Floyd Perch alias "Papa Kojak"
mit Freundin "Baby Mother"

Foto: Friederike Haupt

Let it play, Papa Kojak!
Gastbeitrag von Friederike Haupt

Wer Conch Soup sucht, findet Papa Kojak. Nicht immer zwar, dafür aber umso überraschender. Läuft man abends in Negril, Jamaika, die Hauptstraße entlang, vorbei an aufgesägten Metallfässern, in denen junge Männer Jerk Chicken zubereiten, vorbei an parkendes Taxis, aus deren Boxen laut Peter Tosh singt, vorbei an den kleinen Bars und vorbei an den letzten insektenumschwirrten Straßenlaternen, läuft man also an alldem vorbei, gelangt man zum Alfred's. Zwanzig Meter vom Strand entfernt, eine kleine Holzhütte ohne Reklameschrift oder Lampionketten - man könnte fast denken, ein Wohnhaus. Fast: Wäre da nicht das an die Straße gestellte Schild mit der schlichten Aufschrift "Conch Soup here". Aus der Conch-Muschel, einer der berühmtesten Spezialitäten der Karibik, wird auf Jamaika eine scharfe Suppe gemacht, die es in den wenigsten Restaurants, dafür aber umso schmackhafter in den kleinen Garküchen am Straßenrand gibt. So also auch im Alfred's.


Hinter einem brüchigen, niedrigen Holzzaun ein kleiner, sandiger Hof, ein Grill, ein großer Tisch, an dem ein Mann und ein Mädchen sitzen. Aus der Hütte kommt - wie aus allen Hütten und Häusern auf Jamaika - Reggae, ein paar Jungs tanzen drinnen. Am Grill steht Doggy und ruft: "Wanna Conch Soup? Soon come!" und lacht. Ohne eine Antwort abzuwarten, bringt er die Suppe an den Tisch, dazu kleine knubbelige Flaschen mit Red Stripe, dem jamaikanischen Bier, macht einen Witz über seinen Namen, Doggy, und kichert durch seine vielen Zahnlücken. Man fängt an zu essen, da fragt plötzlich der Mann, der mit am Tisch sitzt: "Like Reggaemusic?" Man bejaht, was auch sonst auf Jamaika, und er fragt weiter: "Know Papa Kojak?" Doggy schmunzelt hinter seinem Grill, als man mit dem Kopf schüttelt, woraufhin der Mann am Tisch sagt: "I'm Papa Kojak." Und er erzählt: Er heißt Floyd Perch, sein Künstlername ist aber Papa Kojak, ein Name, den jeder kennt auf Jamaika, fünf Nummer-1-Hits hier, und morgen muss er nach Kingston, fünf Autostunden von Negril entfernt, ins Tonstudio, neue Aufnahmen. Doggy bringt eine neue Runde Bier.

Später am Abend holt Papa Kojak einen kleinen, uralten CD-Player aus der Hütte, legt eine CD ein: seine eigene. "Aka Papa Kojak" heißt sie und ist schon neun Jahre alt. Am nächsten Tag wird der Taxifahrer Neville, gefragt, ob er denn Papa Kojak kenne, nur müde lächeln und erzählen, dass der in der Vergangenheit lebe, in den Zeiten seiner früheren Erfolge. Nicht ganz abwegig: Als das erste Lied beginnt, "Love sweet love", singt er mit, man erkennt, dass das dieselbe Stimme ist, und angelockt von der Musik kommt Papa Kojaks Freundin mit der kleinen Tochter an den Tisch. "Babymother" nennt er sie, die Mutter seines Babys eben, nicht mehr und nicht weniger. Sie dreht die Musik lauter, tanzt mit dem schlafenden Baby im Arm und strahlt über das ganze Gesicht - Papa Kojaks Musik kann sie immer hören, sagt sie. Am nächsten Tag will sie mit in die Hauptstadt fahren, um die Backvocals für die neuen Aufnahmen zu singen. Ab und zu springt an diesem Abend die CD in Doggys altem Player, und weil Papa Kojak beweisen will, dass sie nicht kaputt ist - er will sie schließlich den Besuchern verkaufen - beschließt er, dass man kurz zu einem Freund mit einer besseren Anlage gehe, um "Aka Papa Kojak" dort anzuhören.

Der Freund ist ein strohblonder Aussteiger aus den USA, verheiratet mit einer Jamaikanerin, und hat einen kleinen Shop, ein paar hundert Meter vom Alfred's entfernt. So klein ist der Shop, dass nur ein Kühlschrank und eine Anlage, die in etwa so groß ist wie der Kühlschrank, hineinpassen. Im Kühlschrank ist Red Stripe, in der Anlage schnell die mitgebrachte CD. "Alright", ruft Papa Kojak, nimmt seinen Strohhut ab und setzt sich auf den Hocker vor den Shop. Der Amerikaner lässt die Beine vom Kühlschrank baumeln, verteilt Bierflaschen und dreht die Musik lauter. Die "Baby Mother" tanzt, das Baby schläft immer noch und Papa Kojak geht in sich. Er müsse sich sammeln für die Aufnahmen morgen, erklärt er, nimmt eine Denkerpose ein und schweigt. Nur manchmal erklärt er etwas zu seinen Liedern.

Zunächst fällt beim Hören auf, dass Papa Kojak, obwohl er normalerweise Patois, das jamaikanische Englisch, spricht, sich in seinen Songs - den internationalen Markt im Auge? - auf relativ reines Queens-English beschränkt, auch wenn Wörter wie "Jah" und "Babylon" eingestreut sind. Es geht um love, fancy cars, spirit, summertime und "the best time of your life". Auch die Melodien sind nicht besonders experimentell, dafür aber eingängig; man kann schnell mitsingen, was Papa Kojak freut: "Respect, man!", grinst er. Ein Song, "Mama don't cry", lockt den meditierenden Sänger kurzzeitig aus der Reserve, der 46-Jährige erzählt ein bisschen von seiner Mutter, die zwar nicht mehr lebe, aber immer bei ihm sei. Sein absolutes Lieblingslied auf dem Album ist jedoch "What time is it?" Als im Refrain die Zeile "What time is it?" kommt, guckt er zunächst neckisch auf sein Handgelenk, als wäre dort eine Uhr - als die Backroundsängerinnen mit "Time to unite" antworten, muss Papa Kojak lachen. Außerdem, so erzählt er, seien bei diesem Song 24 Instrumente zum Einsatz gekommen. Und tatsächlich hört man auf "Aka Papa Kojak" allerlei verspielte Hintergrundmusik, die man auf anderen Reggaeplatten vermisst. Als das letzte Lied verklungen ist, möchte die "Baby Mother" gar nicht aufhören zu tanzen - doch Papa Kojak gibt das Zeichen zum Aufbruch. Die CD, die in der neuen Anlage kein einziges Mal gesprungen ist, ist schnell verkauft, und freundlich verabschieden sich der Sänger und seine Freundin.

Am nächsten Abend sitzt Papa Kojak wieder im Alfred's. Warum er nicht in Kingston sei? Es sei etwas dazwischen gekommen, eine Schießerei im Tonstudio oder eine Überbuchung, so genau ist das nicht zu verstehen. Man fahre aber am nächsten Tag, und es stehe auch eventuell eine DVD-Produktion an. Und dann fragt Papa Kojak, ob man denn im Hotel noch einmal "Aka Papa Kojak" gehört habe? "Sure, man."

© Text und Foto: Friederike Haupt, September 2005


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