Die große Comeback-Show:
DIE RÜCKKEHR DER SUPERSTARS


Seit dem Streit mit seiner Plattenfirma war es lange still um George Michael. Nach seinem Bruch mit Sony wechselte der Parade-Popper der 80er zunächst vom Plattenregal in die Klatschspalten und brauchte einige Zeit um sich neu zu sortieren. "Patience" ist sein erstes Album mit neuen Songs seit acht Jahren und das erste überhaupt, mit dem er die LP-Charts in Deutschland toppen konnte. Ganz nebenbei machte Michael seinen Frieden mit Sony und unterschrieb für "Patience" einen neuen Vertrag.
Ihm folgt Prince. Auch er unterschrieb wieder einen Vertrag mit einem Major-Label und darf sich gleichfalls Hoffnungen auf einen Charterfolg machen. Prince und George Michael sind aber keineswegs die einzigen, die zurück ins Rampenlicht wollen: Inzwischen formieren sich die Retro-Stars als Bewegung.



Neues Album nach 17 Jahren:
Agnetha Fältskog

Headliner der Festivals:
David Bowie

Nach dem Pop-Olymp der Oscar:
Annie Lennox

Das überraschendste Comeback folgt in diesen Tagen: Agnetha Fältskog, "die Blonde von Abba", hat nach langer Auszeit eine Platte aufgenommen, die noch in diesem Frühjahr erscheinen soll - 30 Jahre nach dem Grand Prix Gewinn von Abba mit "Waterloo". Ganze 17 Jahre dauerte ihre kreative Pause, und dennoch kann die Schwedin sicher sein, dass sie keineswegs in Vergessenheit geraten ist: der Abba-Kult ist lebendiger denn je.

Andere Größen der letzten zwei Jahrzehnte waren nie richtig weg und sind doch heute so präsent wie lange nicht mehr. David Bowie gehört dazu. Seine jüngeren Alben "Hours", "Heathen" und "Reality" werden übereinstimmend zu seinen besten Aufnahmen gezählt, und gemeinsam mit The Cure gehört er zu den Headlinern der Sommer-Festivals.

Auch David Byrne ("Talking Heads") sorgt mit seiner aktuellen Produktion "Grown backwards" für Furore, und seit im vergangenen Jahr auch Fleetwood Mac wieder zusammenfanden, scheint überhaupt keine Reunion mehr ausgeschlossen: Selbst Kraftwerk ist wieder da.

Oder Annie Lennox. Die letzte CD der britischen Pop-Diva lag bereits einige Jahre zurück, als sie im Frühjahr 2003 ihr drittes Solo-Album "Bare" vorstellte. Davor war sie für eine Produktion mit ihrem Eurythmics-Partner von einst, Dave Stewart, ins Studio zurückgekehrt um das Album "Peace" aufzunehmen. Ihren größten Erfolg feierte Annie Lennox jedoch in diesem März, als ihr nämlich der Oscar für den besten Filmsong überreicht wurde. Sie ist Co-Autorin und Interpretin des Schlusssongs des letzten Teils der "Herr der Ringe"-Trilogie.

Jede Rückkehr "alter" Heroen von einst wird nicht nur von einem großen Promotion-Aufwand begleitet, sondern trifft offenbar auch den Geschmack des Publikums. Oft erzielen die neuen Produktionen sogar größeren Absatzerfolg als früher. Als das norwegische Poptrio A-ha vor vier Jahren mit dem Album "Minor Earth - Major Sky" in die Plattenläden zurückkehrte, konnten wohl auch sie nicht ahnen, dass diese CD zu ihrer erfolgreichsten Produktion überhaupt werden sollte. Und Nena musste noch nicht einmal neue Songs einspielen, um die Charts zu stürmen: Ihr reichte eine zeitgemäße Überarbeitung ihrer Hits aus den 80ern.

Doch den Bundesverband der Phono-Industrie, der über Verkaufszahlen und Absatzmärkte wacht, überraschen diese Erfolge kaum noch, denn die Gruppe der 40-Jährigen, die mit den Talking Heads, Abba, der Neuen Deutschen Welle oder den Eurythmics groß wurde, wird mehr und mehr zur wichtigsten Zielgruppe der Plattenindustrie.




Angehörige dieser Generation erweisen sich nämlich als vergleichsweise resistent für die illegalen Download-Verlockungen des Internet. So schrieb etwa ein Fan in einem Depeche Mode-Forum, er wolle auf den Gang in den Plattenladen am Veröffentlichungstag nicht verzichten: "Ein neues Depeche Mode-Album muss zelebriert werden, und ich genieße den Moment, zu Hause die Schutzfolie von der Hülle zu entfernen, die CD einzulegen und während des Hörens im Booklet zu blättern."

Das altmodische Kaufverhalten dieser Altersgruppe hievt ihre Stars wieder in die Charts - und könnte Bohlens "Superstars" mittelfristig alt aussehen lassen. Ein neues Album von Sting, Phil Collins oder U2 ist immer eine sichere Bank - auch in lausigen Zeiten. Die privaten Fernsehsender haben den Trend längst erkannt und nehmen Revival- und "Mania"-Shows gleich serienweise ins Programm - peinliche Exzesse wie die "Comeback-Show" auf Pro7 mit Sängern, die schon früher niemand hören wollte, inklusive. Immerhin: Was für die Senioren der Musikantenstadl, das ist für den Vierzigjährigen Hape Kerkelings 70er-Jahre-Show.

Dennoch ist es sicher nicht die Aussicht auf den kommerziellen Erfolg allein, der die Stars von früher in die Aufnahmestudios treibt - und das gilt nicht nur für Agnetha Fältskog, die gemeinsam mit Ex-Mann Björn, Benny und Annifrid zum Weltkonzern aufstieg und noch heute mehr Platten verkauft als manch aktueller Act.

Neben der positiven Erfolgsprognose ist es vermutlich die Leidenschaft der Bands und Musiker selbst, die sie zu neuen Taten schreiten lässt. Im Gegensatz zu den Casting-Sternchen von heute sind die meisten der hier Genannten wirkliche Künstler und Pioniere ihres Genres, die Musikgeschichte schrieben: "Ich bin von Herzen Musiker und Künstler", sagt Prince, "das ist mein Beruf." Warum also sollte er sich - mit 45 Jahren im besten Alter - bereits aufs Altenteil zurückziehen und tatenlos zusehen, wie mäßig begabte Casting-Sternchen seine Lieder zersingen?

© Michael Frost, 15. April 2004

Jedes Album eine sichere Bank:
Sting

"Von Herzen Musiker und Künstler":
Prince

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