Nun ist es amtlich: Auch im vergangenen Jahr war der Umsatzrückgang der Musikindustrie in Deutschland zweistellig: Gegenüber dem Vorjahr ging der Umsatz um satte 11,3 % zurück und liegt jetzt bei 1,97 Mrd. Euro (2001: 2,22 Mrd. Euro). 1.300 Arbeitsplätze seien dadurch verloren gegangen, teilt der Bundesverband der phonographischen Wirtschaft mit.

MIT QUOTE UND STEUERSENKUNG GEGEN DIE KRISE ?

Die Musikindustrie verliert weiter an Boden



Staatsministerin Weiss will den Mehrwertsteuersatz für CDs senken

Die Schuldigen für die Rezession stehen für den Verband seit geraumer Zeit fest: Die Konsumenten, die einzelne Titel oder ganze CDs am heimischen PC kopieren oder aus dem Internet herunterladen. Eine durchschlagende Novellierung des Urheberrechts wird also von den Vertretern der Musikindustrie ebenso vehement angemahnt wie auch die Umsetzung eines Vorschlags der Staatsministerin für Kultur Dr. Christina Weiß. Diese hatte nach ihrem Amtsantritt im vergangenen Herbst eine Senkung des Mehrwertsteuersatzes für CDs ins Gespräch gebracht.

Bislang bezahlt man für jede CD den normalen Mehrwertsteuersatz von 16 %, während als "Kulturgüter" eingestufte Bücher nur mit 7 % besteuert werden. Das führt zu der in der Tat absurden Situation, dass, wenn man ein Buch über Mozart kauft, dafür nur 7 % Mehrwertsteuer fällig wird, kauft man aber eine Mozart-CD, kassiert der Staat dafür 16 %.


Ob die Steuersenkung für CDs tatsächlich zu einer Umsatzsteigerung führt, darf jedoch bezweifelt werden. Zwar gehen Gutachten der Phonoindustrie von einer deutlichen Erhöhung des Tonträgerabsatzes aus, doch in Wahrheit dürfte die Preissenkung eher bescheiden ausfallen. Bezahlt man zurzeit für eine aktuelle Neuerscheinung im Pop/Rock-Bereich zwischen 15 und 16 Euro, läge der Preis nach der Steuersenkung vermutlich ein bis zwei Euro niedriger. Veröffentlichungen abseits des Mainstreams, die heute durchaus schon zwischen 16 und 18 Euro kosten, würden auch bei 7%iger Besteuerung kaum unter 15 Euro fallen, zumal alle Berechnungen voraussetzen, dass die Reduzierung nicht - wie schon bei der Euro-Umstellung vielfach beobachtet - zu versteckten Preiserhöhungen genutzt wird. Die private Kopie bleibt weiterhin konkurrenzlos günstig, wenn auch illegal.

Mittlerweile blickt die deutsche Musikindustrie mit Neid ins französische Nachbarland. Dort war bereits unter Präsident von Francois Mitterand und seinem profilierten Kulturminister Jacques Lang eine Entwicklung eingeleitet worden, von der die französische Musikszene mittlerweile ungeheuer profitiert: In Frankreich produzierte Musik steht unter dem besonderen Schutz des Staates, wird durch eine gesetzlich festgeschriebene Mindestquote im Radio gegenüber englischen und amerikanischen Musikimporten gestärkt. Und außerhalb Frankreichs kümmern sich Musikexportbüros um die Vermarktung französischer Künstlerinnen und Künstler im Ausland. Wer weiß, ob inzwischen international erfolgreiche Bands wie Air oder Daft Punk oder Nachwuchskünstler wie Benjamin Biolay und Dominique A. ohne diese Unterstützung das gleiche Gehör gefunden hätten.



Exportschlager dank Kulturförderung:
Pop aus Frankreich


Auch in Deutschland wird die Einrichtung eines Musikexportbüros inzwischen gefordert - und obendrauf die Radioquote für den eigenen Nachwuchs: "50% aller gesendeten Titel sollen künftig Newcomer sein, davon 50 % deutschsprachig", so Vertreter der Musikindustrie. Die Notwendigkeit zur Förderung von Newcomern basiert nach Auskunft des Bundesverbandes der Phonowirtschaft auf einer Studie, der zufolge "der Anteil neuer Künstler im öffentlich-rechtlichen Radio nur bei 14,3 % liegt, der Anteil deutschsprachiger Künstler sogar nur bei 1,2 %."

Übersehen wird bei der Quotenforderung allerdings, dass sie in Frankreich von viel umfassenderen Regelungen begleitet wird. Musikexperten wie der Konzertveranstalter Berthold Seliger werden nicht müde darauf hinzuweisen, dass die in Frankreich praktizierte Subventionierung der Popmusik längst nicht nur für französische-sprachige Künstler gilt, sondern insbesondere auch der Sparte der "Weltmusik" zugute kommt.

Seliger: "Der französische Staat verbindet mit dem Stichwort "Kulturförderung" nicht eine Einbahnstrasse wie hierzulande das Goethe-Institut, sondern subventioniert die Flugkosten z.B. schwarzafrikanischer Musiker, wenn die nach Frankreich (oder sogar in ganz Europa) auf Tournee gehen wollen - so wird eine Basis gelegt dafür, dass sich Kulturen austauschen und befruchten können. Während hierzulande mittelalterliche Visumsbestimmungen für nichteuropäische MusikerInnen oder die Ausländersteuer den kulturellen Austausch erschweren und das Gegenteil von einem weltoffenen Deutschland darstellen. Und erklären Sie einem Künstler, der aus einem der ärmsten Länder der Erde kommt, einmal, aus welchem Grund er eine "Solidaritätssteuer" für den Aufbau Ost zu bezahlen hat..."

