"Anfänger"-Erfolg mit Schattenseiten
Interview mit Bassist Matthias von VIRGINIA JETZT!
von Stephan Stöckel


Blutige Anfänger sind Nino Skrotzki (Gesang und Gitarre), Mathias Hielscher (Bass), Thomas Dörschel (Gitarre und Tasten) und Angelo Gräbs (Schlagzeug), besser bekannt als "Virginia Jetzt", schon lange nicht mehr, auch wenn ihr neues Album "Anfänger" heißt. Getreu der Devise "Wer wagt gewinnt" haben sie ihrem spritzigen Gitarrenpop einen anspruchsvollen romantischen Pianotouch verliehen, der nicht nur bei "Bap"-Chef Wolfgang Niedecken, sondern bei einem breiten Publikum Zuspruch findet. Der Erfolg hat auch seine Schattenseiten: Wegen eines Randy Newman-Zitats in dem Lied "Liebeslieder"("Das ist mein Land, meine Menschen. Das ist die Welt, die ich versteh.") unterstellen linke Kreise der Band, Nationalstolz verbreiten zu wollen. Und auch die Heavy-Metal-Gemeinde streckt schon mal bei Konzerten den Stinkefinger aus, wenn die Band ihren romantischen Gefühlen musikalisch freien Lauf lässt. Für Bassist Matthias Hielscher kein Grund, sich die Freude über den doppelten Chartserfolg der Single "Ein ganzer Sommer" und des Albums "Anfänger" nehmen zu lassen. Stephan Stöckel plauschte mit dem Berliner Musiker vor seinem Konzert am 12. November im Erlangener E-Werk am Telefon.




Ländliches Idyll:
Virginia Jetzt!



 

 


Weshalb habt ihr das neue Album "Anfänger" genannt, wo Ihr doch bereits fünf Jahre auf dem Buckel habt?

Mathias: Es gibt viele Gründe, weshalb man Anfänger ist. Sollten wir in zwanzig Jahren auf diese Zeit zurückblicken, dann können wir feststellen: "Damals waren wir Anfänger." Aber auch bei der Aufnahme zu unserem neuen Album sind wir Anfänger gewesen: Viele Sachen haben wir zum ersten Mal gemacht. Wir spielten Klavierpassagen ein und wussten zunächst nicht, wie man sie am besten in die Arrangements der Lieder einbaut. Wir arbeiteten nicht bei jedem Lied im Refrain mit verzerrten Gitarren, sondern versuchten auf andere Art und Weise musikalische Größe hereinzubringen. Wenn Herbert Grönemeyer beginnt, etwas Neues auszuprobieren, dann wird auch er zum Anfänger. Zudem war der Song "Weil wir Anfänger sind" so etwas wie eine Initialzündung für den Albumtitel. In dem Song "Anfänger" wird beschrieben, wie man sich als Anfänger in einer Liebesbeziehung fühlt. In einer Liebe steht man immer am Anfang, egal wie lange die Beziehung schon dauert. Die Liebe erneuert sich, man erkennt neue Dinge am Partner und so wird man immer wieder zum Anfänger.

Wie kommt es, dass die Gute-Laune-Atmosphäre Eures Debütalbums auf dem neuen Werk einer gewissen Ernsthaftigkeit gewichen ist?

Mathias: Bereits auf dem ersten Album befanden sich einige ernste Stücke, wie "Weiterziehen". Allerdings legten wir damals den Blickpunkt mehr auf die rockigen Gitarren. Songs wie "Giganten" oder "Von guten Eltern" sind Paradestücke hierfür. Allerdings sehe ich keinen wahnsinnigen Bruch zwischen den beiden Alben. Der Unterschied liegt darin, dass "Anfänger" ein privateres Werk geworden ist. Der "Wir-Ton" wurde durch ein persönlicheres "Ich" oder "Du" ersetzt. Thomas, der die Texte schreibt, ist ein eher verschlossener Typ. Er fand den Mut, persönlichere Texte zu schreiben, in denen sich eigene Erfahrungen und Erlebnisse wiederspiegeln. Es ist ein Album geworden, dass man zu Hause in Ruhe hören kann, so wie eine Scheibe von "Coldplay" oder "Neil Young".

