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Norweger in den 40ern
blasen zum Angriff
Gast-Kritik von Mike Hillenbrand


Fast auf den Tag genau zwei Jahre ist es her, dass die norwegische Band "a-ha" im Zuge der akut grassierenden 80er-Jahre-Revival-Welle ihr wohlvorbereitetes Comeback wagte. "Minor Earth, Major Sky" hieß die Platte, die in der Woche nach ihrer Veröffentlichung direkt auf Platz 1 der Deutschen Charts schoss und die den Auftakt zu einer vielbeachteten Live-Tour bildete. Die Operation "Comeback" wurde als erfolgreich abgeschlossen betrachtet, was aber in Kritikerkreisen einvernehmlich mehr der Qualität der überlegt durchgeführten PR als der des Comeback-Albums zugeschrieben wurde, - dessen lieblos und überladen klingende Produktion besonders in der Kritik stand.

Zwei Jahre später stehen a-ha nun in den Startlöchern zu beweisen, dass sie aus den Kritiken gelernt haben und stellten der musikalischen Journaille ihr neuestes Werk vor, das am 29. April veröffentlicht werden soll: "Lifelines".
Nachdem die hamburgsche Produktion von "Minor Earth, Major Sky" nicht nur von der Fachpresse, sondern auch von a-ha selbst kritisiert wurden, durften sich nun eine ganze Reihe von Produzenten-Teams (darunter Clive Langer, Alan Winstanley und Ian Caple aus England, Stephen Hague aus den USA und der als "Naid" bekannte Martin Landqvist aus Schweden) an den insgesamt 15 Stücken der neuen Scheibe probieren. In zwei Studios in Oslo, zwei in London sowie je einem in New York und Malmö entstanden die Tracks, die zusammen ein a-ha-Album bilden, wie es vorher tatsächlich noch keines gegeben hat.

Dies liegt aber nicht nur an den diversen Produzenten-Teams, sondern vor allem an der neuen Rollenverteilung innerhalb der Band. Hatte seit 1985 vor allem Paul Waaktaar-Savoy über 90% der a-ha-Songs entweder alleine oder in Zusammenarbeit mit Keyboarder Mags Furuholmen komponiert und getextet, beläuft sich sein musikalischer Einfluss auf dem neuen Album auf gerade einmal sechs Stücke, bei denen er mehr als noch auf der Vorgängerscheibe den Stil seiner anderen Band "Savoy" einfließen ließ. Die restlichen neun Songs wurden entweder alleine oder in Zusammenarbeit von Mags Furuholmen und/oder dem Leadsänger Morten Harket entwickelt. All diese Komponenten hört man dem neuen Album ebenso an, wie den Wunsch der Anfang der 40 stehenden Musiker endlich und entgültig dem Teenieband-Image zu entschwinden. - Das hatten sie 1993 zwar auch schon einmal mit ihrer von David Z produzierten Platte "Memorial Beach" probiert, diesmal könnten sie es aber tatsächlich schaffen, ohne einen kommerziellen Einbruch wie in den 90ern zu erleben. Denn die Stücke auf "Lifelines" sind anders als bei "Memorial Beach" gängige und moderne Pop-Produktionen geblieben, haben jedoch mit der "Take on me"-Vergangenheit der drei Norweger kaum noch etwas zu tun.

Für all die, die diese Zeiten dennoch hochhalten wollen, erscheint im Mai eine Live-DVD der Norweger, auf der auch alte Stücke präsentiert werden. Und in Nordeuropa sorgte unlängst die Ankündigung einer überarbeiteten Neuauflage des Erstlingalbums "Hunting High And Low" für Fanfreuden.

a-ha scheinen also ihren Frieden mit der Vergangenheit geschlossen zu haben, - ob sie allerdings eine Zukunft besitzen, muss sich erst noch zeigen. Denn die aufwendige Produktion von "Lifelines" lohnt sich für alle Beteiligten nur dann, wenn sowohl Chartplatzierungen wie Tournee ein Erfolg werden. Die Hallen in Europa, inklusive der Royal Albert-Hall in London sind bereits gebucht und mehr als nur ein Augenzwinkern scheint das a-ha-Management auch auf den U.S.-Markt geworfen zu haben, wo den drei Norwegern in jungen Jahren der ganz große Durchbruch verwehrt blieb. Dies soll sich nun ändern: Die drei Männer Anfang Vierzig haben sich viel vorgenommen - und sie blasen zum Angriff.


