Wie aus einer anderen Welt
Historische Aufnahmen von
Roma-Musikern


Die Berliner Plattenfirma "Asphalt Tango" begann
im vergangenen Jahr eine Reihe,
die sie "Sounds of a Bygone Age" nennt.
Historische Aufnahmen von Roma-Musikern
wurden dafür aufbereitet und werden nun
in unregelmäßigen Abständen veröffentlicht.
Zwei Folgen sind bereits erschienen,
für September 2006 wurde die dritte CD angekündigt.
CD-KRITIK.DE stellt die Neuveröffentlichungen
jeweils an dieser Stelle vor.



Den Beginn machte bereits im November 2005 der rumänische Geiger Ion Petre Stoican. Seine Karriere war durchaus typisch: wie die meisten Roma-Musiker verdiente er seinen Lebensunterhalt durch Auftritte bei Hochzeitsfeiern - oft an vier Tagen in der Woche" - oder anderen Festen. An eine Schallplattenaufnahme war lange nicht zu denken, zumal sein Wirkungskreis überwiegend in den Dörfern lag. In Bukarest war Ion Petre Stoican lange Zeit unbekannt. Dennoch gelang ihm 1965 die Veröffentlichung einer Schallplatte: Die Behörden ermöglichten ihm die Aufnahme als Belohnung, weil Stoican durch Zufall bei der Erfassung eines lang gesuchten Spions hilfreich war.

Sounds from a Bygone Age Vol. 1
ION PETRE STOICAN

Asphalt Tango Records
ATR 0805 (2005)

Doch erst 1977 erschien seine erste reguläre Schallplatte. Er engagierte dafür mehr als ein Dutzend Begleitmusiker, deutlich mehr als für ein normales Ensemble üblich, und Stoican selbst ist mit seiner Geige und als Sänger zu hören. In hohem Falsett, wie zu der Zeit üblich, hört man ihn mit all den wilden und leidenschaftlichen Tänzen und Liedern, ohne die eine traditionelle Roma-Hochzeit in Rumänien und auf dem Balkan wohl bis heute nicht vorstellbar ist. Stoican selbst spielte diese Lieder auch weiterhin. Er starb, so sein damaliger Trompeter Costel Vasilescu, bald nach den dramatischen Ereignissen der rumänischen Revolution von 1989.



Die zweite Veröffentlichung der "Songs from a Bygone Age" führt noch weiter in die Vergangenheit zurück, genauer in das Jahr 1964. In diesem Jahr entstand die Aufnahme der Bukarester Sängerin Romica Puceanu. Es waren, wie Grit Friedrich in ihrem Begleittext zu der CD-Reihe schreibt, die "goldenen Jahre" der 'Lautari'-Generation, wie die Musiker genannt wurden, und von ihnen zehren auch Romica Puceanus damalige Begleiter, die Brüder Aurel (Geige) und Victor (Akkordeon, Gesang) Gore bis heute.

Sounds from a Bygone Age Vol. 2
ROMICA PUCEANU & THE GORE BROTHERS

Asphalt Tango Records
ATR 1006 (2006)

Anders als Ion Petre Stoican, der sich abseits einer Schallplattenveröffentlichung weiterhin als Hochzeitsmusiker verdingte, verkauften die Gore-Brüder bis heute einige tausend Schallplatten. Die Musik war in der Familie fest verankert, denn der Vater der Gore-Brüder hatte - auch dies ein durchaus repräsentativer Werdegang - seinen Lebensunterhalt als Musiker in Restaurants verdient.

Die Karriere von Romica Puceanu begann bereits in den 30er Jahren. Sie war die Lieblingsinterpretin der Gore-Brüder, eine "lebendige, lustige Frau, die das Studio nie ohne ihren Teebecher betrat - gefüllt mit Cognac" (Friedrich). Sie starb 1996, zwei Jahre nach jetzt auf CD vorliegenden Aufnahme, auf dem Rückweg von einem Auftritt bei einer Hochzeitsfeier bei einem Verkehrsunfall.


 

 


 


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