Vom hässlichen Entlein zum Schwan
PLACEBO-Drummer Steve über das neue Album, Rock am Ring/Rock im Park und eine vergessene Kneipen-Tour
von Stephan Stöckel


Placebo sind zurück. Roh und heftig. Und mit atmosphärisch-mystischen Balladen. Die drei Musiker aus London blicken auf ihrem neuen Album "Meds" tief, ganz tief in die Abgründe menschlicher Psychen. Sie erzählen uns Geschichten von zerbrechlichen Seelen, die durchdrehen, weil sie ihre Medikamente vergessen haben zu nehmen ("Meds"), lassen Scham und Schrecken, die sich nach einer Drogennacht morgens im Badezimmer spiegeln, vor dem geistigen Auge des Zuhörers lebendig werden ("Cold Light Of Morning").
Die Musiker von "Placebo" kommen aber auch zurück in eine Gegend, die ihnen sehr vertraut ist. "Rock im Park" machte aus drei Newcomern eine von den Massen gefeierte Headlinerband.

Was nur eingefleischte Fans wissen: Schlagzeuger Steve Hewitt hatte am 3. Juni 1994 mit seiner ehemaligen Combo "Breed" das Publikum im Independent-Club "Zebra" in Hausen bei Bad Staffelstein zu Begeisterungsstürmen hingerissen.

Mit Stephan Stöckel plauderte er über das aktuelle Album, alte Zeiten und das Doppel-Festival "Rock im Park/Rock am Ring". Die Band "Placebo" zählt zu den Top-Gruppen des Open Airs, das vom 2. bis 4. Juni in Nürnberg und in der Eifel über die Bühnen geht.


Ihr habt es geschafft, ohne großen Rummel und unbemerkt von der breiten Öffentlichkeit zu einer der erfolgreichsten Bands weltweit aufzusteigen. Welche positiven Auswirkungen hatte dieser Umstand auf Eure kreative Arbeit?

Steve: Ich denke keinen. Wir haben schon immer versucht, Musik in einem, wie ich es nenne, künstlerischem Vakuum zu machen. Zu keinem Zeitpunkt unserer Karriere haben wir uns von kommerziellen Strömungen in unserem musikalischen Schaffen beeinflussen lassen. Wir gehen unseren eigenen Weg und lassen uns von niemandem diktieren, welche Art von Liedern wir schreiben. Das hat dazu beigetragen, dass die Gruppe "Placebo" nun schon seit einem Jahrzehnt existiert.

VV, die Sängerin der amerikanischen Band "The Kills" ist bei dem Song "Meds" mit von der Partie; die Jungs von "Bloc Party" wollen Eure Single "Because I Want You" mixen. Wie fühlt man sich von anderen Musikern verehrt zu werden?

Steve: Ich denke "verehren" ist ein zu starkes Wort. Jede Form der Würdigung ist schmeichlerisch für uns. Das Duett mit VV, die wir seit längerem kennen, war eigentlich gar nicht eingeplant. Es kam eher zufällig zustande. Es war ein wunderschöner Zufall, der dem Song eine ganz besondere Schönheit verleiht. Wenn junge Musiker, wie die von "Bloc Party", Notiz von uns nehmen, dann empfinde ich das als Bestätigung unserer künstlerischen Arbeit. Zudem zeigt es uns, welche Bands wir mit unserem Sound beeinflussen.

Um das unwirtliche, metallisch tönende Klangbild des Songs "Space Monkey" zu erzeugen, hast Du Dir ein ganz besonderes "Schlagzeug" gebastelt. Woraus besteht es?

Steve: Aus einem Keyboardständer, einem Feuerlöscher, einer großen leeren Plastikflasche, wie sie in Wasserspendern auftaucht, und einem Fahrrad. Wir benutzten viele Dinge, die nach Metall klangen. Herausgekommen ist ein ziemlich verrückter Sound. Es hat mir großen Spaß bereitet, darauf herumzutrommeln.Zum ersten Mal benutzten wir auf einem Album ein Fahrrad als Instrument - wirklich abgefahren.

Steckt hinter dem kryptischen Album-Titel "Meds" eine tiefere Bedeutung?

Steve: Nicht wirklich. "Meds" ist im britischen und amerikanischen Slang eine Kurzform für Medikamente. In dem gleichnamigen Lied geht es um eine Person, die vergisst, ihre tägliche Dosis an Pillen einzunehmen. Diesmal wollten wir einen kurzen, griffigen Titel für unser Album haben und da fiel uns die Abkürzung ‚Meds' ein.

Für gewöhnlich findet man auf euren Alben immer Songs mit politischen Inhalten. In den Stücken eures aktuellen Werks geht es mehr um Gefühle und persönliche Dinge. Das überrascht umso mehr, wenn man bedenkt, dass ihr zu der Zeit im Studio wart, als in London die fürchterlichen Terroranschläge passierten.

