"Uns scheinen
Anti-Gene innezuwohnen"
"Tocotronic" kapitulieren auch auf ihrem neuen Album nicht vor dem Kommerz
von Stephan Stöckel

"Tocotronic", die "Angry young Men des Deutsch-Pop", wie die Helden der Hamburger Schule gerne bezeichnet werden, sind sich ihrer Anti-Haltung treu geblieben. In Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs singen sie von Ruin und Absage. Und nennen ihr neuestes, prachtvolles Opus "Kapitulation". Denn für die Musiker von der Waterkant ist es das schönste Wort in deutscher Sprache. "Wie Töne die Tonleiter hinauf, so gleiten die Silben die Zunge hinab", schwärmen Dirk von Lowtzow (Gitarre und Gesang), Jan Müller (Bass), Rick McPhail (Gitarre) und Arne Zank (Schlagzeug) im Manifest zu ihrem neuen Album, das nicht nur bei den Feuilletonisten, sondern auch bei vielen Rockfans großen Anklang fand.

Dirk von Lowtzow gerät ins Grübeln bei der Frage, was die Gruppe dazu bewogen habe, mal wieder gegen den Strom zu schwimmen. Mit ironischem Unterton spricht er davon, dass man ungewollt oder gewollt immer in irgendwelche Fettnäpfchen trete. "Uns scheint wohl eine Art Anti-Gen inne zu wohnen", meint er, ehe er es auf den Punkt bringt: "Uns hat die Kraft, die der Negation innewohnt, schon seit frühester Jugend fasziniert."

In Zeiten, in denen kaum mehr in Albumlänge konsumiert wird, lassen "Tocotronic" verwandte Themen, wie Zusammenbruch oder Absage wie einen roten Faden durch das Album ziehen. Dirk findet dieses Herangehensweise "ziemlich antiquiert" und außerdem fügt er hinzu, "hat's auch mehr Spaß gemacht."
Er empfindet keine Scheu dabei, ein Wort wie Ruin, das negativ besetzt ist, als einen Triumph zu empfinden. Seine Gedanken schweifen zu alten Sandalenfilmen, in denen Nero, mit dem Lorbeerkranz und der Leier vor dem brennenden Rom singt. "Der letzte Vorhang. Das ist so ungefähr das Bild, das uns vor Augen schwebt und das mich schon immer fasziniert hat."

Der Begriff der Kapitulation wird von ihm aber auch als eine Chance für einen Neuangang gesehen. "Deshalb haben wir das gleichnamige Lied bewusst fröhlich gehalten. Wir wollten, dass jeder die frohe Botschaft mitsingen und in die Welt tragen kann.

Das ebenfalls recht melodisch gehaltene Lied "Harmonie ist eine Strategie" hingegen sei abwertend gemeint. Dirk kritisiert die Harmoniesucht, die in unserer vernetzten Welt zu einem Mittel der Verfolgung der eigenen Karriere geworden sei. Wer mit jedem gut könne, sei der größte Stratege von allen, so der Musiker.

Unkonventionell, wie "Tocotronic" nun einmal sind, kommt das "Fuck It All" in Kapitulation ganz leise und zärtlich daher, denn so Dirk: "Geschrieen und krakeelt wurde ehe schon genug." Doch "Tocotronic" können auch anders, schreien sich ihren Zorn, wenn es sein muss aus der Seele. "Sag alles" heißt das Stück, das aus ihrer punkigen Frühphase stammen könnte. Woraus speist sich der Zorn, der in diesem Lied zum Ausdruck kommt? "Aus dem unverblümten Karrierismus vieler Menschen", erklärt Dirk.
"Tocotronic" wären nicht "Tocotronic", wenn sie nicht wieder aus dem reichhaltigen Fundus der Rock- und Popgeschichte zitieren würden.

Nach "AC/DC", "Europe" und "Sisters Of Mercy" sind diesmal die "Prinzen" an der Reihe, von denen sie sich mal kurz ihren Slogan "Entschuldigung, das halb ich mir erlaubt" gemopst haben. Dirk: "Das ist wie bei Köchen - solche Zitate geben unseren Speisen die besondere Würze."

Bei dem Titel "Kapitulation" dachte schon so mancher, "Tocotronic" würden die Segel streichen und mit einem denkwürdigen Album einen Schlussstrich unter eine phänomenale Karriere ziehen. Doch dem ist - Gott sei Dank - nicht so. "Man muss nicht immer alles wörtlich nehmen, oder?", wischt Dirk alle Befürchtungen beiseite. "Tocotronic" werde es immer geben. Denn irgend jemand müsse den Job ja machen, spielt er auf die Anti-Haltung der Band an. Und so dürfte das Konzert im Erlangener E-Werk am 1. November noch lange nicht das letzte gewesen sein.

© Stephan Stöckel, Oktober 2007
Foto: vertigo.fm




TOCOTRONIC LIVE 2007
07.10. - CH-Luzern - Schürr
27.10. - A-Graz - Kammersaal
08.10. - CH-Basel - Volkshaus 28.10. - A-Wien - Arena
09.10. - D-Stuttgart - LKA/Longhorn 29.10. - A-Wien - Arena
10.10. - D-Heidelberg - Halle 02 30.10. - A-Linz - Posthof
11.10. - D-Kassel - Musiktheater 31.10. - D-München - Tonhalle
12.10. - D-Bielefeld - Forum 01.11. - D-Erlangen - E-Werk
14.10. - D-Bremen - Schlachthof 02.11. - D-Magdeburg - Factory
15.10. - D-Kiel - MAX 04.11. - D-Leipzig - Haus Auensee
16.10. - D-Hamburg - Kampnagel 05.11. - D-Dresden - Alter Schlachthof
22.10. - D-Düsseldorf - Zakk 06.11. - D-Berlin - Columbiahalle
23.10. - D-Essen - Weststadthalle
24.10. - D-Hannover - Capitol
25.10. - D-Würzburg - Soundpark Ost

Tocotronic: Die Kapitulation
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