Die vom Phonoverband vorgeschlagene Quote würde Musiker wie Cesaria Evora, Youssou N'Dour oder Angélique Kidjo gleichsam vom Markt verbannen - gelten sie doch weder als "Newcomer", noch singen sie Deutsch - und müssten sich folglich den quotenfreien Restsendeplatz mit Abba, Robbie Williams und den Beatles teilen. Die einseitige Bevorzugung deutscher Musiker fasst Seliger prägnant zusammen:"Goodbye Manu Chao, hello Scorpions, hello Rammstein !"

Dass der Nachwuchs stärker gefördert werden muss, ist allerdings unumstritten. Überall im Lande warten Nachwuchsmusiker auf Proberäume, Auftrittsmöglichkeiten und Zugang zu Aufnahmestudios. Berthold Seligers Vorschläge gehen allerdings in eine ganz andere Richtung als die der Musikindustrie:

"- Subventionierung von Zeitkultur (technische Ausstattung von Musikclubs, Erleichterung von Bau- und Lärmbestimmungen);
- Soziale Absicherung von Künstlern (da wäre als erster Schritt die von rot-grün vollzogene Kürzung des Staatszuschusses zur Künstlersozialversicherung zurückzunehmen);
- Erleichterung und Förderung des kulturellen Austausches (Stichpunkte Ausländersteuer, Visaprobleme);
- Etablierte Spielstätten, die sich auch der "Zeit-Kultur" (also z.B. Pop und World) annehmen."


Die Verantwortung für die Krise des Plattenmarktes wird inzwischen von der Plattenindustrie an die Politik bzw. die öffentlich-rechtlichen Radiosender zurückgegeben. Aber gehört sie dort wirklich hin ? Von dem Umsatzrückgang waren auch im vergangenen Jahr wiederum CD-Singles (Rückgang um über 20 %) und Compilations (18,5 %) besonders stark betroffen. Gerade diese Ex- und Hoppsparte mit geringer Halbwertzeit ist symptomatisch für den Zustand der Plattenindustrie. Neil Tennant (Pet Shop Boys) formulierte es folgendermaßen: "Jeder weiß, dass sich die Musikindustrie gerade in einer Krise befindet. Aber es ist kein Zufall, dass das gerade jetzt passiert, wo die Plattenfirmen Popstars industriell herstellen und glauben, sie würden Pop kontrollieren."
Deutliche Worte über das bizarre Verständnis von Talentförderung der Major-Labels fand kürzlich auch Kraan-Bassist Hellmut Hattler im Interview mit dem Web-Magazin Laut.de: "Deutschland-sucht-den-Superstar läuft, bis alle kotzen ..."


Gegen die "industrielle Herstellung von Popstars": Pet Shop Boys


Hellmut Hattler:
"DSDS läuft, bis alle kotzen ..."

Hattler sieht auch die Frage des Urheberschutzes insgesamt recht gelassen:

"Meine Musik wird eher von Erwachsenen gehört, die sich eben keine gebrannte Kopie reinziehen wollen, sondern ein seriöses Produkt wünschen. So ähnlich wie ein interessantes Buch. Das kopierst du auch nicht im Copy-Shop, liest es und wirfst es dann weg. Ich sehe aber auch die Chance einen großen Multiplikator zu erhalten. Ich habe, bevor das neue Album rauskam, einige Titel ins Netz gestellt, sogar in einer sehr guten Qualität. Wenn die jemand hört und sie gefallen ihm, kauft er sich das Album sowieso."

Er zeigt damit einen Weg auf, der für die Musikindustrie einen Ausweg aus der Krise bieten könnte: Weg vom Wegwerfprodukt CD, hin zur anspruchsvollen Ästhetik und zur künstlerischen Qualität. Die fängt übrigens schon mit dem Äußeren an: dem informativen und künstlerisch gestalteten Booklet, das beim Kopieren oder Download zwangsläufig wegfallen müsste.


Radiohead haben es mit ihrer in Leinen gebundenen Edition von "Amnesiac" vorgemacht, Björk mit ihrer verspielten Plastikbox "Familiy Tree", der Schweizer Soundtüftler "Solarium" präsentierte seine Elektronica-Visionen in einer Hartfaserkiste - Beispiele für Qualität und Originalität von Musik und Präsentation gibt es zur Genüge - und Qualität könnte vielleicht das Zauberwort sein. Berthold Seliger weist darauf hin, dass es den kleinen Independent-Labels und Konzertveranstaltern deutlich besser geht als den Branchenriesen, weil sie sich mit einem inhaltlichen Profil einen Namen gemacht und Konsumenten gesichert haben.

Wenn also die CD als Kulturgut besteuert werden will, dann sollte dies mit einem Umdenken der Plattenbranche verbunden sein. Dann könnte es vielleicht heißen:

Goodbye "Superstars", goodbye "Bro'sis" - hello Katharina Franck, Barbara Morgenstern, Dona Rosa, Lisa Bassenge, Houssaine Kili, ... !

Michael Frost, 01. März 2003
Quellen: www.bseliger.de / www.laut.de / www.phono.de


Zum Erfolg mit Qualität und Ästhetik:
Thom Yorke (Radiohead)

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