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![]() MARK MURPHY Once to every Heart (Verve/Universal Jazz) |
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![]() JAMIE CULLUM Catching Tales (Verve/Universal Jazz) |
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Warum sind male singers im Jazz so selten? Weil das Jazz-Publikum traditionell eher aus Männern besteht, die weibliche Stimmen unter den meist von Männern gespielten Instrumenten besonders goutieren? Bei aller Warnung vor solchen Vereinfachungen: "Die Ausbeute männlicher Sänger - jenseits der großen Blues-Vokalisten - ist nicht so eindrucksvoll wie die der Instrumentalisten", resümiert Joachim-Ernst Berendt in seinem Klassiker "Das Jazzbuch" und ergänzt: "Die weibliche Stimme hat in dieser Hinsicht mehr Möglichkeiten als die männliche." Zwar spricht er es nicht direkt an, aber es scheint offensichtlich: Ohne den erotischen Kick geht nichts in der Jazz-Stimme. Und wenn Männer ans Mikro gehen, müssen sie sogar übertreffen, was Frauen ihnen vormachen. Zwei Neuerscheinungen von Männern aus zwei Generationen belegen das besonders eindringlich. Der eine ist 72 Jahre alt. Mark Murphy ist unter den Sängern des Jazz eine Legende und ein Geheimtipp zugleich. Denn er ist schon seit mehr als 40 Jahren im Geschäft, er hat Ende der 50er Karriere gemacht, er hat Lobeshymnen erhalten für seine Alben "Rah" (1961) und "That´s how I love the blues" (1962). Als unmittelbar danach das Beatles-Fieber ausbrach, waren seine Stimme und seine Musik in den USA nicht mehr gefragt. Er zog ins Swinging London, wo er als Schauspieler arbeitete und als Sänger ein neues Publikum gewann. |
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1972 kehrte er in die Vereinigten Staaten zurück und nahm hochgelobte Alben auf, darunter "The Nat King Cole Songbook", "Bop für Kerouac" und "September Ballads", für das er eine seiner sechs Grammy-Nominierungen erhielt. Damals sagte Ella Fitzgerald über ihn: "He is my equal". Jetzt hat ihn ein deutscher Jazzmusiker und Produzent aus der Vergessenheit herausgezogen: Till Brönner, Meister der sanften Trompete mit dem Hang zu coolen "night mood"-Stimmungen, bringt Mark Murphys Stimme auf eine besondere Weise zum Klingen. Das wird entweder kalt lassen oder faszinieren. Woran liegt das? Wenn Mark Murphy eingangs "I´m through with love" singt, dann glaubt man ihm sofort, dass er nicht nur mit der Liebe durch ist, sondern mit fast allem. Es ist eine ausgereifte, diskrete, altersweise Stimme - voller sophistication, wie schon Berendt feststellt. |
![]() Till Brönner (li.) und Mark Murphy |
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Der erotische Kick hat sich eingeigelt in einen rauen Schmelz, der vom einsamen Männerherzen spricht, und genau das kann abturnen oder total fesseln. Wer sich davon berühren lässt, wird diese Stimme und die Stimmungen, die der Sänger gemeinsam mit seinen Sidemen Till Brönner (Trompete, Flügelhorn) und Frank Chastenier (Piano) hervorbringt, nicht so schnell vergessen. Denn Murphy hat nichts Eitles an sich, wenn er vom Altern singt, sehr intim, sehr in sich gekehrt, als wolle er ein Leben nach dem Leben beschwören. Mit seiner Version von "You dont know, what love is" bringt er Chet Baker gerade dadurch eine überzeugende Hommage, dass er auf jedes Nachsingen verzichtet und stattdessen den Schmerz des jungen Mannes in den erinnerungsgesättigten Rückblick des 70-jährigen übersetzt. "Mark Murphy - Once to every heart", das ist ein außerordentliches Album, es sind die "Oktober-Balladen" dieses Sängers, leise und langsame Lieder aus dem American Songbook, klug gewählt von Till Brönner, dem dieses überzeugende Spätwerk zu verdanken ist. |
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Gerade ist das zweite Album eines Newcomers erschienen, der alle Chancen hat, in die Fußstapfen des Älteren zu treten. Jamie Cullum ist - anders als Mark Murphy - ein Kind der Beatles und der Pop-Generation. Er hat Jimi Hendrix- und Jeff-Buckley-Titel in seinem Repertoire (auf dem Debüt TWENTYSOMETHING), er verleugnet seine Herkunft nicht, und er selber kann leichte, hübsch anzuhörende Pop-Melodien basteln, wie er mit seinem neuen Album "Catching Tales" beweist. Noch kultiviert er das Kiddie-Design: auf dem CD-Cover posiert er als 15-Jähriger mit androgynem Sex-Appeal, auf der Rückseite sind nur Slipper und die bis auf den Boden hängenden Jeans zu sehen. Das Album "Catching Tales" mit harmlosen Texten a la "I only have eyes for you", die alle im Booklet in grafisch luftiger Gestaltung nachlesbar sind, erinnert daran, dass dieser 25-jährige britische Jeans-Boy wirklich eine Stimme besitzt. Sie hat etwas vom jungen Paul McCartney, der erotische Kick ist ganz unschuldig-jungenhaft, und so klingen auch seine Songs, eingängige Melodien, einige darunter hitverdächtig, auf jeden Fall ohrwürmig, einige kräftig swingend, und immer frisch. |
![]() Jamie Cullum |
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Nein, hier geht es nicht um den letzten Kampf mit dem Altern, hier geht es ums Erwachsenwerden und darum, die Sonne zu fangen ("Catch the sun") und den Himmel über London zu romantisieren ("London skies"). Dieser Junge fühlt sich als ein "21st Century Kid", und in seinen "Catching Tales" sind es jugendliche Aufbruchsgefühle, die seine Songs prägen. Aber dazwischen finden sich andere Töne, und darin erweist Jamie Cullum überraschend Mark Murphy alle Ehre, es sind leise Töne, und durchaus kritische: "In this world of overrated pleasures/ and anderrated treasures/ I love to live with you/ beside me." Jamie Cullum und "Catching Tales": Das sind eine starke Stimme, gelegentlich mit echtem Souleinschlag, und ein Sänger, der noch nicht genau weiß, in welche Richtung er gehen soll, Pop oder Jazz, feelgoodsound oder tieferschürfend, aber schließlich hat sein Jahrhundert auch erst angefangen. © Hans Happel, Oktober 2005 |
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