Die Songs im Einzelnen:

Lifelines - Balladen, die einem a-ha-Album ihren Namen geben, hatten schon bei "Hunting High And Low", "Stay On These Roads", "East of the Sun West of the Moon" und "Memorial Beach" außergewöhnliche Qualität. "Lifelines" ist hier keine Ausnahme. Die als zweite Single-Auskopplung vorgesehene Hymne an vergangene Tage ist das erste Highlight des Albums und überrascht mit einem a-ha-untypischen Refrain-Chorus

You Wanted More -Energiegeladen und mit modernen schnellen Beats kommt "You wanted more" daher. Ein Urteil, das bei a-ha-Songs nur selten vorkommt: Tanzbar.

Forever Not Yours - Die erste Singleveröffentlichung des neuen Albums ist ein Furuholmen/Harket-Stück und vielleicht der mit Absicht kommerziell gestaltetste Song von allen. Mit einem eingehenden, schnellen Klavier-Thema, das aber in den Beats teilweise untergeht, sowie Harkets berüchtigtem Falsettieren in den ersten Zeilen, soll ein ähnlicher Chart-Erfolg wie vor zwei Jahren mit "Summer Moved On" erzielt werden. Ein Unternehmen, das Aussicht auf Erfolg hat.

There's A Reason For It - Savoy meets a-ha. Ohne einen Credit für den Song zu kennen, ist der Einfluss von Waaktaar-Savoys anderem Bandprojekt auf diese Mid-Tempi-Klage an die anonyme Gesellschaft unverkennbar.

Time And Again - Nach dem Titeltrack kommt hier nun die zweite langsame Ballade des neuen Albums, die mit einem anspruchslosen, aber nett zu hörenden Refrain aufwartet.

Did Anyone Approach You? - Auf der anstehenden "Lifelines"-Tournee könnte dieser Song der perfekte Turn-Up für die Massen sein. Fröhlich und mitreißend.

Afternoon High - Von Musikjournalisten bereits mit dem Potenzial zum Sommerhit 2002 beglaubigt und von der Plattenfirma bewusst in die Nähe der Beatles gerückt, kann man "Afternoon High" bei aller Skepsis zumindest eine Eigenschaft nicht absprechen: nett.

Oranges On Appletrees - Ein schnelles Stück, mit dem a-ha erneut den neuentdeckten mehrstimmigen Chorus zelebrieren und mit einer für a-ha eher ungewöhnlichen Zwischeneinlage.

A Little Bit - Ein bescheiden anmutender Song mit hoher Mitklatsch-Garantie. Sollte auf der Live-Tour nicht fehlen.

Less Than Pure - Ähnliche Stücke wie dieses gab es von a-ha bereits auf ihren Alben "East of the Sun West of the Moon" und "Memorial Beach". "Less Than Pure" wartet dazu jedoch mit einem tanzbaren Rhythmus auf.

Turn The Lights Down - Ebenso wie Pal Waaktaars kreative Vorherrschaft auf dem neuen Album gebrochen wird, ist auch Harkets Stimme nicht mehr die einzige. Höhepunkt dieser Entwicklung ist das Duett mit Anneli Drecker, die schon die "Minor Earth, Major Sky"-Tour in 2000 stimmkräftig begleitete und in Norwegen ein gefeierter Star ist. Ob der Song aber auch einen kommerziellen Charakter besitzt, ist zumindest zweifelhaft.

Cannot Hide - Ein Song, der vielleicht am besten das moderne "a-ha" verkörpert: Rockig, Vergleichsweise schnell und erneut tanzbar.

White Canvas - Enges Zusammenspiel zwischen Instrumenten und Stimme machen "White Canvas" zu einer nett anzuhörenden Ballade.

Dragonfly - Dieser Song aus der Feder von Magne Furuholmen wurde von diesem auch als eigenes Projekt fernab von a-ha gesungen. Dass die Version mit Morten Harkets Stimme einen wesentlichen Teil von der originalen Eigenheit verliert, ist Fluch und Segen zugleich.

Solace - Der letzte Track auf "Lifelines" ist erneut eine Ballade, die auf eingängige Art das Lieblingsgefühl der drei Norweger vermittelt: Die Melancholie über die Vergänglichkeit des Seins.

Fazit: Das neue Album der einstigen Teenie-Stars, die sich selbst so gerne als missverstandene Künstler betrachten, weist durch die aufwendige Produktion und die Änderung in der Hackordnung des Songwritings tatsächlich eine bisher unerreichte Tiefe auf, die "Lifelines" zumindest zu einem der besseren a-ha-Alben machen dürfte.

Wertung: Fünf von Sechs Punkten.

vorschau A-Ha Tour-Daten

"A-ha: Lifelines"
ist eine Gast-Kritik von Mike Hillenbrand.

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