Steve: Stimmt. Der Entstehungsprozess war jedoch zu weit fortgeschritten, um die Geschehnisse in einem Lied zu verarbeiten. Wir haben es diesmal vermieden, politische Dinge anzusprechen. Auf unserem neuen Album geht es mehr um Liebe, Verlust und Besessenheit, um Dinge, die jedem in seinem täglichen Leben widerfahren können.

Weshalb beschäftigt ihr Euch in Euren Texte sehr oft mit den dunklen Seiten des Lebens?

Steve: Ich denke, es hat damit zu tun, wie wir erzogen wurden, wie wir uns fühlten, als wir jünger waren. Auf eine gewisse Art waren wir damals Außenseiter. Die Musik ist für uns das Vehikel, solche Gedanken auszudrücken. Man findet aber auch Humor in unseren Texten.

 

 

 

Das Lied "Broken Promise" wurde zusammen mit Michael Stipe von "R.E.M." aufgenommen. Wie kam es dazu?

Steve: Wir waren gerade fertig mit den Demoaufnahmen zu dem Song und nach Paris geflogen, wo wir Werbung für unser "Greatest Hits"-Album machten. Da kam Michael Stipe in das Foyer unseres Hotels hereinstolziert. Brian hatte ursprünglich daran gedacht, eine Frauenstimme für das Duett zu verwenden, da kam mir plötzlich Michael Stipe in den Sinn. Wir sind mit ihm seit ein paar Jahren befreundet. Er hat den Spielfilm "Velvet Goldmine" über die Glamrock-Ära produziert, in dem wir mitspielen. Michael fand die Idee spannend und sagte zu. Er konnte sich im Studio stimmlich so richtig austoben. Wir alle sind sehr glücklich, ihn als Duettpartner gewonnen zu haben.

Am Anfang Deiner musikalischen Karriere hast Du mit deiner früheren Band "Breed" in kleinen Clubs, wie dem "Zebra" gespielt. Zudem erinnere ich mich an Konzerte mit "Placebo" in Nürnberg Mitte der 90er Jahre, wo Ihr euch nach den Auftritten mit Fans in einer Kneipe getroffen habt. Wie denkst Du aus heutiger Perspektive über diese Zeit?

Steve: Welch Zufall. Beim Essen heute Mittag habe ich an die guten, alten Zeiten gedacht. Mir wurde bewusst, dass ich schon eine sehr lange Zeit durch die Welt toure. Ende der 80er Jahre fing alles an. Ich tourte mit "Breed" durch viele kleine Clubs in Deutschland. Mitte der 90er Jahre verschlug es uns ins idyllische Hausen. Obgleich wir oftmals vor einem kleinen Publikum spielten, zogen wir die Konzerte durch - aus Freude an der Musik und unseren Fans zuliebe. Damit sind schöne Zeiten verbunden. Manchmal vermisse ich diese Zeiten, wo ich mich noch ungezwungen vor oder nach einem Konzert mit Fans unterhalten konnte. Aber auch der Erfolg, den ich heute mit "Placebo" genieße, hat seine schönen Seiten: Wir reisen in komfortablen Bussen um die Welt und übernachten in feinen Hotels.

Ihr zählt zu den Stammgästen von Rock im Park/Rock am Ring. 1997 habt ihr noch auf einer kleinen Bühne gespielt, inzwischen zählt ihr zu den Topgruppen. Was bedeutet Dir dieses Festival und wie siehst Du die Entwicklung, die Ihr auf diesem Open Air genommen habt?

Steve: Rock im Park ist das größte Freiluftspektakel Deutschlands. Vergleichbar dem englischen Reading-Festival ist es sehr rockorientiert. Das Publikum hat uns über die Jahre lieb gewonnen. Es ist ein schönes Gefühl, dort immer wieder auftreten zu dürfen und von den Fans enthusiastisch gefeiert zu werden. Das von Dir gewählte Beispiel mit "Rock im Park" zeigt, dass wir live über die Jahre zu einer immer besseren Band gereift sind. Aus einem hässlichen Entlein wurde ein wunderschöner Schwan.

Mit welchen Gefühlen siehst Du "Rock am Ring" und "Rock im Park" entgegen?

Steve: Ich bin sehr gespannt darauf. Bei unserem letzten Auftritt mussten wir für einen Headliner einspringen, der kurzfristig hatte absagen müssen. Wir waren also nicht wirklich die Top-Band des Festivals. In diesem Jahr hingegen nehmen wir eine herausgehobene Stellung ein. Mal sehen wie uns die Fans aufnehmen werden. Ich hoffe, sie mögen die neuen Songs. Zudem freue ich mich darauf, "Depeche Mode" und "Franz Ferdinand" zu erleben - zwei Bands, die ich sehr mag.

Text: © Stephan Stöckel, März 2006
Fotos: © emimusic.de

Neues PLACEBO-Album "Meds"


 

 

 

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