

Was denkst Du: Werden die Fans und Radiostationen Euch auf euren neuen musikalischen Pfaden begleiten?

Richard: Die ersten Konzerte, die wir nach Aufnahme unseres neuen Werks spielten, haben uns gezeigt, dass die Leute unsere neuen Stücke genießen. Manchmal, wenn eine Band einen neuen Song spielt, dann gehen die Leute an die Bar, um einen zu trinken. Das haben sie bei uns Gott sei Dank nicht gemacht. Wir machen uns keine großen Gedanken über Marketingstrategien und Radioeinsätze.

Das Piano auf eurem neuen Album klingt streckenweise wie eine Gitarre. Wie habt ihr das bewerkstelligt?

Richard: Indem wir, wie bei einer Gitarre, Effektgeräte und Verstärker an das Piano angeschlossen haben. Dadurch erzielten wir einen Sound, der so dunkel und zornig klang, wie unsere Texte. Damit haben wir bewiesen, dass man keine Gitarren braucht um eine solch dynamische Musik zu erzeugen.

Habt ihr niemals daran gedacht, einen Gitarristen zu verpflichten?

Richard: Nein. Wir wuchsen zusammen auf. Ich kenne die anderen seit meiner Kindheit. Außerdem kennen wir keinen Gitarristen. Zudem haben wir mit unserer neuen Platte bewiesen, dass wir keinen benötigen. Was würde uns ein Gitarrist in musikalischer Hinsicht bringen? Wir sind eine Rockband, die sich nicht an bestimmte Spielregeln halten muss. Es gibt keine Regel, die besagt, dass eine Rockband über einen Gitarristen verfügen muss. Man tritt in eine Band ein, weil man nicht in einer Welt voller Regeln und Beschränkungen leben möchte. Wer das nicht verstehen will, hat nicht verstanden, worum es bei Musik wirklich geht.

Ein Stück heißt "Hamburg Song". Welche Erinnerungen verbindest Du an die Stadt Hamburg?

Richard: Ich war einmal im Rahmen eines Schüleraustausches in Hamburg. Tim hat die ersten Demoaufnahmen zu dem Song in Hamburg eingespielt. Das ist der Grund, weshalb der Song "Hamburg Song" heißt. An das Studio kann ich mich noch sehr gut erinnern, nur dessen Name ist mir leider entfallen.

Das Lied klingt sehr feierlich, hat fast schon einen klassischen Anstrich. Steckt dahinter ein bestimmter Grund?

Richard: Wenn ich ehrlich bin, stehen wir alle drei nicht so auf klassische Musik. Ich denke es ist einfach nur ein trauriges Lied: Es handelt sich um einen Appell von Tim an Tom, ihre Freundschaft wieder zu entdecken und zu bewahren. Es ist eine sehr direkte Aussage, die sich musikalisch in dem nackten, puren, unverfälschten Orgelsound des Stückes wieder spiegelt.

Bei Rock im Park waren jede Menge englische Bands mit von der Partie. Weshalb lieben die Deutschen Musik aus dem Vereinigten Königreich?

Richard: Ich denke, das liegt daran, dass es in der englischen Musik seit jeher eine starke Tradition gibt, Lieder mit schönen Melodien zu schreiben. Nimm zum Beispiel die "Zutons": Sie schreiben eingängige Weisen. Auch wenn jemand in Deutschland der englischen Sprache nicht mächtig ist, so gehen ihm doch die Melodien sofort ins Ohr und verführen ihn. Das ist denke ich der Grund, weshalb sich englische Bands großer Beliebtheit in Deinem Lande erfreuen.

Wie denkst Du über die Rock- und Popwelle, die derzeit in England grassiert?

Richard: In Großbritanien hatten wir schon immer eine gesunde Musikszene. Das ganze hat natürlich, wie immer seine guten und schlechten Seiten. Trotz der Tatsache, dass die Bands wie Pilze aus dem Boden schießen, habe einige Live-Musik-Clubs ihre Pforten schließen müssen.
Wenn Ihr für ein Festival engagiert werdet, achtete ihr darauf, welche anderen Bands mitspielen?
Richard: Klar. Bei Rock im Park haben wir mitgespielt, weil das Line Up klasse war. Wir sind hier noch nie aufgetreten. Es freut uns, mal wieder auf einem neuen Festival spielen zu dürfen. Selbstverständlich bietet ein Open Air auch die prima Gelegenheit, andere Gruppen hautnah zu verfolgen.

Ein Song auf Eurer neuen Scheibe nennt sich "Crystal Ball - Kristallkugel". Wenn Du jemals in einen solche Kugel schauen könntest, was sollte die Zukunft für dich bringen?

Richard: Ich denke man sollte sich keine großen Gedanken über die Zukunft machen. Wenn man zuviel darüber nachgrübelt, was einmal sein könnte, dann hält einen das nur davon ab, das zu tun, von dem du überzeugt bist, dass es richtig ist. Deshalb will ich gar nicht wissen, was einem die Kristallkugel zu sagen hat.
Aber eine Deutschlandtournee wird es doch höchstwahrscheinlich geben, oder?
Richard: Sicher. Wobei wir schon die ganze Zeit durch Europa touren. Dabei kommen die deutschen Fans besonders gut weg. Von den elf Konzerten, die wir bislang gaben, fanden, Rock im Park und Rock am Ring eingerechnet, vier in Deutschland statt. Das ist mehr als unsere englischen Fans bislang hatten. Im Herbst kehren wir zu unseren deutschen Fans zurück.

© Stephan Stöckel, September 2006



 

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