Starke Stimmen aus dem Norden
Nordeuropa ist das kreative Zentrum der Independent-Szene

Es ist fast ein wenig beängstigend, wie groß der Output der nordischen Länder in Sachen Musik geworden ist. Ob Jazz, Pop, Soul, Indie-Folk oder Electronica - in nahezu jedem Genre tummeln sich innovative Nachwuchskünstler, die den saturierten Zentren der Musikwelt den Rang ablaufen. Nachdem wir im vergangenen Jahr in loser Folge die weiblichen Nord-Stars vorstellten, sollen nun auch ihre nicht weniger spannenden Kollegen zum Zuge kommen. Einige von ihnen touren im Frühjahr 2008 übrigens im deutschsprachigen Raum. Nicht verpassen!

VINCENT VAN GOGO
Aktuelles Album:
People
Murena Records
next www.vincentvangogo.com

Manche Musiker ziehen die Einsamkeit vor, wenn sie an den Aufnahmen für ein neues Album arbeiten. Ein abgeschlossenes Studio in einem abgeschiedenen Ort erscheint ihnen als optimale Voraussetzung für konzentriertes Arbeiten. Die dänische Band "Vincent von Go Go" ging den umgekehrten Weg. Nachdem ihr Produzent Bruno Guez festgestellt hatte, dass den Einspielungen etwas Wesentliches fehlte, lud er kurzerhand Publikum ins Studio ein.

Die Band war von der Erfahrung derart überzeugt, dass sie schließlich das komplette Album live einspielte. Im Kopenhagener Studio "Delta Lab" wurden die zwölf Stücke in acht Tagen vor ständig wechselndem Publikum aufgenommen. "Das war eine gute Idee", schrieb die Band in dem vom dänischen Musikmagazin Gaffa veröffentlichten Studiotagebuch, "es kamen Teelichte auf den Tisch, und zusammen mit Dosenbier und Jägermeister bewirkte die Stimmung, dass unsere Vision lebendig wurde."

Dabei sind die Aufnahmebedingungen ebenso ungewöhnlich wie die Band selbst: Vincent van Gogo sind Johannes Nørlykke, Dennis Ahlgren, Janus nevel Ringsted, Thomas Månsson und Kristian Kold. Sie mixen ihren Sound auf "People" aus Funk, 70er Jahre Discosoul, Jazz und Reggae ...
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ERIK LEVANDER
Aktuelles Album:
Kondens
Rumraket
next www.erik.levander.dk

Skandinavien ist offenbar ein gutes Pflaster für eine muntere Schar experimentierfreudiger Soundtüftler. Thomas Knak ("Opiate") geht dabei vielleicht am weitesten, doch auch Bands wie Sigur Rós und Efterklang arbeiten im Grenzbereich zwischen Postrock und elektronischen Symphonien.

Erik Levander ist nun der jüngste Spross einer Zunft, die sich der Zukunftsmusik verschrieben hat. Der Schwede bezeichnet sich selber als "dark romantic", und entsprechend gestaltet er seine instrumentalen - respektive digitalen Epen: unheilschwanger, schwermütig und düster, manchmal von klaustrophober Enge, aber immer wieder mit erstaunlicher Sensibilität Zärtlichkeit, minimalistisch und filigran.

So bricht immer wieder ein vorsichtiger Sonnenstrahl durch den finsteren Wolkenhimmel, der die Szenerie erleuchtet, Bilder von japanischen Kirschblüten und meditativer Einkehr, dann wieder von nervöser Unruhe und Aufbruch zeichnet - wunderbar gegensätzliche Effekte, die Levander klug miteinander verwebt und dadurch eine Spannung auf den Zuhörer überträgt, der man sich kaum mehr entziehen kann.
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KRISTOFER ÅSTRÖM
Aktuelles Album:
RainawayTown
Startracks/V2
next www.kristoferastrom.com

Man ist schnell versucht, Musikern, die nicht aus Großbritannien oder den USA stammen, irgendein Lokalkolorit anzudichten, eine gewissermaßen durch Land und Leute geprägte Färbung, die ihre Herkunft verrate. Hätte Kristofer Åström nicht diesen betont nordischen Namen - kaum jemand widerlegt das Klischee so überzeugend wie er.

