INTERVIEW mit LADY & BIRD
Keren Ann & Bardi Johannsson

Sie ist eine der wichtigsten Vertreterinnen des Nouvelle Chanson in Frankreich; er ist Bandleader einer isländischen Gruppe von internationalem Format - und gemeinsam sind sie Avantgarde: Keren Ann und Bardi Johannsson produzierten 2003 ein viel beachtetes Sideprojekt.
"Lady & Bird" ist ein schaurig schönes Konzeptalbum der Extraklasse, atmosphärisch dicht und vollgepackt mit elegischen Melodien und Songs, das die Geschichte zweier Kinder erzählt, die in den Körpern Erwachsener gefangen sind. Im März 2004 erscheint die CD auch in Deutschland.

Das folgende Interview führten Kollegen des französischen Magazins www.popnews.com im Oktober 2003 mit Lady und Bird. Für die Erlaubnis des Abdrucks einer deutschen Übersetzung bedanken wir uns herzlich.



Zu Beginn wollte ich euch sagen, dass eure Platte einem kleinen dreijährigen Jungen Angst gemacht hat. Während des letzten Liedes hat er sogar geweint.
Lady: Wo wohnt er?

In Reading in England.
Lady: Das ist normal, die Leute in Reading weinen häufig.

Wie geht es euch damit, dass ihr Leute zum Weinen bringt?
Bird: Das macht mir nichts aus.
Lady: Ich denke bloß, dass die Leute in Reading viel weinen.
Bird: Das ist schrecklich, wenn Kinder weinen.
Lady: (wirkt ein wenig mitgenommen) Scheiße, das ist das erste Mal, dass uns das passiert ...
Bird: Das ist ziemlich merkwürdig ...
Lady: Das ist nichts, was wir vorhergesehen hätten (lacht betreten). Ich wollte niemanden zum Weinen bringen.
Bird: Mir ist es egal, ob er geweint hat. Es ist nicht meine Schuld.
Lady: Ja, ich weiß, es ist nicht unsere schuld, aber ... was jemand beim Hören unseres Albums empfindet, das ist nicht unsere Schuld.
Bird: Das bereitet ihn auf später vor. Weil zwangsläufig Leute, die einem nahe sind, sterben werden. Da ist es gut, möglichst früh darauf vorbereitet zu sein. Aber dies ist kein Album für Kinder. Das wäre so, als ob du einen kleinen Jungen mit in einen Horrorfilm nimmst. Klar, dass der Junge dann weint.
Lady: Aber das ist kein Horror-Album. Es könnte ein Album für Kinder sein, weil es darin eine Geschichte gibt, der auch sie folgen können. Für Kinder ist es viel schlimmer, wenn jemand stirbt, dem sie nahe sind ... Weißt du, das erste, wovon man sich überzeugt, ist, dass man eines Tages sterben wird.
Bird: Aber wir sind auf diesem Album nicht tot.
Lady: Ja, man muss diesem Kind sagen, dass wir noch am Leben sind. Am Ende des Liedes kann man uns weiter sprechen hören.

Und 'It's all in our minds' (letzter Satz auf dem Album)?
Lady: Ja, alles ist in unserem Geist.

 


Keren Ann

 

 

 

 

 

Bardi Johannsson

 

Keren Ann

 
Bardi Johannsson

 


Um auf das Album zurückzukommen, ich würde gern wissen, wie ihr euch kennen gelernt haben.

Lady: Dazu können wir nichts sagen.

Nein? Ihr habt euch einfach so Seite an Seite gefunden wie auf dem ersten Lied des Albums, das ist alles?
Lady: Ja.
Bird: Wir sind in einem Studio gelandet.
Lady. In Brüssel.
Bird: Und in Reykjavik.
Lady: Und in Paris.
Bird: Und in Sudavik.
Lady: Und anderswo ... Wir waren dort, das ist alles, wir waren an diesen Orten, aber wir wissen nicht mehr wie wir dort hingekommen sind. (...)

Ok ... Also, ihr habt euch in diesen Körpern wiedergefunden? Aber sind das nicht eure richtigen Körper? Wie seht ihr denn in Wirklichkeit aus?
Lady: Wir haben keine physische Präsenz. Wir sind Kinder, gefangen in den Körpern von Erwachsenen. Aber das ist nur die Hülle, wie wir in unserer Sprache sagen.

