SONGS AN EINEM SOMMERABEND
Ein Festival wird volljährig



Die "Songs an einem Sommerabend" werden volljährig. Das Festival geht in diesem Jahr zum achtzehnten Mal über die Bühne des bayerischen Kloster Banz, eine beachtliche Leistung für ein Programm, das sich weit abseits üblicher Open-Air-Festivals etablieren konnte. Eigentlich sind es zwei Sommerabende, die alljährlich den so genannten Liedermachern, den Chansoninterpreten und Folkmusikern gewidmet sind. Kaum einer, der hier nicht in den vergangenen Jahren wenigstens einmal aufgetreten wäre: Reinhard Mey, Hannes Wader, Klaus Hoffmann, Reinhard Fendrich, Hubert von Goisern und Rosenstolz, um nur einige der größeren Namen aus dem deutschsprachigen Raum zu nennen, aber auch internationale Stars wie die inzwischen leider verstorbene Ofra Haza, Ester Ofarim, Fado-Sängerin Dulce Pontes, Folk-Legende Ralph McTell oder Klarinetten-Virtuose Giora Feidman.


Sizilianische Hamburgerin:
Etta Scollo

Mixtur aus Fado und Folklore:
Dulce Pontes

Klassiker unter den Liedermachern: Klaus Hoffmann

Wegbereiter des politischen Lieds: Hannes Wader

 

 





So überrascht es wenig, dass die Verantwortlichen der "Songs an einem Sommerabend" inzwischen die 4. Festival-CD veröffentlichen konnten. Dabei handelt es sich erneut nicht etwa um Mitschnitte des Festivals, sondern sämtlich um Studioversionen der neunzehn vorgestellten Titel, mit denen der Zuhörer auf eine Zeitreise durch die vergangenen Festivaljahre geschickt wird, angefangen bei der Chanteuse Joana ("Reimen muss sich's auch"), die in diesem Jahr auch zum Moderatorenteam des Festivals gehörte.

Begrüßen konnte sie im bayerischen Bad Staffelstein u.a. Stammgäste wie Lydie Auvray und Klaus Hoffmann, außerdem die gebürtige Sizilianerin Etta Scollo, die seit Jahren eine Instanz auf deutschen Konzertbühnen ist, sowie Naked Raven, die Alternative-Popband aus Australien, auch sie seit einigen Jahren eine feste Bank deutscher Open-Air-Bühnen.

Die Klassiker deutschsprachigen Liedermachertums werden auf der neuen Compilation u.a. durch Hans Eckhardt Wenzel, Willy Astor und Ludwig Hirsch repräsentiert, doch am Ende steht - fast zwangsläufig - eine gemeinsame Aufnahme von Reinhard Mey, Hannes Wader und Konstantin Wecker: "So troll'n wir uns". Damit erinnert das wortgewaltige Trio an eine Zeit, als ein Liedermacher (neudeutsch: Songwriter) vor allem einen politischen Inhalt transportieren wollte, Gesellschaftskritik übte und sich in den Dienst von Bürgerbewegungen und Alternativkultur stellte.

Diese Zeiten mögen inzwischen der Vergangenheit angehören, der Berechtigung dieses engagierten Festivals hat der Trendwechsel jedoch nichts anhaben können. Behutsam gingen die Initiatoren mit der Zeit, ohne ihre Ideale zu verraten, indem sie die "Songs an einem Sommerabend" als Format etablierten, das Unterhaltung und Anspruch nicht als Gegensatz, sondern als gegenseitige Bedingung proklamiert. Auch das ist schon - allzumal in Zeiten allgemeinen Castingwahns - mehr als politisch.

© Michael Frost, Aug. 2004


 

Musette-Virtuosin:
Lydie Auvray
Kammerpopmusik from Downunder:
Naked Raven
Flamenco-Exzentriker:
Bernardo Sandoval

 

SONGS AN EINEM SOMMERABEND VOL. 4
(Pläne Records)

01.JOANA - Reimen muss sich's auch
02.HANNES WADER - Manche Stadt
03.LYDIE AUVRAY - Oh ma Cannelu
04.BODO WARTKE - Grässlich vergesslich
05.ETTA SCOLLO - Piano Piano
06.BERNARDO SANDOVAL - Carino
07.WILLY ASTOR - Diamant
08.LUDWIG HIRSCH - Die Hand
09.NAKED RAVEN - Someday
10.HANS ECKHARD WENZEL - Herbstlied
11.ACAJO - La Storia Di Orso
12.DULCE PONTES - Lagrima
13.RALPH MCTELL - After Rain
14.KLAUS HOFFMANN - Da wird eine Insel sein
15.COLIN WILKIE - Empty Chairs
16.TITLA - S'Innofeldmandl
17.BARBARA ZANETTI - Papa
18.MEY / WADER / WECKER - So trolln wir uns
19.LYDIE AUVRAY & STREICHQUARTETT INDIGO - Tango Taquin


[Archiv] [Up]