Das Piano tritt auf der neuen Platte stark in den Vordergrund. Ist das aus eigenem Antrieb heraus passiert oder habt Ihr Euch von allgemeinen Trends leiten lassen?

Mathias: Beides würde ich sagen. Thomas ist ein großer Fan des amerikanischen Pianisten "Ben Folds-Five". Allein daraus ergibt sich schon die Liebe zum Klavier. Ob im Studio oder beim Proben, Thomas hatte immer mehr Bock darauf, sich ans Klavier zu setzen. Es imponiert uns sehr, auf welch kraftvolle Art und Weise die englische Band "Coldplay" das Piano in ihren Stücken einsetzt. Auch wir verstehen das Piano nicht nur als Akkorde spendendes Hintergrundteil. Zum nächsten Geburtstag wollen wir ihm eine Krawatte mit Klaviertastatur schenken.

Euer Lied "Ein ganzer Sommer" wurde unerwartet zum Chart-Hit. Wie ist der Song entstanden, dessen Refrain "Zuerst kommt der Blitz, dann kommt der Donner. Und am Ende ein ganzer Sommer?" fast schon zum geflügelten Wort wurde?

Mathias: Das kann ich Dir nicht genau sagen, da Thomas das Lied geschrieben hat. Als er uns das Stück zum ersten Mal vorspielte, mussten wir lachen wegen der klaren Bilder, die in dem Song steckten. Es ist ein tolles Liebeslied, in dem eine Beziehung reflektiert wird. Der Blitz symbolisiert das Gefühl, frisch verliebt zu sein, der Donner steht für die Probleme in einer Beziehung, und wenn alles wieder in geordneten Bahnen verläuft, dann geht die Sonne auf.




 

"Die Presse hat nichts wichtigeres zu tun als zu schauen, ob nicht ein Musiker die Linie zum Nationalstolz überschreitet."

 

 


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Wegen eines Randy Newman-Zitats in dem Lied "Liebeslieder" unterstellen Euch bestimmte Kreise, Nationalstolz verbreiten zu wollen. Ist es nicht so, dass man, wenn man auf Deutsch singt, vermehrt der Kritik ausgesetzt ist, dass mit Argusaugen jedes Wort auf seine "political correctness" hin begutachtet wird, oder, um es mit Euren Worten zu formulieren, dass "die Sprache besetzt ist vom aller ersten Wort bis jetzt".

Mathias: Du hast das sehr schön formuliert. Man könnte das Ganze mit einem Vorfall vergleichen, der einem Bekannten von mir wiederfahren ist. Er fuhr mit seinem Fahrrad in Berlin über den Mittelstreifen einer Straße. Ein Polizist brummte ihm daraufhin eine Geldstrafe auf. Auch die Presse hat nichts wichtigeres zu tun, als zu schauen, ob nicht ein Musiker die Linie zum Nationalstolz überschreitet. Um den aufkeimenden Rechtsradikalismus zu bekämpfen, sollten sie nicht "Virginia Jetzt!" unter die Lupe nehmen. Es ist schon krass, was momentan passiert: Leute aus der Antifa-Bewegung tragen sich in unser Gästebuch ein und drohen uns "Wir kommen Euch besuchen". Ich verstehe es nicht, dass eine Musikzeitung, wie die "Intro", die uns seit Jahren wohlgesonnen ist, solche Kritik an uns übt. Auch renommierte Blätter wie die "Berliner Zeitung" oder die "Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung" setzten sich in Artikeln damit auseinander, wie heimatduselig und nationaltriefend, deutschsprachige Pop- und Rockbands angeblich seien.

Welche Gefühle hat diese Kritik bei Euch ausgelöst, die noch dazu in der Veröffentlichungswoche unerwartet auf Euch hernieder prasselte?

Mathias: Ich hoffe das ganze Theater ist bald wieder vorbei. In solchen Momenten denkt man manchmal daran, Lieder in englischer Sprache zu schreiben. Die inhaltslosen englischen Texte, die manche deutschen Bands schreiben, schrecken einen dann doch davor ab.