Hattet ihr ein Ziel, als ihr das Album gemacht habt?
Lady: ...
Bird: Wir haben uns keine Fragen gestellt. Wir haben darüber nicht gesprochen. Es ist einfach passiert.
Lady: Man stellt sich solche Fragen nicht.
Bird: Das ist zu kompliziert für kleine Kinder, man macht einfach, was man macht.
Lady: Ja (...) Es ist zu anstrengend, wenn man zu viel nachdenkt.
Bird: Dann fühlen wir uns schlecht.
Lady: Ja, sehr schlecht. Man macht einfach, was man macht.
Bird: Es ist besser, weniger zu denken ...
Lady: ... und mehr zu machen.

Also kann man sagen, dass das Album sehr instinktiv entstanden ist?
Bird: Ja. Das erste Lied sagt wirklich alles, was es über das Album zu sagen gibt. "Do what I do", tu, was ich tue; sieh, was ich sehe; fühle, was ich fühle - ohne eine bestimmte Richtung.
Lady: Alles ist in uns selbst. Und man kann nicht wirklich erklären, wie das alles auf einem Ding landet, das CD heißt.
Bird: Wir machen einfach, was wir tun, und wir machen es so, ohne Richtung. (...)

Und die beiden Cover-Versionen "Suicide is painless" und "Stephanie says", ist es damit genauso, habt ihr die auch einfach nur so aufgenommen, weil sie sich euch aufdrängten?
Lady: Nein, nein, nein, nein, nein, es gibt für jede Wahl einen sehr speziellen Grund. Für "Stephanie", weil wir Vorhersagen sehr mögen.
Bird: Ja, Wettervorhersagen.
Bird: Es macht uns glücklich, im Fernsehen Wettervorhersagen zu sehen.
Lady: Das ist unsere Lieblingssendung.
Bird: Wir lachen immer dabei. In Brüssel sehen wir "Weather Channel", und am Ende des Liedes heißt es "It's so cold in Alaska".
Lady: Und im Fernsehen haben wir gesehen, dass das stimmt. Es ist wirklich kalt in Alaska. Also haben wir den Song gemocht, weil es stimmte.

Und bei "Suicide is painless"?
Lady: Weil wir die Band lieben.
Bird: (...) Die Worte sind depriminierend, aber die Musik ist ziemlich fröhlich. (...)
Lady: und auch ... Die Botschaft ist am Ende des Liedes: "You can do the same thing if you please". Und das wollten wir. Wir wollten wirklich genau das Gleiche machen, also haben wir das gleiche Lied gemacht. Wir haben die Songs wegen der Aussage ihres letzten Satzes gewählt. "Stephanie says", weil es in Alaska kalt ist, und "Suicide is painless", weil wir dasselbe machen wollten.

Wie die Coversongs, ist das ganze Album sehr traurig. Seid ihr traurige Kinder?
Lady: Das ist unser Schutz. Das ist nicht unsere Schuld. Das ist, weil die Menschen schlecht sind. Bevor wir in den Körpern der Erwachsenen eingesperrt wurden, machten wir uns nicht klar, dass die ganze Welt versucht, dich in ein Monster zu verwandeln. Nicht notwendigerweise, um dir weh zu tun, aber, um anderen einen Gefallen zu tun. Also ... Es gibt Leute, die das machen, weil sie dir Schlechtes antun wollen ... Aber ... Das ist eine Art zu ... In unserem Schutzraum kann uns nichts passieren..
Bird: Wenn wir dort sind, und die Leute versuchen uns zu verletzten und uns wirklich furchtbare Dinge erleiden zu lassen, können sie uns nichts antun.

