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VON
STIMMUNGEN UND SCHWINGUNGEN |
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Ein
Radio-Konzert war früher einmal eine recht feierliche Angelegenheit.
In der Vor-Fernseh-Ära versammelte sich die ganze Familie, schick
zurecht gemacht, die Kinder frisch gewaschen, vor dem Röhrengerät
und lauschte. Aus dieser Zeit stammt offensichtlich auch der Sendesaal
von Radio Bremen, dem kleinsten der öffentlich-rechtlichen Rundfunksender,
und gern würde man einmal einen Blick in das Gästebuch werfen
und staunen, welche kleineren und größeren Berühmtheiten
dort schon aufgetreten sind. Ein Radiosaal hat den Vorzug, dass alle Bauten dem Primat der Akustik unterworfen sind. Nichts lenkt vom perfekten Ton ab, es gibt keine aufwändige Bühnendekoration, keine fulminante Lightshow, und auch "Naked Raven" müssen sich mit vier weißen Scheinwerfern begnügen, einer in jeder Ecke der Bühne - kein Nebel, kein Netz, kein doppelter Boden: Hier zählt (endlich !) nur noch Qualität. Der Auftritt beginnt mit einem ausgedehnten und sehr stimmungsvollen Intro von Stephanie Lindner (Geige) und Caerwen Martin (Cello), dem sich nach und nach die übrigen Bandmitglieder Russ Pinney (Gitarre), James Richmond (Schlagzeug und Percussion) und Sängerin Janine Maunder hinzugesellen. In dieser ungewöhnlichen Besetzung haben Naked Raven gerade ihre zweite CD veröffentlicht: "Wrong girl" mit zwölf Titeln, die überwiegend aus der Feder von Gitarrist Russ Pinney stammen und eine Brücke zwischen Kammermusik, Folk, Pop und Alternative schlagen. Charakteristisch für sie sind melodische Folkpop-Balladen ("Anything", Opener des aktuellen Albums), mehrstimmiger Vokalgesang, überraschende Harmonien und Tempi-Wechsel, gefühlvolle Landschaften aus Klängen, die durch vorsichtige Verfremdungseffekte der Instrumente, komplizierte Taktsetzungen und herausfordernde Grundrhythmen gekonnt vor der Banalität bewahrt werden. Der Folkpop von Clannad, die süßen Harmonien von Sixpence non the Richer, aber auch Alison Goldfrapp und Tori Amos, sie alle tauchen bei dem unmöglichen Versuch auf, einen wirklich passenden Vergleich für die Musik von Naked Raven und die aufwühlende Stimme von Janine Maunder zu finden, doch richtig zutreffend sind sie alle nicht: Naked Raven setzen einen eigenen Standard. |
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Die Zusammensetzung von Naked Raven ist ebenso überraschend wie die Wirkung, die sie mit ihren Instrumenten erzielen - und angesichts der berückenden Akustik und der Atmosphäre des Saales scheint auch die Band selbst erstaunt von der eigenen Ausdrucksstärke zu sein: Mit angehaltenem Atem lauschen Publikum und Bandmitglieder gleichermaßen an diesem Abend im Bremer Sendesaal einem Solo-Stück von Janine Maunder am Klavier, die sich in den Klang des zur Ausstattung gehörenden Steinway-Flügels verliebt hat und ihn am liebsten auf den Rest des Tour-Programms mitnehmen würde ("Ich hoffe, er passt in den Bus ..."),und angesichts ihrer samtenen Stimme und ihres Fingerspitzengefühl kommt er kurz wieder, der Gedanke an Tori Amos, doch Maunder singt weicher - und weniger wütend als die US-amerikanische Piano-Virtuosin, aber nicht minder leidenschaftlich. |
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"Wild in der Küche tanzen und in die Haarbürste singen", wie Janine Maunder dem Publikum am Radio als Umgang mit den schnelleren Stücken des Abends vorschlägt, wird hier aus Rücksicht vor dem ehrwürdigen Ambiente niemand, aber manchmal, wenn die Musik unvermittelt stoppt, dann hört man noch für einen kurzen Moment das rhythmische Wippen der Schuhe der Konzertbesucher auf dem Parkett des Radiosaals und könnte sich das mit dem Tanz in der Küche ... unter anderen Umständen natürlich (zum Beispiel auf einem der zahlreichen Folk-Festivals, auf denen Naked Raven im Frühsommer zu erleben sind) ... sehr gut vorstellen ! © Michael Frost, 12.04.2002
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