Deutlich abwechslungsreicher geht es auf "Québec" zur Sache. Putumayo stellt damit, anlässlich ihres 400. Geburtstags, die Hauptstadt der gleichnamigen Provinz in den Vordergrund, die in den letzten Jahren durch die Betonung ihrer sprachlichen und kulturellen Eigenständigkeit von sich Reden machte: Die Bevölkerungsmehrheit in Québec ist französischen Ursprungs, Französisch ist deshalb inzwischen als Ergebnis eines harten Ringens zwischen frankophoner und englischsprachiger Bevölkerung als 1. Amtssprache etabliert worden, mit allen Konsequenzen für das öffentliche Leben inkl. Straßenschildern und Werbeplakaten. Inzwischen setzt sich sogar hierzulande die französische Aussprache von Städten wie eben Québec oder auch Montreal durch.
Der Putumayo-Sampler "Québec" widmet sich nun der agilen Musikszene im französischsprachigen Teil Kanadas. Dabei lassen die Beiträge nicht nur sprachliche Nähe zum Mutterland erkennen: Auch stilistisch gibt es viele Verbindungen, die für einen regen Austausch zwischen frankokanadischen und französischen Künstlern sprechen.
Berührungsängste gibt es nicht. "Star Académie"-Gewinnerin Annie Villeneuve steht gleichberechtigt neben der etablierten Schauspielerin und Interpretin Chloé Sainte-Marie, der Independent-Band "Polémil Bazar" oder "La Bottine Souriante", die vielleicht noch am ehesten den speziellen Sound Québecs einfangen, weil ihr Sound wie ein Schmelztiegel der verschiedenen Einwandererkulturen aus England, Schottland, Frankreich und Irland klingt. "Québec", so hört man dieser Sammlung an, führt ein kulturelles Eigenleben. Es betont den individuellen Ausdruck der Gruppen, aus denen sich die kanadische Bevölkerung zusammen setzt, verliert dabei auch die Ureinwohner nicht aus dem Blick, und achtet sehr genau darauf, sich vom angloamerikanischen Mainstream abzugrenzen. So ist "Québec" soziologische Studie und unterhaltsames Album zu gleichen Teilen.
© Michael Frost, 23. August 2008