Dieses "Kettcar" ist kein Kinderspielzeug und auch nicht der
Soundtrack zur jugendlichen Rebellion. Obgleich Sänger Marcus Wiebusch
und Bassist Reimer Bustorff von der gleichnamigen Hamburger Band einst
bei den Punkbands "But Alive" und "Rantanplan" Hymnen
für den revolutionären Block sangen, dass was sie jetzt musikalisch
machen, hat mit dem Drei-Akkorde-Stoff von einst nur noch wenig gemein.
Die beiden Jungs sind erwachsen geworden, schreiben mit "Kettcar"
mal bittere Liebeslieder in Moll, mal kantig-aufbrausende Songs, die
wie der Soundtrack zur politischen Lage in Deutschland klingen.
Ihr jüngstes Erfolgsalbum mit dem Titel "Von Spatzen und Tauben,
Dächern und Händern" offeriert tiefsinnige Gedanken über
das Leben und Gitarrenpop, wie er nicht filigraner hätte sein können.
Welches Ambiente könnte wohl besser zu der schöngeistigen
Musik zwischen chansonhaften Balladen und rauem Gitarrenpop passen als
der Coburger Schlossplatz? Dort musizieren Erik Langer (Gitarre und
Gesang), Frank Tirado-Rosales (Schlagzeug), Lars Wiebusch (Tasten und
Gesang), Marcus Wiebusch (Gesang und Gitarre) und Reimer Bustorff (Bass
und Gesang) am 19. August gemeinsam mit dem Hip-Hop-Trio "Fettes
Brot". Bei "Rock im Park" erfuhr Stephan Stöckel
im Plausch mit Sänger Marcus allerhand Wissenswertes.
"Coldplay"-Sänger Chris Martin
sagte in einem Interview mit dem Stern, dass er nur als Künstler,
und nicht als Star wahrgenommen werden möchte. Wie siehst Du das
angesichts des zunehmenden Erfolges, den "Kettcar" verzeichnen?
Marcus: Diesen Ansatz von Christ Martin kann ich sehr gut nachvollziehen.
Ich glaube schon, dass ich mit der Musik, die ich mache, etwas Dauerhaftes
schaffe, was nicht schnell vergänglich ist. Unsere ganze Karriere
ist darauf aufgebaut, etwas Dauerhaftes zu schaffen. Wir arbeiten hart
daran, als Künstler wahrgenommen zu werden. Die Mechanismen, wie
man im Medienzeithalter von Heute Star werden kann, sind haarsträubend.
Je populärer man wird, desto schwieriger wird es als Künstler
wahrgenommen zu werden. Wenn Du erfolgreich bist, denken viele Leute,
dass du etwas Besonderes machst und dann bist Du automatisch der größere
Star, auch wenn Du es gar nicht willst. Herbert Grönemeyer oder
Bono von "U2" sind treffende Beispiele hierfür. Viele
denken über sie: "Schau mal, da kommt der absolute Superstar".
Das finde ich absurd. Im Grunde genommen schreibt auch ein Herr Grönemeyer
"nur" Songs, die die Leute tief berühren und ihm so eine
ungeheuere Popularität einbringen. Es liegt nicht in Deinem Ermessen,
ob Du als Star oder Künstler wahrgenommen wirst. Du kannst nur
immer versuchen, das Beste als Künstler zu geben.
Marcus und Reimer spielten früher bei
den in der Punkszene sehr beliebten Bands "But Alive" und
"Rantanplan". Wie sind die Reaktionen in dieser Szene auf
"Kettcar": Wird euer neuer künstlerischer Weg akzeptiert
oder werdet ihr als Verräter, die sich dem Kommerz preisgegeben
haben, an den Pranger gestell?.
Marcus: Mal so, mal so. Es gibt sicherlich eine große Zahl an
Fans, die mit uns älter geworden sind. Das sind die Leute, die
jetzt auch über 30 sind und mit denen wir damals angefangen haben
in der Punkszene. Sie arbeiten jetzt in Berufen, die sie sich damals
wohl kaum erträumt hätten. Diese Leute haben sich verändert.
Sie respektieren auch, dass wir noch weiterhin Musik machen, auch wenn
diese überhaupt nichts mehr mit Punkrock zu tun hat. Neun von zehn
Punkbands hören auf. Wo sind die alten Bands, mit denen wir damals
angefangen haben? Die Punker von einst arbeiten heute als Werbetexter
für Opel, sind Lehrer geworden oder arbeiten in der Bank. Es gibt
aber auch Leute, die weiterhin als Taxifahrer arbeiten und in ihrer
Freizeit in einer Punkband spielen. Für diese Personen sind wir
Verräter. Sie sind zwar eindeutig in der Minderheit, aber nichts
desto weniger trotz sind die Stimmen dieser Leute laut vernehmbar. Klar
kommt es vor, dass die Stimmen einen auch persönlich treffen. Unterm
Strich muss man immer das machen, was man für richtig hält.