Denn Åström gibt sich inzwischen vor allem als genauer Kenner der amerikanischen Country-, Blues- und Bluegrass-Szene zu erkennen. Hört man sein aktuelles Album "Rainaway Town", man könnte ihn sich durchaus als Sänger mit Cowboyhut und Wildlederhemd vorstellen. Die Songs des Albums drängen vorwärts, oft in einem spielerischen Wettstreit zwischen akustischer und E-Gitarre.

Diese Aufgabenteilung verlief nicht immer so. Nach der Veröffentlichung seines Solodebüts "Loupita" tourte Åström sogar allein mit der Akustikgitarre. Der druckvollere Sound war dann, wie er selber zugibt, eine Reaktion auf diese eintönige Erfahrung, und inzwischen gefällt er sich in der Rolle des Folkrockers offenbar ganz gut und hat sie so stark antizipiert, dass man bisweilen den Einfluss von Genre-Größen wie Fleetwood Mac herauszuhören meint ("It's the way").
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TEITUR
Aktuelles Album:
The singer
Edel
next www.teitur.com

"I always had the voice, and now I am a singer." Es klingt nach großer Selbstverständlichkeit, mit der Teitur seinen Werdegang beschreibt. Dabei ist es für einen jungen Musiker von den Färöer sicher alles andere als einfach, aus einem Talent eine internationale Karriere zu machen: Wahrscheinlich muss man wenigstens doppelt so gut sein wie die anderen. Doch genau dies ist ihm gelungen, und "The Singer", Teiturs drittes internationales Album, zeigt genau, warum.

Denn sein Talent überstrahlt das seiner Songwriter-Kollegen recht deutlich. Wo David Gray sich überwiegend selbst wiederholt, Damien Rice in der Melancholie versinkt, ja, selbst Sting sich im Mittelalter verirrt und andere sowieso nur für einen kurzen Medienhype im Scheinwerferlicht stehen, da zeigt Teitur einen erstaunlichen Reifeprozess - und überraschende Wandlungsfähigkeit.
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JOSÉ GONZÁLEZ
Aktuelles Album:
In our nature
Peacefrog/Rough Trade
next www.jose-gonzalez.com

Dass Musiker wie José González erfolgreich sind, hat eine Bedeutung, die weit über die persönliche Anerkennung hinausreicht. Vielmehr formuliert das Publikum hier eine Sehnsucht nach dem Wahren, Guten und Schönen, eine Suche, die in der multimedial überfrachteten Welt kaum mehr befriedigt werden kann.

José González setzt hier gezielt einen Kontrapunkt, indem er seine Alben fast im Alleingang, sich selbst an der Gitarre begleitend, einspielt. 2003 erschien sein Debüt-Album "Veneer" in Schweden. Damals war er noch Student der Biochemie in Göteborg, seiner Heimatstadt. Zuhause war das Album sofort erfolgreich, international dauerte es etwas länger. Doch spätestens seit Sony den Song "Heartbeats" für eine Werbekampagne einsetzte, wurde sein Name zum Begriff - und die Rückkehr zur Biochemie immer unwahrscheinlicher.
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THE NATIONAL BANK
Aktuelles Album:
Come on over
to the other side

Emarcy/Universal
next www.thenationalbank.no

Der Vorteil eines Solokünstlers ist, dass man die Fäden bei der Verwirklichung seiner Projekte weitgehend selbst in der Hand hält. Thomas Dybdahl, einer der umtriebigsten Nachwuchsmusiker Norwegens, hat bislang auf diese Weise gern - und erfolgreich - gearbeitet. Seine bisherigen schrieb und produzierte er praktisch im Alleingang. Es gibt nicht eben wenige Musiker, die genau diese einsame Auseinandersetzung mit den eigenen Ideen benötigen, doch Thomas Dybdahl schätzt es ebenso, sich zurücklehnen zu können und die Verantwortung mit anderen zu teilen.

