Wider den Clash of Civilizations
Skandinavier fusionieren mit
arabischer und indischer Rhythmik

Neue Alben von Mynta und Michy Mano & Bugge Wesseltoft

von Michael Frost


Wir haben an dieser Stelle bereits vielfach über die aktive Musikszene Norwegens berichten können. Fast immer ging es in diesen Beiträgen um die kühle Eleganz elektronischer Beats und kristallklare Sounds, die man in der Regel als direkte Entsprechung nordischer Landschaften empfindet, ihre schroffe Schönheit und spröde Erhabenheit empfanden. Andererseits haben wir uns immer wieder mit traditioneller und moderner arabischer Rhythmik beschäftigt. Mit dem Raï Algeriens, der in Sachen Energie und Lebendigkeit dem Reggae in nichts nachsteht, oder mit der traditionellen Musik der Gnawa, einem Volk, das vor vielen Jahrhunderten von Schwarzafrika in die Maghrebländer, vor allem nach Marokko flüchtete. Die Musik der Gnawa wird bei spirituellen Zeremonien, die sich manchmal über mehrere Tage erstrecken eingesetzt. Naturgemäß hat ihr gleichförmiger Rhythmus tranceartigen und hypnotisierenden Charakter.

Was passiert nun, wenn diese beiden vermeintlich so verschiedenen Stile aus Nord und Süd aufeinander treffen? Kommt es zum gefürchteten "Clash of Civilizations", also letztlich der Feststellung der Unvereinbarkeit von Okzident und Orient? - Oder erwächst aus dem Zusammenprall etwas Neues, Zukunftsweisendes?

Michy Mano würde die Frage vermutlich als zu theoretisch ablehnen. Tatsächlich hat er sie in der Praxis bereits beantwortet. Der gebürtige Marokkaner kam mit Anfang Zwanzig nach Norwegen und schlug sich zunächst als Straßenmusiker durch. Schon bald muss er erkannt haben, dass es in der Musik seiner Vorfahren und westlichen Clubsounds durchaus Gemeinsamkeiten gab. Ein Techno-Rave hat für die, die ihm beiwohnen, unter Umständen keine religiöse Bedeutung, aber unter dem Strich ist die Funktion von Techno und Trance der Gnawa-Musik durchaus vergleichbar.

So begann Michy Mano seine Karriere als DJ in den Clubs von Oslo und bemühte sich parallel um engere Verbindungen zwischen immigrierten Musikern und der norwegischen Jazzszene. So traf er auf Bugge Wesseltoft, einen der wichtigsten Erneuerer des Jazz in Norwegen. Wesseltoft experimentiert seit Jahren mit verschiedenen Stileinflüssen auf den Jazz, mixte ihn mit Rock, Ambient, Elektro, Techno, Hiphop und Dance. Und nun eben auch mit traditioneller marokkanischer und Gnawa-Musik.

Ein Marokkaner in Norwegen:
Michy Mano
 
Foto: Tor Richardsen / SCANPIX

Querdenker der Jazz-Szene:
Bugge Wesseltoft

 

Michy Mano & Bugge Wesseltoft

Aktuelles Album:
THE COOL SIDE OF THE PILLOW
Enja 9157-2
(VÖ 20.10.2004)

http://www.jazzrecords.com


Schwedisch-indische Teepause:
Mynta
 
Mynta

Aktuelles Album:
TEABREAK
PLÄNE RECORDS 88903
(VÖ 04.10.2004)
www.plaene-records.de

 


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Einen ganz ähnlichen Weg geht auch das Projekt Mynta. Unter dem Motto "Nordic Ice & Indian Spice" versammlen sich dort schon seit 1979 indische und schwedische Musiker unter der Leitung von Fazal Qureshi (Tablas) und Shankar Mahadevan (Gesang). "Teabreak", so der Titel ihres neuen Albums, ist wiederum eine Energie geladene Fusion aus Elementen aller Himmelsrichtungen. In ihrer Musik vereinen sich schwedischer Folk und Rock, indische Tradition, afrikanischer Chorgesang und Tanz. Die Tablas (indische Trommeln) geben das Tempo vor, Saxophone und E-Gitarren unterstreichen die Einflüsse aus Rock und Jazz, und der charakteristische tranceartige Gesang von Mahadevan erinnert in seiner Funktion wiederum an das, was bereits für die Musik der Gnawa festgehalten wurde.

"The cool side of the pillow" wie auch "Teabreak" sind Versuch nur scheinbar gegensätzlicher Projekte Mano/Wesseltoft/Vinaccia bzw. Mynta, die Gemeinsamkeiten der Kulturen auszuloten. Und das Ergebnis ist eine bestechende, pulsierende Mixtur nordischer Coolness arabischer und indischer Rhythmen, hypnotisierend, elektronisch und akustisch, spirituell und psychedelisch, mit wummernden Bässen, treibenden Beats und Tablas: ein interkultureller Rave zwischen Nordkap, nahem und fernem Osten, künstlerisches und politisches Statement gleichermaßen.

© Michael Frost, 25. Oktober 2004

 

 



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