"Ein verzerrter Akkord ist wie ein Fallrückzieher"
Florian Weber von den "Sportfreunden Stiller"
spricht über seine Liebe zum runden Leder

von Stephan Stöckel



Es musste ja so weit kommen: Wer, wie die "Sportfreunde Stiller" aus München, ständig mit dem runden Leder kokettiert, sein Debütalbum "So wie einst Real Madrid" nennt und selbst bekennender Kicker ist, der stimmt auf kurz oder lang eine Hymne auf den Fußballsport an. Passend zur WM haben Peter S. Brugger (Gesang und Gitarre), Rüdiger Linhof (Bass) und Florian Weber (Schlagzeuger) ein ganzes Album mit rockig-poppigen Stadiongesängen eingespielt, die abgehen wie Torschüsse und mit allerhand Fallrückziehern garniert wurden.

Drummer Weber ging zudem unter die Literaten. Er erschuf den witzigen Roman "You'll Never Walk Alone", über den Bayern-Star Mehmet Scholl sagt: "Florian Weber beschreibt sehr humorvoll nicht nur die Geschichte eines Fußballverrückten, sondern auch meine und die tausend anderer Buben, die von Fußball und Musik in den 80ern gefangen genommen wurden." Bei Rock im Park in Nürnberg dribbelten die "Sportfreunde" mit Bällen und Instrumenten eifrig vor und hinter der Bühne herum, schauten obendrein auch noch Fußball. So kam es, dass Florian Weber erst nach dem Festival Zeit fand, um mit Stephan Stöckel über die schönste Nebensache der Welt zu plaudern.


Ich habe euch in Nürnberg vor Eurem Tourbus rumkicken sehen…

Florian: Wir haben die Kugel zum Lockerwerden immer dabei - ob auf Parkplätzen oder einem Festivalgelände.

Das Album und Dein Buch sind fast zeitgleich erschienen. Kalkül oder Zufall?

Florian: Es war Zufall. Als der Verlag mir angeboten hatte, mein Buch zu veröffentlichen, war die Entscheidung über die CD noch gar nicht gefällt. Es passt natürlich gut zusammen.

"Wie fing das an, was ist passiert, was hat uns bloß so fasziniert?", singt Ihr über euren Freund das Leder. Wie würdest Du die Frage beantworten?



Florian:
Der Fußball ist geprägt von Ästhetik und Formvollendung, strahlt eine Magie aus, wie kaum eine andere Sportart. Es ist die Einfachheit des Spiels, die uns fasziniert. Als aktiver Fußballer liebe ich die filigranen Bewegungen. Zudem vereint Fußball die unterschiedlichsten gesellschaftlichen Gruppen und weckt die verschiedensten Emotionen: von Freude über Trauer bis hin zur Wut.

Spielt ihr selbst Fußball?

Florian: Sänger Peter und ich spielen beim "Atomic Allstars Thekenteam", der Mannschaft des Münchener "Atomic Cafés", in dem viele Konzerte stattfinden. Erst gestern habe ich bei einem Hallenturnier mit meinen ehemaligen Kommilitonen hochwertigen Fußball auf Regionalliga-Niveau gespielt.


Welche Position spielst Du?

Florian: Ich bin der Denker und Lenker im Mittelfeld, der Dreh- und Angelpunkt eines jeden Spiels. Ich bin der wichtigste Mann auf dem Platz und ziemlich torgefährlich.

Wie war Deine gestrige Torausbeute?

Florian: Obwohl ich fünf Tore geschossen habe, hat mein Team zweimal verloren.

Es ist erstaunlich, wie Du Charaktereigenschaften von bekannten und weniger bekannten Kickern in Deinen Roman mit einfließen lässt. Woher kommt das Insiderwissen?

Florian: Ich bin seit dem sechsten Lebensjahr aktiver Fußballer. Zudem bin ich treuer Kicker-Abonnent. Ich bin jetzt 32. In den 26 Jahren ist viel Wissen hängen geblieben. Zudem bin ich Diplomsportwissenschaftler. Ich habe mit Sänger Peter Brugger an der Technischen Universität München Sport studiert.

Das Buch, das dem Leser vielerlei Identifikations- und Anknüpfungspunkte an das eigene Leben bietet, ist in einem kurzweiligen, ironischen Plauderton gehalten. Wie kommt's?

Florian: Es gab kein bestimmtes Rezept. Ohne einen Hintergedanken schrieb ich bei der letzten Tournee aus Langeweile die Geschichte auf. Ich wollte meine zwei Leidenschaften in einem Buch darstellen. Der Ton hat mich selbst verwundert. Ich hatte bereits mehrfach Artikel für Musikmagazine geschrieben, aber es war schon erstaunlich, wie leicht ich in einen Schreibfluss geriet. Die Geschichte ging mir locker und leicht von der Hand.