Wohl deshalb stellte er sich kürzlich als Gastsänger des Triphop-Duos Morcheeba zur Verfügung ("Dive deep"), und schon 2004 begann er eine Kooperation mit Kollegen aus der norwegischen Jazz- und Electroszene, die seither einen immer größeren Platz in seiner Arbeit einnimmt. Mit den Brüdern Anders und Martin Hornveth, Bassist Nikolaj Eilertsen und Keyboarder Morten Qvenild gründete er "The National Bank", eine ambitionierte Band mit einem luftig-elektronischen Sound aus Funk, Pop, Jazz und Kaugummiblasen, die prompt mit dem wichtigsten norwegischen Musikpreis ausgezeichnet wurde.
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PETER VON POEHL
Aktuelles Album:
Going to where the tea trees are
Tôt ou tard/Herzog Records
next www.petervonpoehl.com


Wenn Air auf Tournee gehen, sollte man keinesfalls das so genannte Vorprogramm verpassen. Auf diese Weise konnte man nämlich vor einigen Jahren einen schrägen Zeitgenossen wie Sebastien Tellier entdecken, mit bizarren Klängen, Rauschebart und einer Begleiterin aus Dänemark, die sich während des Auftritts mehrfach dramatisch zu Boden warf.

Solche Exzesse sind wohl nicht zu erwarten, wenn Peter von Poehl die Bühne betritt. Der 33-jährige Sohn einer Schwedin und eines Deutschen gehört wohl in die Kategorie der "Singer/Songwriter", und doch ist seiner Musik das inzwischen als typisch skandinavisch geltende Faible für Ungewohntes, Abseitiges und Tiefgründiges anzuhören. So durchdringen feierliche Bläser, Blockflöten und Folkrock-Elemente seinen beschwörenden, mit hoher Stimme vorgetragenen Gesang.
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JAY-JAY JOHANSON
Aktuelles Album:
The long term physical effects are not yet known
Labels/EMI
next www.jay-jayjohanson.com


Jetzt darf man es ja zugeben: Jay-Jay Johanson hat seine Fans in den letzten Jahren auf eine harte Probe gestellt. Nachdem er seine Karriere als schüchterner Dandy mit lasziv-morbidem Falsett und einem Sound zwischen Chet Baker, Frank Sinatra und Portishead begonnen hatte, dabei so großartige Melodien wie "Don't tell the girls that I am back in town" (zu hören auf seinem Debüt-Album "Whiskey") entwickelte, endete er 2002 mit seinem Album "Antenna" im trashigen Plastik-Pop und schriller Frisur.

"Rush" war dann der Versuch der Umkehr, noch etwas zaghaft, noch nicht wirklich entschlossen und konsequent. Die endgültige Rückkehr zur alten Stärke markiert nun das neue Album "The long term physical effects are not yet known". Gemeinsam mit seinem langjährigen Co-Autor Eric Jansson knüpft Johanson an seine besten Zeiten an, in denen er düsteren Triphop, coolen Jazz, kühle Bossanova und dumpfen Drums&Bass mit seiner hohen, zutiefst traurigen und anrührenden Stimme kontrastierte.
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GUSTAV MAGNUSSON
Aktuelles Album:
Gustav Magnusson
next www.gustavmagnusson.com


"Hallo", schreibt mir Gustav Magnusson, "ich schicke dir meine versprochene CD von meiner kleinen Neujahrstour aus Paris". Das kann man sich gut vorstellen: ein junger Schwede, voller Stolz über das gerade fertig gestellte Solo-Debüt, testet sein Können in einer der aufregendsten Städte Europas. Womöglich spielt er dort nicht nur in Sälen, sondern auch in einer der wichtigsten Talentschmieden der Welt: den Metrostationen von Paris. Wie viele Karrieren haben dort schon begonnen!

Und viel mehr als eine Gitarre braucht Magnusson auch nicht. Der Singer/Songwriter hat es geschafft, mit geringem Aufwand ein Höchstmaß an emotionalem Ausdruck zu produzieren - vergleichbar mit angesagten Kollegen wie Damian Rice, The Book of Daniel, Teitur oder Peter von Poehl.

Sein selbst betiteltes Solodebüt ist, unabhängig von seinem kommerziellen Erfolg, ein äußerst interessantes und aufschlussreiches Beispiel für das kreative Potenzial der schwedischen Musikszene ...
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© Michael Frost, April 2007 - März 2008


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