Hinter einem brüchigen, niedrigen Holzzaun ein kleiner, sandiger
Hof, ein Grill, ein großer Tisch, an dem ein Mann und ein Mädchen
sitzen. Aus der Hütte kommt - wie aus allen Hütten und Häusern
auf Jamaika - Reggae, ein paar Jungs tanzen drinnen. Am Grill steht
Doggy und ruft: "Wanna Conch Soup? Soon come!" und lacht.
Ohne eine Antwort abzuwarten, bringt er die Suppe an den Tisch, dazu
kleine knubbelige Flaschen mit Red Stripe, dem jamaikanischen Bier,
macht einen Witz über seinen Namen, Doggy, und kichert durch seine
vielen Zahnlücken. Man fängt an zu essen, da fragt plötzlich
der Mann, der mit am Tisch sitzt: "Like Reggaemusic?" Man
bejaht, was auch sonst auf Jamaika, und er fragt weiter: "Know
Papa Kojak?" Doggy schmunzelt hinter seinem Grill, als man mit
dem Kopf schüttelt, woraufhin der Mann am Tisch sagt: "I'm
Papa Kojak." Und er erzählt: Er heißt Floyd Perch, sein
Künstlername ist aber Papa Kojak, ein Name, den jeder kennt auf
Jamaika, fünf Nummer-1-Hits hier, und morgen muss er nach Kingston,
fünf Autostunden von Negril entfernt, ins Tonstudio, neue Aufnahmen.
Doggy bringt eine neue Runde Bier.
Später
am Abend holt Papa Kojak einen kleinen, uralten CD-Player aus der Hütte,
legt eine CD ein: seine eigene. "Aka Papa Kojak" heißt
sie und ist schon neun Jahre alt. Am nächsten Tag wird der Taxifahrer
Neville, gefragt, ob er denn Papa Kojak kenne, nur müde lächeln
und erzählen, dass der in der Vergangenheit lebe, in den Zeiten
seiner früheren Erfolge. Nicht ganz abwegig: Als das erste Lied
beginnt, "Love sweet love", singt er mit, man erkennt, dass
das dieselbe Stimme ist, und angelockt von der Musik kommt Papa Kojaks
Freundin mit der kleinen Tochter an den Tisch. "Babymother"
nennt er sie, die Mutter seines Babys eben, nicht mehr und nicht weniger.
Sie dreht die Musik lauter, tanzt mit dem schlafenden Baby im Arm und
strahlt über das ganze Gesicht - Papa Kojaks Musik kann sie immer
hören, sagt sie. Am nächsten Tag will sie mit in die Hauptstadt
fahren, um die Backvocals für die neuen Aufnahmen zu singen. Ab
und zu springt an diesem Abend die CD in Doggys altem Player, und weil
Papa Kojak beweisen will, dass sie nicht kaputt ist - er will sie schließlich
den Besuchern verkaufen - beschließt er, dass man kurz zu einem
Freund mit einer besseren Anlage gehe, um "Aka Papa Kojak"
dort anzuhören.
Der
Freund ist ein strohblonder Aussteiger aus den USA, verheiratet mit
einer Jamaikanerin, und hat einen kleinen Shop, ein paar hundert Meter
vom Alfred's entfernt. So klein ist der Shop, dass nur ein Kühlschrank
und eine Anlage, die in etwa so groß ist wie der Kühlschrank,
hineinpassen. Im Kühlschrank ist Red Stripe, in der Anlage schnell
die mitgebrachte CD. "Alright", ruft Papa Kojak, nimmt seinen
Strohhut ab und setzt sich auf den Hocker vor den Shop. Der Amerikaner
lässt die Beine vom Kühlschrank baumeln, verteilt Bierflaschen
und dreht die Musik lauter. Die "Baby Mother" tanzt, das Baby
schläft immer noch und Papa Kojak geht in sich. Er müsse sich
sammeln für die Aufnahmen morgen, erklärt er, nimmt eine Denkerpose
ein und schweigt. Nur manchmal erklärt er etwas zu seinen Liedern.
Zunächst
fällt beim Hören auf, dass Papa Kojak, obwohl er normalerweise
Patois, das jamaikanische Englisch, spricht, sich in seinen Songs -
den internationalen Markt im Auge? - auf relativ reines Queens-English
beschränkt, auch wenn Wörter wie "Jah" und "Babylon"
eingestreut sind. Es geht um love, fancy cars, spirit, summertime und
"the best time of your life". Auch die Melodien sind nicht
besonders experimentell, dafür aber eingängig; man kann schnell
mitsingen, was Papa Kojak freut: "Respect, man!", grinst er.
Ein Song, "Mama don't cry", lockt den meditierenden Sänger
kurzzeitig aus der Reserve, der 46-Jährige erzählt ein bisschen
von seiner Mutter, die zwar nicht mehr lebe, aber immer bei ihm sei.
Sein absolutes Lieblingslied auf dem Album ist jedoch "What time
is it?" Als im Refrain die Zeile "What time is it?" kommt,
guckt er zunächst neckisch auf sein Handgelenk, als wäre dort
eine Uhr - als die Backroundsängerinnen mit "Time to unite"
antworten, muss Papa Kojak lachen. Außerdem, so erzählt er,
seien bei diesem Song 24 Instrumente zum Einsatz gekommen. Und tatsächlich
hört man auf "Aka Papa Kojak" allerlei verspielte Hintergrundmusik,
die man auf anderen Reggaeplatten vermisst. Als das letzte Lied verklungen
ist, möchte die "Baby Mother" gar nicht aufhören
zu tanzen - doch Papa Kojak gibt das Zeichen zum Aufbruch. Die CD, die
in der neuen Anlage kein einziges Mal gesprungen ist, ist schnell verkauft,
und freundlich verabschieden sich der Sänger und seine Freundin.
Am
nächsten Abend sitzt Papa Kojak wieder im Alfred's. Warum er nicht
in Kingston sei? Es sei etwas dazwischen gekommen, eine Schießerei
im Tonstudio oder eine Überbuchung, so genau ist das nicht zu verstehen.
Man fahre aber am nächsten Tag, und es stehe auch eventuell eine
DVD-Produktion an. Und dann fragt Papa Kojak, ob man denn im Hotel noch
einmal "Aka Papa Kojak" gehört habe? "Sure, man."
©
Text und Foto: Friederike Haupt, September 2005