Einige Musikfans scheinen Euch ebenfalls nicht sehr wohl gesonnen zu sein. Sie schmähen Eure Musik als "Weicheimugge" und "Münchner Freiheit im Endorphin-Rausch". Wie geht ihr mit solcher Kritik um?

Mathias: Ich hätte nie gedacht, dass das Album solche Emotionen hervorruft. Auf der einen Seite gibt es die eingefleischten Fans, die euphorisch auf unser neues Werk reagieren und es gut finden, auf der anderen Seite gibt es Leute, die uns abgrundtief hassen. Sie schreiben in das Gästebuch unserer Homepage, wie scheiße sie uns finden, was ich wiederum als Kompliment empfinde. Bei einem Konzert stand einmal ein Fan in der ersten Reihe und zeigte uns eine Stunde lang den Stinkefinger. Auch das empfinde ich als eine Art Liebeserklärung an uns.

Bap-Sänger Wolfgang Niedecken ist Gast auf dem Bonustrack Eurer CD. Wie kam es dazu?

Mathias: Im vergangenen Jahr erschien zur Musikmesse "Popkomm" ein Sampler. Bekannte Bands und Interpreten, wie die "Toten Hosen", Nena oder "Bap", fungierten als Paten für junge, vielversprechende Gruppen und Interpreten, die jeweils mit einem Lied auf der Compilation-CD vertreten waren. Wir waren überrascht, fühlten uns zugleich aber auch geehrt, dass Wolfgang unsere Musik mag. Auf dem neuen "Bap"-Album sollte ursprünglich ein Gespräch zwischen uns und ihm stattfinden. Dazu kam es nicht. Als wir gerade im Studio in Köln am Mixen waren, riefen wir spontan Wolfgang an und fragten ihn, ob er nicht einen Satz für den Bonustrack sprechen würde. Er willigte ein und einen Tag später war sein Part im Kasten. Wolfgang ist ein herrlich entspannter Typ. Ich würde mir wünschen, es gäbe mehr junge Leute, die so herrlich entspannt wären wie der Bruce Springsteen von Köln.


Kür und Pflicht: "Im Sommer spielten wir im Vorprogramm von Alanis Morissette, wo wir wie der letzte Dreck behandelt wurden."

 


"Man muss es schon lieben wie es ist, die Kür und die Pflicht", heißt es in dem Bonussong. Sind Konzerte für Euch eher Kür oder Pflicht?

Mathias: Beides. Es gibt Konzerte, wo man vorher schon weiß, dass sie nicht toll sein werden, aber man macht sie der Kohle wegen. Im Sommer spielten wir zweimal im Vorprogramm von Alanis Morrissette, wo wir wie der letzte Dreck behandelt wurden. Das sind Pflichtkonzerte. Eine Riesenkür hingegen war im Herbst vergangenen Jahres die gemeinsame Tour mit der Gruppe "Miles", mit der uns eine große Freundschaft verbindet.

Wenn ich mich recht entsinne, musstet Ihr Euer Konzert im vergangenen Jahr im Nürnberger Musikclub "Klüpfel" absagen...

Mathias: Leider. Streptokokken-Bakterien hatten die Herzmuskeln unseres Schlagzeugers Angelo angegriffen. Als wir in Nürnberg angekommen waren, musste er sofort ins Krankenhaus. Wir hatten uns sehr geärgert, da wir mit dem "Klüpfel" sehr verwachsen waren. Im "Klüpfel" hatten wir unseren ersten Gig in Westdeutschland gespielt. Wir hatten dort bereits dreimal musiziert und jedes Mal die Besucherzahl verdoppelt. Das Konzert an dem besagten Abend war mit rund 300 Besuchern ausverkauft, die uns leider nicht erleben konnten. Bei dem Konzert im E-Werk mit "Miles" im Dezember vergangenen Jahres fiel der Strom aus. Das war eine lustige Sache, als die Fans und wir fünf Minuten im Dunkeln standen.


© Stephan Stöckel, September 2004

 

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