Vielleicht auch, weil sich darin autobiographische Züge befanden?


Florian: Sicher, wenngleich auch viele Sachen erfunden sind. Das Sammeln von Panini-Bildern, Spiele die 27:1 enden und der Klavierunterricht - das ist mir auch in meiner Jugend widerfahren. Zudem war mein Bruder, so wie der Bruder des Protagonisten in dem Roman, in punkto Musikgeschmack ein großes Vorbild für mich.


Was fasziniert Dich an skurrilen Persönlichkeiten, wie Vinnie Jones aus Wales - Rekordhalter im Erlangen der schnellsten gelben Karte -, die einen Platz in Deiner Traumelf ergattert haben?

Florian: Vinnie Jones ist als ehrlicher, beinharter Fußballer bekannt. Durch seinen harten Körpereinsatz hat er es bis zum Kapitän der walisischen Nationalmannschaft gebracht. Er ist übrigens jetzt Schauspieler in Filmen, wie "Bube, Dame, König, Gras", die mich sehr ansprechen. Diese Leute sind für mich keine unbekannten Spieler. Colin Hendry zum Beispiel habe ich 1992 bei der EM in Schweden live im Stadion gesehen. In meiner Traumelf befinden sich Spieler, die mir in meiner Jugend etwas bedeuteten.



In Deinem Roman beschreibst Du Schlagzeuger als maskuline, starke, verrohte Typen, als Antreiber, Taktgeber, Brecher und Extrovertierte. Wenn ich dich so charakterisieren würde, wie würdest Du darauf reagieren?

Florian: Ich würde sagen, Du hast absolut recht. Klar gibt es auch Drummer, die ihr Instrument streicheln, aber es gefällt mir besser, wenn es knallt.

Was bedeutet Dir Morrissey, dessen Lied "There Is A Light That Never Goes Out" eine tragende Rolle in Deinem Roman spielt?

Florian: Persönlich interessiere ich mich mehr für die "Smiths" als für seine Solo-Sachen. Seine Musik strahlt in meinen Ohren nicht mehr den Glanz der alten "Smiths"-Stücke aus. Die Aussage des Liedes, das jemand da ist, der einen bis ans Ende des Lebens begleitet, finde ich faszinierend.

Wo siehst Du Gemeinsamkeiten zwischen dem Fußball und der Rock- und Popmusik?

Florian: Beide Dinge werden mit Leidenschaft betrieben. Die Musik ist auch beim Fußball kein unwichtiger Faktor. Mit ihren lautstarken Gesängen feuern die Fans die Spieler auf dem heiligen Rasen an. Ein verzerrter Akkord im richtigen Moment ist für mich genauso wichtig und erfüllend, wie ein Fallrückzieher, der im Kreuzeck landet.

Derzeit wird der Konsument regelrecht überschwemmt mit Liedern zum Thema Fußball. Wie beurteilst Du diesen Trend?

Florian: Das ist ein logischer Trend. Vor der WM passiert viel, nicht nur im Musikbereich. Jeder schlägt in diese Kerbe. Wir meinen es mit unserem Fußballalbum ehrlich. Schon in früheren Jahren haben wir Songs und Albumtitel diesem Sport gewidmet. Wir sind voller Herzblut für das Thema. Ich finde das Verhalten der FIFA, alles in ihren Entscheidungsbereich stellen zu wollen, viel schlimmer als die Tatsache, dass derzeit viele Musiker von der WM profitieren wollen.

Wie kam es zu dem Albumtitel "You Have To Win Zweikampf?"

Florian: Das ist ein abgewandeltes Zitat des ehemaligen Bayern-Spielers Bixente Lizarazu, der einmal wörtlich gesagt hat: "First we have to win Zweikampf, that's the real culture of Bayern München." Das bedeutet so viel wie "Der harte Einsatz kommt vor dem filigranen Spiel".

Früher gab es immer die obligatorischen WM-Schlager mit der Fußballnationalmannschaft. Wie wäre es gewesen, ein Lied mit der Nationalelf einzuspielen?

Florian: Das wäre furchtbar schön gewesen. Man muss die Ansicht von Teamchef Jürgen Klinsmann akzeptieren, dass eine Plattenaufnahme die Jungs abgelenkt hätte. Ich hoffe, dass die Nationalelf vor den Spielen und in den Pausen fleißig unsere Musik hört und wir einen Beitrag leisten können, dass unsere Kicker Weltmeister werden.

Interview & Fotos: © Stephan Stöckel, Juni 2006

 

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