Von den Rändern ins Zentrum
Ein norwegisches Jazz-Label lädt zur Entdeckungsreise
zwischen Avantgarde und Tradition / von Hans Happel

Kommt die Erneuerung, die den Jazz vor allen Verhärtungen, vor jedem Dogma und puristischer Normierung bewahrt, eher von den Rändern als von den dominierenden Zentren? Anders gefragt: Was ist in der gegenwärtigen Szene Zentrum, wo liegen die Ränder? Kann Skandinavien noch als Rand bezeichnet werden?

Hier soll auf ein norwegisches Label hingewiesen werden, das mit außergewöhnlichen Produktionen von sich reden macht. Die CDs von „rune grammofon“ sind schon in ihrem Design bemerkenswert: Die schlichte Aufmachung – meist mit winzigen Buchstaben und bunten, stilisierten geometrischen Figuren, die Scheiben selber streng einfarbig, ohne jeden Aufdruck - gibt den Alben einen konzeptionellen Anstrich und betont damit, was hier musikalisch stattfindet: „rune grammofon“ führt die Hörenden auf eine Entdeckungsreise in die Welt der Mischkulturen zwischen Free Jazz und Rockmusik, zwischen Avantgarde und Tradition, zwischen elektronischer Musik und akustischen Graswurzel-Klängen.

 

ELEPHANT9
DodoVoodoo

RCD 2075/ RLP 3075 / CARGO
EAN: 7033662020751 / 7033662030750
(Mai 2008)


„Avant-Fusion“ – so ein US-Magazin zu diesem Stil-Mix – hat zwar wenig mit den klassischen Fusion-Formen zu tun, die seit den 60-er Jahren die Gräben zwischen Rock und Jazz meist notdürftig zu überbrücken suchten, aber viele der Aufnahmen und der hochkarätigen kleinen Ensembles dieses Labels wecken genau den Geist jener Zeit:

Wer die Stücke des Trios Elephant9 hört, glaubt sich in die End-60-er Jahre versetzt, in die Live-Acts von Megabands wie Procul Harum, Deep Purple, The Nice oder Pink Floyd, wenn die Sologitarristen oder Keyboarder zu minutenlangen Improvisationen ansetzten, bis sie buchstäblich den Höhepunkt erreichten. In rasendem Tempo – unterstützt von dichten Schlagzeugattacken (Torstein Lofthus) und ostinaten Bassfiguren (Nikolai Eilertsen) – scheint Keyboarder Stale Storlokken jene Höhenläufe von damals neu zusammenzusetzen zu einer Art Endlosschleife aus Höhepunkten.

Damit zeigt er zugleich die Formelhaftigkeit jener Überwältigungsstrategien, ohne jedoch den wilden Untergrund dieser Musik zu verraten. Das Collagieren, Verdichten und Auseinanderpflücken gehört zur Methode dieses Trios und der fast 10-minütige Eingangstitel „DodoVoodoo“ gibt dem Debüt-Album von Elephant9 nicht zufällig seinen Namen. Im Mittelpunkt stehen Orgel und elektrisches Klavier, im Mittelpunkt stehen die Gefühle und Formeln der späten 60-er und frühen 70-er Jahre, Fragmente aus Rock, Psychodelic und Jazz.

Elephant9 entfalten dichte, intensive Klangräume, in denen ein bestimmter Rhythmus erst ganz allmählich – fast aus der Stille heraus – geboren wird. Die Musiker überspannen niemals den Bogen, auch dann nicht, wenn sie die musikalischen Richtungen, in die sie gehen, permanent ändern. Sie sind keine kühlen – oder coolen – Nachlassverwalter ausgeborgter Alt-Formeln, sie spielen mit Herzblut, was auch deshalb so direkt und unverbraucht klingt, weil bei den Aufnahme-Sessions generell auf digitale Tricks, auf Overdubs verzichtet wird. Die Kraft, die Rock und Jazz gleichermassen zugrunde liegt, soll wieder hörbar gemacht werden, das klingt nach rauer Authentizität, obwohl sie nur Zitat ist, das klingt vor allem nach Lust an den wilden untergründigen Seiten der Musik, die hier – überraschend gelungen – wieder aufgeschlagen werden.

BOX
Studio 1

RCD 2070 / CARGO
EAN 7033662020706
(Februar 2008)

 

Zu den Exponenten dieser norwegischen Szene, die sich jeder seichten Gefälligkeits-Kultur verweigert, gehört neben Stale Storlokken auch der Gitarrist Raoul Björkenheim. Für den Filmemacher Philip Mullarkey haben sich die beiden im Stockholmer Atlantic-Studio zwei Tage lang mit dem Bassisten Trevor Dunn und dem Drummer Morgan Agren zusammen getan, um ohne vorherige Proben oder Pläne miteinander ins Spiel zu kommen. Die sechs Nummern auf dem Album „Box – Studio 1“ heißen denn auch allesamt nicht anders als „untitlet“. Es sind ebenso wilde wie meditative Klangcollagen – in denen die Farbe der von Björkenheim gespielten Viola da Gamba eine besondere Rolle spielt.

In lang anhaltenden Improvisationsstrecken werden alle festen melodischen und rhythmischen Strukturen aufgebrochen, um die Elemente dann wieder zusammen zu fügen. Wie bei Elephant9 ist das erfrischend Raue, der Charme des Direkten unmittelbar hörbar. Björkenheim beruft sich auf Hendrix und Zappa, unter den Jazz-Größen auf Miles Davis, John Coltrane, Charles Mingus und Eric Dolphy. Die unbetitelten - mit Nummern versehenen - Stücke seiner „Box“ sind keine ausgeklügelten Experimente am Mischpult, so ungewöhnlich und gewöhnungsbedürftig sie auch klingen, hier wird belebend musiziert und das betörend schön.

HILDE MARIE KJERSEM
A Killer For That Ache

RCD 2077/CARGO
EAN 7033662020775
(ab Ende September 2008)


Betören können auch die Songs der Vokalistin Hilde Marie Kjersem, deren Album „a killer for that ache“ Ende September erscheint. Die 27-jährige Singer-Songwriterin, die mit sieben Geschwistern aufgewachsen ist, wusste seit ihrem 10. Lebensjahr, dass Musik ihre Passion werden würde. Ihre ohrwürmigen Songs – alles Eigenkompositionen - sind zwar weit von jeder Avantgarde entfernt, es sind hochwertige Pop-Songs.

Jenseits aller Sentimentalität erinnern sie ebenfalls an jene Sixties-Wellen, mit denen eine Frische in die Pop-Musik gespült wurde, in der sich ein neues Lebensgefühl offenbarte. Das wird jedoch in den klaren, intimen, einfachen Melodien niemals zur klebrigen Nostalgie-Feier. Dafür sorgen schon die vier Musiker, die Hilde Marie Kjersem - an Saxophon, Bass, Trompete, Drums – diskret begleiten. Dafür sorgt vor allem sie selber, die mit ihrer herben Stimme einen intimen Ton entfaltet, der unmittelbar unter die Haut geht.

Es ist „pop music with a twist“, wie „rune grammofon“ in der Eigenwerbung zutreffend formuliert. Die größere oder kleinere Drehung ist das Geheimnis dieser wundersam leichten und leuchtenden Songs, die den 60-er Jahren abgelauscht scheinen, aber ganz gegenwärtig wirken. Der „Twist“ ist das Geheimnis dieses eigenwilligen, mutigen Labels, das vom Rand her kommend, dem Jazz eine neue Farbe oder besser: neue Töne gibt.

© Hans Happel, September 2008

next www.runegrammofon.com

 




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