"Tocotronic",
die "Angry young Men des Deutsch-Pop", wie die Helden der
Hamburger Schule gerne bezeichnet werden, sind sich ihrer Anti-Haltung
treu geblieben. In Zeiten des wirtschaftlichen Aufschwungs singen sie
von Ruin und Absage. Und nennen ihr neuestes, prachtvolles Opus "Kapitulation".
Denn für die Musiker von der Waterkant ist es das schönste
Wort in deutscher Sprache. "Wie Töne die Tonleiter hinauf,
so gleiten die Silben die Zunge hinab", schwärmen Dirk von
Lowtzow (Gitarre und Gesang), Jan Müller (Bass), Rick McPhail (Gitarre)
und Arne Zank (Schlagzeug) im Manifest zu ihrem neuen Album, das nicht
nur bei den Feuilletonisten, sondern auch bei vielen Rockfans großen
Anklang fand.
Dirk von Lowtzow gerät ins Grübeln bei der Frage, was die
Gruppe dazu bewogen habe, mal wieder gegen den Strom zu schwimmen. Mit
ironischem Unterton spricht er davon, dass man ungewollt oder gewollt
immer in irgendwelche Fettnäpfchen trete. "Uns scheint wohl
eine Art Anti-Gen inne zu wohnen", meint er, ehe er es auf den
Punkt bringt: "Uns hat die Kraft, die der Negation innewohnt, schon
seit frühester Jugend fasziniert."
In Zeiten, in denen kaum mehr in Albumlänge konsumiert wird, lassen
"Tocotronic" verwandte Themen, wie Zusammenbruch oder Absage
wie einen roten Faden durch das Album ziehen. Dirk findet dieses Herangehensweise
"ziemlich antiquiert" und außerdem fügt er hinzu,
"hat's auch mehr Spaß gemacht."
Er empfindet keine Scheu dabei, ein Wort wie Ruin, das negativ besetzt
ist, als einen Triumph zu empfinden. Seine Gedanken schweifen zu alten
Sandalenfilmen, in denen Nero, mit dem Lorbeerkranz und der Leier vor
dem brennenden Rom singt. "Der letzte Vorhang. Das ist so ungefähr
das Bild, das uns vor Augen schwebt und das mich schon immer fasziniert
hat."
Der Begriff der Kapitulation wird von ihm aber auch als eine Chance
für einen Neuangang gesehen. "Deshalb haben wir das gleichnamige
Lied bewusst fröhlich gehalten. Wir wollten, dass jeder die frohe
Botschaft mitsingen und in die Welt tragen kann.
Das ebenfalls recht melodisch gehaltene Lied "Harmonie ist eine
Strategie" hingegen sei abwertend gemeint. Dirk kritisiert die
Harmoniesucht, die in unserer vernetzten Welt zu einem Mittel der Verfolgung
der eigenen Karriere geworden sei. Wer mit jedem gut könne, sei
der größte Stratege von allen, so der Musiker.
Unkonventionell, wie "Tocotronic" nun einmal sind, kommt das
"Fuck It All" in Kapitulation ganz leise und zärtlich
daher, denn so Dirk: "Geschrieen und krakeelt wurde ehe schon genug."
Doch "Tocotronic" können auch anders, schreien sich ihren
Zorn, wenn es sein muss aus der Seele. "Sag alles" heißt
das Stück, das aus ihrer punkigen Frühphase stammen könnte.
Woraus speist sich der Zorn, der in diesem Lied zum Ausdruck kommt?
"Aus dem unverblümten Karrierismus vieler Menschen",
erklärt Dirk.
"Tocotronic" wären nicht "Tocotronic", wenn
sie nicht wieder aus dem reichhaltigen Fundus der Rock- und Popgeschichte
zitieren würden.
Nach
"AC/DC", "Europe" und "Sisters Of Mercy"
sind diesmal die "Prinzen" an der Reihe, von denen sie sich
mal kurz ihren Slogan "Entschuldigung, das halb ich mir erlaubt"
gemopst haben. Dirk: "Das ist wie bei Köchen - solche Zitate
geben unseren Speisen die besondere Würze."
Bei
dem Titel "Kapitulation" dachte schon so mancher, "Tocotronic"
würden die Segel streichen und mit einem denkwürdigen Album
einen Schlussstrich unter eine phänomenale Karriere ziehen. Doch
dem ist - Gott sei Dank - nicht so. "Man muss nicht immer alles
wörtlich nehmen, oder?", wischt Dirk alle Befürchtungen
beiseite. "Tocotronic" werde es immer geben. Denn irgend jemand
müsse den Job ja machen, spielt er auf die Anti-Haltung der Band
an. Und so dürfte das Konzert im Erlangener E-Werk am 1. November
noch lange nicht das letzte gewesen sein.