Und was sind das für schlimme Dinge, die sie euch antun wollen?
Bird: Wirklich schlimme Sachen! So schrecklich, dass wir nicht darüber sprechen können.
Lady: Ja, wirklich schrecklich. Manchmal sind es Lügen. Und manchmal sind es andere Dinge. Aber tatsächlich wollen sie uns in Monster verwandeln.
Bird: Wir waren vorher rein. Aber sie haben uns in Monster verwandelt. Aber weil wir Kinder sind, denken wir nicht so viel darüber nach. Wir akzeptieren, dass wir Monster geworden sind, und wir versuchen es zu ändern. Aber das ist genau wie mit dem Rauchen aufzuhören. Es tut weh. Also macht man es Stück für Stück. Manchmal klappt es zwei Tage, aber dann wirst du doch wieder zum Monster, und dann hörst du auf. Es ist wie eine Angewohnheit. Wenn du es nie getan hast, ist es kein Problem es zu lassen. Aber wenn du beginnst ... Es wird sehr schwer aufzuhören.




 

Aber seid ihr denn Kinder oder Monster?
Bird: Wir sind Monster.
Lady: Auf eine Art sind wir Monster, auf eine andere Art nicht. Zum Beispiel sind die menschlichen Körper Monster, aber wir selbst sind keine.

Eure Schilderungen sind sehr deprimierend ...
Bird: Ja, ich weiß ...

Das bedeutet auch, dass es keine Hoffnung gibt. Das ist sehr schlecht und hart für Kinder, solche Gedanken zu haben!
Bird: Ja, ich weiß, aber es ist die Wahrheit, wir haben uns davon überzeugt.

Was wird geschehen, wenn ihr groß werdet?
Lady: Nichts, die Körper werden sich zwar verändern, aber wir nicht.

Wie Peter Pan?
Lady: Peter Pan gibt es nicht. Wir wollten nach Neverland, wo Kinder Kinder bleiben, aber dort war gar nichts. Niemand. Shepard meinte, dass vielleicht alle schliefen, und dass jede Nacht einhundert Jahre dauere. Vielleicht lag es daran ... vielleicht schliefen sie alle.

Gibt es denn etwas, wovon ihr träumt? Einem Ort, wo Kinder rein und unschuldig bleiben?
Bird: Nein, wir haben begonnen uns in Monster zu verwandelen und wir können nicht mehr zurück. Vor zwei Jahren waren wir rein, aber jetzt ...
Lady: Jetzt sind wir schon Monster.
Bird: "I was found but now I am lost ..."

Es dauert nur zwei Jahre um sich so zu verändern?
Bird: Ja. Aber wir sind nur wie die Raucher die versuchen damit aufzuhören. Eines Tages wird es gelingen.

Fast ein Schlusswort!
Bird: Nein, nein, bleib, das ist nicht schlimm, wir müssen nicht essen oder eine Pause machen, wir haben unseren Wodka Black Death, das reicht ...

Es ist sehr traurig euch zuzuhören ...
Bird: Das kommt, weil die Leute furchtbar schlecht mit uns umgingen ...
Lady: Niemand kann unschuldig bleiben. Wenn man ein Monster ist, mitten unter anderen Monstern, hat man Spaß an den gleichen Dingen wie sie. Hinterher bereut man es. Man fühlt sich schlecht ...
Bird: Monster tun schlimme Dinge ...
Lady: Ja, schlimme Dinge! Wie können sie uns das nur antun?

Ihr habt viel davon gesprochen, euch gegenseitig zu beschützen, aber ich habe euch nie davon sprechen hören die Monster zu bekämpfen.
Bird: Nein, wenn du Monster bekämpfst, kommen sie anschließend zurück.

Das klingt nach einer Maxime von Nietzsche ...
Lady: Ja, Bird hat uns Nietzsche vorgelesen.

Eine letzte Frage, wie alt seid ihr?
Lady: Darauf können wir nicht antworten. Wir wissen nichts, weder über die Realität noch über unsere Identität. Einige Teile unseres Gedächtnisses sind in dieser Beziehung verhunzt.

Keren Ann

 

 

 

 

Bardi Johannsson

 

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Die Veröffentlichung dieses Interviews erfolgt mit freundlicher Genehmigung der Kollegen von www.popnews.com (Merci mille fois pour la permission!)
© Popnews.com, Oktober 2003
© der deutschen Übersetzung: Michael Frost, März 2004

Foto Credits:
© emimusic.de (Keren Ann)
© banggang.net (Bardi Johannsson)
© Labels Germany (Albumcover Lady&Bird)

 


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