Ich hab mich entschieden weiter Musik zu machen, aber eben keinen Punkrock.
"Von Spatzen und Tauben, Dächern
und Händen". Wie kommt man auf einen solch sperrigen Albumtitel?
Marcus: Grundsätzlich ist es uns egal, ob Titel von Alben oder
Songs sperrig sind oder nicht. Sie müssen einfach nur passen. Es
gibt das bekannte Sprichwort "Lieber einen Spatz in der Hand, als
die Taube auf dem Dach", was nichts anderes bedeutet, dass man
sich für die Sicherheit entscheidet und nicht darauf hofft oder
wartet, die Taube auf dem Dach zu kriegen. Das ist halt aufs Leben gemünzt:
Alle Menschen haben einmal in ihrem Leben solch grundsätzliche
Entscheidungen zu treffen. Was passiert mit Deinen Träumen, die
Du damals hattest in jungen Jahren. Musst Du sie jetzt begraben oder
versuchst Du weiter an Deinen Träumen festzuhalten? Es gibt mehrere
Songs auf der Platte, die das zum Thema haben, wie zum Beispiel "Die
Ausfahrt zum Haus Deiner Eltern". Das war auch der Grund, weshalb
wir unser Album danach benannt haben.
Bem Song "Balu", aber auch bei den
Weisen "48 Stunden" und "Die Nacht" gewann ich den
Eindruck, als hätten viele Lieder explizit mit deinem Leben zu
tun
Marcus:
Ich tue mich immer schwer die Songs nach Authentizität abzuklopfen.
Von den drei Songs, die du aufgezählt hast, ist nur "Nacht"
der einzig wirklich autobiographische Song. Bei "Balu" ist
zwar auch viel von mir drin. Aber ich habe sie mir auch ausgedacht,
die Geschichte von Audrey Hepburn und Balu, dem Tanzbären. Eine
solche Fernliebe, wie ich sie in dem Stück "48 Stunden"
besinge, ist mir noch nicht widerfahren. In dem Lied geht es um eine
Freundin, die wegen der Karriere oder dem Studium in eine andere Stadt
gezogen ist und ihren Partner verlässt. Ein Partner realisiert,
dass "Liebe" nur noch für 48 Stunden in der Woche geschaffen
ist und dass man sich dann halt lieber trennt, weil man für eine
Beziehung nicht geschaffen ist. Es ist ein sehr bitterer Song ohne Happy
End. So etwas kommt immer wieder vor. Ähnlich wie ein Romanschriftsteller,
der sich seine Geschichten ausdenkt, habe ich mir die Story zu "48
Stunden" einfallen lassen.
Euer
Lied "Deiche" empfinde ich als einen Song für das Wir-Gefühl
und wider die Gleichgültigkeit und Lethargie, die sich in unserem
Lande bei vielen Menschen breit gemacht hat. Wie siehst Du den Song
vor dem Hintergrund der Ereignisse, die sich derzeit auf der Politischen
Bühne Deutschlands abspielen?
Marcus:
Der Song ist ziemlich aktuell, da gebe ich dir recht. Es ist schwierig
in einer Zeit wie dieser bestimmte politische Ansichten zu vertreten.
Oftmals muss man dabei auch Ambivalenzen mitdenken. In dem Song plädiere
ich für soziale Gerechtigkeit. Ich will dass die Hausfrau am Ende
der Straße ein besseres Leben führen kann und dass alles
gerechter verteilt wird. Das meine ich mit dem Motiv Der Kuchen
ist verteilt, die Krümel werden knapp'. Gleichzeitig kotzen mich
manche dieser Leute mit ihrer kleingeistigen Schnäppchenmentalität
aber auch an, die nur auf ihren eigenen Vorteil bedacht sind. Wenn sie
ihn erst einmal haben, dann ist es Ihnen egal, was mit dem Rest passiert.
Das kommt in der Textzeile "Ein Volk steht wieder auf, bei Aldi
brennt noch Licht" zum Ausdruck. Gleichzeitig weise ich den Zuhörer
im Refrain darauf hin, dass man sich diesen Ambivalenzen ganz konkret
stellen muss: "Ich habe nicht davon gehört, ich habe nicht
davon gelesen, ich bin dabei gewesen." Wir leben in relativ spannenden
Zeiten, in denen sich gerade auch vor dem Hintergrund der Kapitalismuskritik
des SPD-Vorsitzenden Franz Müntefering, die Frage stellt wie wir
mit sozialer Gerechtigkeit umgehen. Ich bin als Künstler kein Sozialreformer,
ich werfe nur diese Fragen auf, ich habe keine Antworten, sondern gebe
nur Denkanstöße. Ich will, dass wir uns alle diesen Fragen
immer wieder stellen.